Noch im selben Sommer besuchte Peary auch den Rand des Inlandseises an verschiedenen nördlicher gelegenen Stellen.
Wie man ersieht, ist im Laufe der Jahre durch diese vielen Expeditionen auf das Inlandseis und an dessen Rand ein großes Material von Beobachtungen zusammengebracht, das uns instandsetzt, einen einigermaßen zuverlässigen und vollständigen Begriff über die Beschaffenheit desselben an der ganzen Westküste entlang bis nach Upernivik zu bilden; durch zwei Expeditionen (Nordenskjöld 1883 und Peary 1886) haben wir auch erfahren, daß sich innerhalb des äußeren, mit Spalten und Unebenheiten angefüllten Eisrandes ein ausgedehntes, vollständig ebenes Schneefeld befindet, das sich sanft steigend nach dem unbekannten Innern zu erhebt.
Eine wesentliche Lücke in unserer Kenntniß dieses Inlandseises ist damit ausgefüllt, aber es bleibt noch vieles übrig, und Aufklärung über einen Theil derselben zu schaffen, war die Aufgabe unserer Expedition.
Von der Beschaffenheit des Inlandseises an der Ostküste wußte man nur wenig oder nichts; freilich hatte die dänische Frauenbootsexpedition unter Kapitän Holm viel von dessen Rand gesehen, aber man hatte keine Zeit gehabt, demselben weitere Aufmerksamkeit zu widmen, und das Eis selber war in jener Gegend noch von keinem Europäer betreten worden.[35] Schon eine Untersuchung der Beschaffenheit des Eises, des Steigerungsverhältnisses u. s. w. auf dieser Seite würde daher von Bedeutung gewesen sein.
Noch weit unbekannter war indessen das ganze Innere. Freilich konnte man aus den Resultaten der beiden letzten Expeditionen einzelne Schlußfolgerungen ziehen, wie es dort aller Wahrscheinlichkeit nach aussah, dies aber hatte nur einen geringen Werth, so lange Niemand dort gewesen war, und es erheben sich ja noch immer gewichtige Stimmen, welche die Ansicht verfechten, daß das Innere nicht ganz mit Schnee und Eis bedeckt sei. Obwohl ich niemals zu dieser Annahme geneigt hatte, erschien es mir, daß die Untersuchung der Höhen- und Steigerungsverhältnisse des Innern, mit anderen Worten die Form der ganzen Schnee- oder Eiskappe, welche Grönland bedeckt, von großem Interesse sein müsse.
Auf die meteorologischen Verhältnisse in Grönlands Innerm legte ich freilich ein noch größeres Gewicht. Zu einer irgendwie eingehenderen Kenntniß derselben hatten die früheren Expeditionen wenig oder nichts beigetragen, und ich sagte, scheinbar mit Recht, in meinem Artikel in „Naturen“ (Januar 1888),[36] „daß für den Meteorologen die Beobachtungen über das Klima, die Messungen der Temperatur, der Feuchtigkeit, des Windes und der Windrichtungen, die Aufklärungen über die Niederschläge und die Wolkenbildung auf diesen ungeheueren Schnee- und Eisfeldern von großer Bedeutung sein müßten; es herrschten hier Verhältnisse, die so völlig verschieden von den Verhältnissen in den Gegenden sind, von welchen man regelmäßige Observationen erhält“. Wie man später ersehen wird, sollte ich in dieser meiner Annahme in hohem Grade bestärkt werden. Ich könnte vielleicht hinzufügen, daß auch für die Geologen solche Aufklärungen von Wichtigkeit sein müssen; denn wie soll man sich eine irgendwie begründete Ansicht über den inneren Haushalt des Inlandseises — wenn man sich so ausdrücken darf — bilden, ehe man die Niederschlag- und Temperaturverhältnisse und dergleichen kennt, die auf dessen Oberfläche herrschen.
Dies schienen mir die wichtigsten Aufgaben zu sein, die in dem unbekannten Innern Grönlands zu lösen waren.
Welchen Nutzen aber können solche Aufklärungen bringen? Dieselbe Frage ist so manchen Entdeckungsreisen gegenüber aufgeworfen und wird bei jedem neuen Unternehmen aufgeworfen werden. Man könnte viel darauf antworten und u. a. daran erinnern, welchen Einfluß ein solches Hochland von Eis und Schnee auf das Klima aller angrenzenden Theile der Erde haben muß, wie jeder einzelne Theil der Erdoberfläche in genauem Zusammenhang mit den übrigen steht; aber allein schon der Umstand, daß Grönlands Inneres ein Theil und zwar ein nicht ganz unbedeutender Theil der Oberfläche dieses Planeten ist, auf dem wir leben, genügt, um den Wunsch zu erwecken, es kennen zu lernen, und nicht zu ruhen, bis dies geschehen ist, sollte auch der Weg über Gräber gehen.
Je eher das erreicht werden kann, desto besser.
[2] Aus dem Brief des Direktors an den Rath in Grönland. Bergen, den 19. April 1723. Die angeführte Stelle ist P. Eberliens Artikel im „Archiv für Mathematik und Naturwissenschaft, Kristiania 1890,“ entnommen.