Wenn also unsere Arbeit auch oft recht hart war, so hatten wir doch auch einen Ersatz in diesen Nächten mit Nordlicht und Mondschein, — denn auch dieser Theil der Erde besitzt seine Schönheiten. Wenn das ewig wechselnde Nordlicht seinen märchenhaften Tanz an dem südlichen Himmel in strahlenderer Pracht als sonst irgendwo antrat, so konnten wir alle Mühseligkeiten und alle Anstrengungen vergessen, oder wenn der Mond aufging und seine schweigsame Bahn über den sternbesäeten Himmel zurücklegte, auf den Gipfeln der Eiskämme spielend und die ganze todte, erstarrte Eiswelt in seinem Silberglanz badend, da senkte sich ein tiefer Friede über uns, und das Leben wurde uns zur Schönheitsoffenbarung. Ich bin fest überzeugt, daß diese nächtlichen Wanderungen über das grönländische Inlandseis einen unauslöschlichen Eindruck auf alle Theilnehmer der Expedition gemacht haben.

Anikitsok, Johnstrups Nunatak, Kornerups Nunatak u. s. w.
(Nach einer Photographie des Verfassers.)

Als wir um Mitternacht an eine steile und schwierige Steigung kamen, verschlimmerte sich unsere Situation: für jeden Schlitten waren jetzt mehrere Personen erforderlich, und trotzdem war die Arbeit fast unüberwindlich. Als wir dann aber einige hundert Fuß hoch an eine Eisfläche kamen, die sich so weit erstreckte, wie das Auge im Mondlicht reichen konnte, und die so hart und glatt war, wie das Eis auf einem stillen Binnengewässer, — da kannte unsere Freude und unser Staunen keine Grenzen. Ueberaus froh zu Muthe, schlugen wir unser Zelt gegen 2 Uhr auf, um ein wenig zu ruhen, Kaffee zu kochen und ein wenig zu essen, ehe wir weiter zogen. Wir waren ganz außer uns vor Entzücken über dies herrliche Terrain, — man konnte wohl kaum ein besseres finden, — und sprachen lange hin und her, wie lange es wohl währen könne, bis wir die Westküste erreichten, falls der ganze Weg bis dorthin dieser Eisfläche gliche. Ich meinte, daß es ganz vortheilhaft sein würde, wenn wir unsere Schlittenlast ein wenig verringern könnten, ohne unsern Proviant zu schmälern. Balto meinte, wir könnten wohl die Indianertruger zurücklassen, für die hätten wir sicher keine Verwendung. Ich erwiderte, das sei zutreffend, so lange das Terrain so gut wäre; es könne aber Niemand wissen, wie lange das währen würde. Da entgegnete Balto: „Zum Teufel auch, Ravna dort ist Berglappe und hat 45 Jahre in den Bergen gelebt, aber er sagt, er hat niemals solch Zeug benützt, und Niemand soll ihn alten Mann jetzt dazu zwingen, und dasselbe sage ich auch. Ich bin ebenfalls Lappe, und Niemand soll uns Lappen etwas auf dem Schnee lehren.“ Ich antwortete ihm lachend: „Ihr Lappen haltet Euch freilich für entsetzlich klug, aber trotzdem könnt Ihr noch verschiedenes lernen, ehe Ihr wieder nach Hause kommt“ — und ich erinnerte ihn daran, wie es mit den Schneebrillen ging, die er, als ich sie ihm in Kristiania zeigte, etwas unnützes nannte. Die Lappen aber waren es, die der Brillen zuerst bedurften.

Balto meinte, mit den Brillen, das sei etwas ganz anderes. Er könne ja nicht leugnen, daß er sie jetzt sehr zweckmäßig finde, aber diese Truger? Nein! Er verschwur sich hoch und heilig, daß er sie niemals an seine Füße schnallen werde. Er war jetzt so üppig geworden, daß er sich die Sünde, ganz nachdrücklich zu fluchen, häufiger leistete; das war übrigens für uns Andere ganz erbaulich, da es uns ein Beweis war, daß er sich wohl fühlte.

Leider währte die Freude mit dem glatten Eis nicht lange. Den Tag hindurch hielt es freilich an, und ein günstigeres Terrain wie dies hat wohl Niemand auf Grönlands Inlandseis erblickt. Wenn man es abgehobelt hätte, so könnte es nicht besser gewesen sein. Die Steigung war eben mit einem fast unmerklichen, langgestreckten Wogengang.

Um 11 Uhr des Vormittags machten wir Halt und schlugen unser Zelt auf. Die Sonne schien ebenso wie an den vorhergehenden Tagen derartig auf das Zelt, daß es dort ziemlich warm zum Schlafen war, einem der Gefährten wurde es sogar so warm, daß er hinausging und sich auf ein Persenning in den Schatten des Zeltes legte, um schlafen zu können.

Um ½7 Uhr waren wir wieder auf den Beinen. Als wir weiter kamen, verschlechterte sich das Terrain; ein feiner, frischgefallener Schnee bedeckte das harte Eis.

Wir merkten bald, daß wir mehr Nachtfrost bekommen würden, als uns lieb war, denn auf diesem staubfeinen, frischgefallenen Schnee glitten die Stahlschienen unter unsern Schlitten bei der Kälte von 7–8 Grad, die wir ungefähr hatten, wie über Sand, und nachdem wir ungefähr ¾ Meilen zurückgelegt hatten, sahen wir ein, wie thöricht es war, unsere Wanderung zu dieser Zeit fortzusetzen, jetzt war es vortheilhafter, am Tage zu gehen, wenn der Schnee nicht so hart war. Gegen 10 Uhr schlugen wir deshalb unser Zelt auf.