Das Kochen. (Nach einer Photographie.)
Da die Last auf unsern Schlitten so groß war, daß es nicht schaden konnte, wenn sie ein wenig geringer würde, sannen wir lange darüber nach, ob wir nicht irgend etwas entbehren könnten. Zuerst verfielen wir auf die Oeltuchüberzüge zu unsern Schlafsäcken. Wir waren nun so weit gelangt, daß von außen her keine Feuchtigkeit zu befürchten war, außer in Form von Schnee, und der mußte abgebürstet und auf andere Weise vermieden werden, folglich waren die Ueberzüge überflüssig. Sie aber zurückzulassen, ohne daß sie irgend welchen Nutzen stifteten, das hielten wir für eine Thorheit, das Oeltuch war brennbar, folglich konnten wir damit kochen. Das war eine gute Idee, die allgemeinen Anklang fand. Es handelte sich nur darum, einen Kochtopf zu finden. Aber alle Brotdosen waren infolge der Behandlung und der Stöße, denen sie ausgesetzt gewesen, leck geworden. Endlich fanden wir eine, die einigermaßen dicht hielt, und nun machten wir uns drinnen im Zelt ans Kochen. Die Blechdose wurde wie gewöhnlich mit Schnee gefüllt und mit Hülfe der Stahlstangen, die unter unsern Schlittenschienen gewesen waren, so aufgestellt, daß wir Feuer darunter anmachen konnten. Wir zerrissen das Oeltuch in schmale Stücke und zündeten es in einer stählernen Schneeschaufel unter unserm Kessel an. Die Oeltuchstreifen brannten vorzüglich, die Flamme schlug hoch an den Seiten des Blechkessels in die Höhe und warf einen schönen röthlichen Schein in den Zeltraum und auf die 6 Männer, die um das Feuer herum saßen, in die Gluth starrend und bei sich denkend, daß das Leben jetzt erst anfange, wirklich gemüthlich zu werden. Aber alle Freuden auf dieser Erde sind von kurzer Dauer, und das Kochen mit Oeltuch in einem Zelt ohne Rauchfang, das ist die flüchtigste Freude, an der ich theilgenommen habe. Das Oeltuch rauchte nämlich derartig, daß das Zelt nach Verlauf von wenigen Minuten so voll von Rauch war, daß wir uns kaum gegenseitig hätten sehen können, selbst wenn wir im stande gewesen wären, unsere Augen aufzuhalten. Es nützte nichts, daß wir die Zeltthür öffneten, denn wenn auch etwas Rauch hinausging, so wurde er sofort ersetzt, und das Rauchmeer wurde dichter und dichter, die Freude an unserm Feuer war uns längst vergangen. Wenn man das eine Auge ein wenig öffnete, so erblickte man nur einen matten Lichtschimmer durch den dichten Nebel. Die meisten der Gesellschaft erwählten den vernünftigsten Theil, indem sie sich in die Schlafsäcke begaben und die Klappe über dem Kopf fest zuzogen. Zwei mußten jedoch ausharren, um auf das Feuer Acht zu geben, so daß der Schnee geschmolzen und der Thee gekocht werden konnte. Indem man bald das eine, bald das andere Auge ein klein wenig öffnete und den Kopf von Zeit zu Zeit aus der Zeltthür steckte, um eine Portion frischer Luft einzusaugen, ging es so einigermaßen, und der Schnee begann zu schmelzen. Das Kochgeschirr erwies sich jedoch leider als sehr leck und wir mußten etwas anderes ausfindig machen. Der Deckel von der Blechdose, die unsere Apotheke enthielt, war sicher dicht, aber er faßte nur die halbe Portion, die wir nöthig hatten. Uns blieb jedoch nichts anderes übrig, als ihn neben der Blechdose anzuwenden; indem wir letztere auf die Seite stellten, wo sie am wenigsten leckte, ging es einigermaßen. Wir heizten tüchtig unter und verwandelten das Zelt in eine wahre Hölle, bis das Wasser kochte und ich unsern Thee bereitete.
Am nächsten Morgen kochten wir abermals mit Oeltuch, waren nun aber so vernünftig, den Feuerherd draußen vor das Zelt zu verlegen. Wir schmolzen eine tüchtige Portion Schnee, die außer zu einer guten warmen Kerbelsuppe mit Fleischpepton ausreichte, um unseren Durst wirklich einmal ganz zu stillen. Das Wasser wurde durch einen Zusatz von Citronensäure, Citronenöl und Zucker in die köstlichste Limonade verwandelt. Dies war das letzte Mal, daß wir unseren Durst löschen sollten, bis wir an die Westküste gelangt waren, denn wir mußten sehr sparsam mit dem Brennmaterial umgehen.
Es gewährte einen ganz eigenthümlichen Anblick, als wir uns an jenem Morgen bei hellem Tageslicht wiedersahen. Großer Gott, wie wir aussahen! Mit unserer Gesichtsfarbe, die bis dahin ziemlich hell gewesen, und die Wind und Wetter ziemlich reingewaschen, war eine vollständige Veränderung vorgegangen. Hie und da saßen so dicke Rußkleckse, daß wir sie mit dem Messer abkratzen konnten, besonders alle Runzeln und Unebenheiten waren mit diesem Stoff gefüllt, wie sich große Mengen davon auf allen vorspringenden Gesichtstheilen, wie Augenbrauen, Kinnbacken, Unterlippe, Kinn u. s. w., angesammelt hatten. War man von Natur mit blondem Haar und Bart ausgestattet, so war dies jetzt ganz rabenschwarz geworden, nur die Augäpfel und die Zähne waren weiß geblieben und glänzten ganz unheimlich aus dem schwarzen Gesicht heraus.
Wenn ich erzähle, daß wir uns trotz solcher Unregelmäßigkeiten nicht wuschen von dem Augenblick an, wo wir den Jason verließen, bis zu dem Tage, wo wir die Westküste erreichten, so werden kurzsichtige Leser uns gewiß für große Ferkel halten. Aber das müssen wir hinnehmen. Ich will hier doch hinzufügen, daß wir unter gewöhnlichen Umständen die Gewohnheit hatten, uns zu waschen; wenn es aber auf dieser Reise nicht geschah, so hatte es seine guten Gründe. Erstens hatten wir auf dem Inlandseise nur das wenige Wasser, das wir am Morgen und am Abend auf Spiritus schmolzen, und das noch geringere Quantum, das wir im Laufe des Tages auf unserem eigenen Körper schmelzen konnten. Wenn man nun, wie das bei uns der Fall war, stets einen brennenden Durst hatte, und Einem die Wahl gestellt wurde, diese Portion Wasser entweder zum Waschen oder zum Trinken zu benutzen, oder auch, sich erst damit zu waschen und dann zu trinken, — so glaube ich, daß selbst die beschränktesten Menschen, wenn es so weit kommen sollte, es vorziehen würden, das Wasser ausschließlich zum Trinken zu benutzen.
Zweitens ist es ein sehr zweifelhaftes Vergnügen, sich bei einer Temperatur zu waschen, in der das Waschwasser gefriert, falls es einige Minuten steht, in der die Finger steif frieren, ehe sie aus dem Waschbecken an das Gesicht gelangen, und in der das Gesicht ebenso friert, sobald es mit dem Wasser in Berührung kommt. Ich glaube, es giebt nicht viele Menschen, die unter diesen Umständen etwas anderes als eine theoretische Beredsamkeit für die Reinlichkeit übrig haben.
Drittens aber war es uns geradezu untersagt, uns zu waschen, selbst so lange wir Wasser genug hatten und es warm genug dazu war, und zwar aus dem Grunde, weil es bei einem Sonnenschein, wo das Licht nicht allein von oben kommt, sondern auch von dem Schnee zurückgestrahlt wird, seine Gefahren hat, verschwenderisch mit dem Wasser umzugehen. Das Sonnenlicht greift nämlich in diesem Fall die Haut stark an, so daß sie spröde wird und abblättert, ja es können sogar Wunden dadurch entstehen, die große Unannehmlichkeiten und heftige Schmerzen verursachen. Ich glaube, Niemand wird lange zögern, wenn er zwischen diesen Uebeln und Unreinlichkeit seine Wahl treffen soll. Es würde vielleicht einen guten Eindruck machen, wenn wir anstandshalber sagen wollten, daß es uns sehr schwer geworden sei, uns während einer so langen Zeit nicht waschen und unsere Kleider nicht wechseln zu können, leider aber schulden wir es der Wahrheit, zu gestehen, daß wir uns ganz außerordentlich wohl dabei fühlten.
Während des 24. August hatten wir ein ganz elendes Terrain, der frischgefallene Schnee wurde härter und härter und war dabei so tief, daß wir jetzt oft bis zu vier Zoll versanken; außerdem hatten wir eine starke Steigung zu überwinden. Um den Muth aufrecht zu halten, wurde jede Viertelmeile, die wir zurücklegten, mit einer Tafel Fleischpulverschokolade pro Mann belohnt.
Unsere Mittagsmahlzeit, die wir am Nachmittag abhielten, wurde abermals mit Oeltuch gekocht, doch benutzten wir außerdem als Brennmaterial noch ein Reservestativ unseres Theodolits, das überflüssig war, sowie eine Anzahl von Holzschienen zum Verbinden gebrochener Arme und Beine, die wir bis dahin in unserer Apotheke mit uns geführt hatten; jetzt, wo wir das zerklüftete Eis glücklich hinter uns hatten, hielten wir die meisten dieser Schienen wie auch die Gipsverbände für überflüssig und entledigten uns ihrer.
Wir behielten nur einen ganz kleinen Bedarf zurück für den Fall, daß beim Herabsteigen durch das zerrissene und zerklüftete Eis, das wir an der Westküste vorzufinden glaubten, ein Unglück geschehen sollte.