Am Abend wurde es, sobald die Sonne untergegangen war, wieder fühlbar kalt, der Schnee wurde schwieriger denn je, und wir schlugen unser Zelt auf. Wir hatten an jenem Tage nicht mehr als eine Meile zurückgelegt.

Da nur wenige Stunden verflossen waren, seit wir unser Mittagsmahl verzehrt hatten, einigten wir uns dahin, vor dem Schlafengehen nur einige von den dünnen Haferkakes zu uns zu nehmen. Hierzu genossen wir etwas Schnee, den wir mit Citronenöl, Citronensaft und Zucker vermischt hatten und der das erquicklichste Dessert bildete, das ich je gegessen habe. Es glich vollständig dem in Italien so gebräuchlichen „Granita“, ja, wenn man frischgefallenen und ganz feinen Schnee dazu verwendet, schmeckt es noch weit besser. Es war eine eigenartige Stimmung, die mich ergriff, als wir da draußen vor dem Zelt saßen, unseren Schnee und die spärlichen Kakes in so kleinen Bissen wie nur möglich genossen und dabei zum Mond aufschauten, der sein silbernes Licht über dies unendliche Schneemeer ergoß; unwillkürlich flogen meine Gedanken zu den Umgebungen zurück, in denen ich zuletzt Granita gegessen. Es war ebenfalls Mondschein, aber es war eine warme Sommernacht im Golf von Neapel, und das Mondlicht zitterte auf den dunklen Wogen des Mittelländischen Meeres. — —

Am 25. August war die Steigung noch immer stark, und das Terrain war noch schlechter, wir hatten jetzt 6–8 Zoll losen Schnee; dabei blies uns ein scharfer Wind gerade ins Gesicht, was die Situation bedeutend verschlimmerte.

Da wir fanden, daß unsere Mittagsrast uns reichlich Zeit nahm, faßten wir den glücklichen Gedanken, auf dem Schlitten zu kochen, während wir auf der Wanderung waren, wodurch wir die lange Zeit sparten, die wir sonst mit dem Kochen verbrachten. Der Kochapparat wurde hinten auf den einen Schlitten gestellt, wir entzündeten das Feuer, und während der Schnee sich allmählich in Wasser verwandelte, in das wir Bohnenwurst thaten, zogen wir unbekümmert weiter, ganz stolz über diese geniale Erfindung. Als die Suppe anfing zu kochen, machten wir Halt, schlugen unser Zelt auf und trugen den Apparat vorsichtig hinein; aber gerade in dem Augenblicke, als wir uns hinsetzen und uns an diesem königlichen Mahl delektiren wollten, machte ich eine ungeschickte Bewegung, das Kochgeschirr fiel um, und die kostbare Bohnensuppe floß mit dem brennenden Spiritus, mit Wasser und halbgeschmolzenen Schneeklumpen aus dem oberen Schmelzgefäß zusammen über den Zeltboden. Wie auf einen Zauberschlag waren alle Mann auf den Beinen, alles, was im Zelte lag und stand, wurde hinausgeworfen, wir faßten den Boden des Zeltes an allen Ecken an, so daß die Suppe sich in der Mitte in einer Vertiefung ansammelte und von hier aus wurde sie dann wieder in das Kochgeschirr geschöpft und weiter gekocht. Es war kaum ein Tropfen verloren gegangen! Unter solchen Umständen ist es sehr zweckmäßig, einen wasserdichten Segeltuchfußboden zu haben. Balto sagt von dieser Bohnensuppe, „daß sie freilich nicht ganz rein war, da der Fußboden ziemlich schmutzig war, aber das durfte nicht schaden. Sie schmeckte uns deswegen ebenso gut, denn unsere Magen waren ziemlich leer.“ Daß die Suppe einen kleinen Zusatz von Spiritus erhalten hatte, erwähnt er nicht; es war nur sehr wenig, und seiner Meinung nach erhöhte es nur den Wohlgeschmack.

Als wir endlich warm und gut in unserem Zelt saßen und unser Mittagsmahl in aller Ruhe verzehrten, zog ein unliebsamer Schneesturm herauf, zunächst freilich nur ein Gestöber, aber wir hatten es gerade im Gesicht, als wir weiter zogen, und gegen Abend nahm auch der Wind zu. Bei einer Kälte von neun Grad war das nicht sehr angenehm. Wir gingen indessen, so gut wir konnten, dagegen an und erklommen eine steile Höhe, die Köpfe vorübergebeugt, gleich Mönchen in unsere Kapuzen gehüllt, während der feine Schnee alle möglichen Anstrengungen machte, um in alle Poren und Oeffnungen unserer Regenkleider zu dringen. Erst spät am Abend schlugen wir unser Zelt auf und krochen in die Schlafsäcke. Zwei Haferkakes, eine kleine Tafel Fleischpulverschokolade und ein wenig Citronengranita mundeten uns vorzüglich, während wir auf unserem Lager ausgestreckt lagen und der Mond sein friedliches Licht durch eine Spalte in der Zeltthür warf. Wind und Schneegestöber glaubten wir ausgeschlossen zu haben.

Der Schneesturm raste die ganze Nacht hindurch, und als ich am nächsten Morgen (26. August) aufstand, um Kaffee zu kochen, war ich nicht wenig überrascht, als ich mich selbst, die Schlafsäcke, die Säcke mit unsern Kleidern, kurz alles unter Schnee begraben fand; er war durch alle Spalten eingedrungen und hatte das ganze Zelt angefüllt. Als ich die Füße in die Schuhe stecken wollte, waren auch diese voller Schnee, und als wir uns nach unsern Schlitten umsahen, waren sie halb verschwunden. An allen Seiten des Zeltes lagen große Schneeschanzen. Wir hatten doch trotz alledem einen angenehmen Sonntagmorgen mit Kaffee und Frühstück im Bett.

Der Schneesturm raste den ganzen Tag hindurch, und es wurde schwerer und schwerer ihm entgegen zu gehen, da der Schnee immer loser wurde. Ich überlegte, ob ich die Schlitten nicht zusammenbinden und den Versuch machen sollte, mit Hülfe von Segeln gegen den Wind zu kreuzen. Auf diese Weise konnte es lange währen, ehe wir Kristianshaab erreichten. Wir mußten auf eine Veränderung zum Guten hoffen; — an diesem Tage blieb aber alles beim Alten. Wir arbeiteten uns durch den Schnee, so gut wir konnten. Nachdem wir eine Viertelmeile zurückgelegt hatten, gelangten wir an eine Höhe, die wir erklimmen mußten; die Steigung war jedoch so steil, daß wir die Schlitten nur zu Dreien hinaufbefördern konnten, und trotzdem war es noch eine sehr beschwerliche Arbeit. Bei einer Aufmessung stellte es sich heraus, daß die Steigung ungefähr 1 Fuß auf 4 Fuß vorwärts betrug. Als wir nach einer Wendung wieder hinabstiegen, wandte sich Kristiansen, der nur selten eine Bemerkung machte, an Dietrichson und sagte: „Großer Gott, daß die Menschen es so schlecht mit sich selbst meinen, daß sie sich auf so etwas einlassen können!“

Kapitel XVIII.
Wir verändern unsere Route auf Godthaab. Einige Mittheilungen über Klima und Schneeverhältnisse.

pät am Abend des 26. August machten wir Halt, nachdem wir eine Höhe von ungefähr 1990 m erreicht hatten. Infolge der Erfahrungen, die wir in der letzten Nacht gemacht hatten, trugen wir jetzt Sorge dafür, uns besser gegen den Schneesturm und den feinen, alles durchdringenden Schneestaub zu schützen. Wir schaufelten den Schnee fort, so daß wir eine Schneeschanze an der Windseite erhielten, stellten außerdem einen Schlitten gegen die Zeltwand, die gleichfalls nach der Windseite lag und bedeckten ihn mit Persenningen, wodurch wir uns ein ziemlich warmes Nest schufen. Wir waren alle in rosigster Laune, lautes Lachen erschallte, und der Theekessel summte über der Spiritusflamme, die ein schwaches Licht auf die kleine seltsame Gruppe in dem kleinen Raum warf, wo trotz aller Vorsichtsmaßregeln der Schnee lustig herumwirbelte und alles mit einer feinen weißen Schicht bedeckte.