Als der Thee fertig war, zündeten wir eins der fünf Stearinlichter an, die ich zum Photographiren mitgenommen hatte, und dies machte den Abend äußerst gemüthlich. Was kümmerte es uns, daß der Sturm draußen heulte und die Wände unseres Zeltes erzittern machte!

Als wir am nächsten Morgen (27. August) erwachten, hatte sich der Schneesturm noch immer nicht gelegt, aber das Zelt war doch nicht so voller Schnee wie am vorhergehenden Morgen. Da ich das Stampfen in dem losen Schnee gegen den Wind satt hatte, so beschloß ich, daß wir gleich an jenem Morgen einen Versuch machen wollten, unsere Schlitten mit Segeln zu bespannen. Hier stieß ich jedoch auf ziemlich starken Widerspruch, besonders von seiten der Lappen. Ravna setzte ein ganz jämmerliches Gesicht auf, und Balto schimpfte unbeschreiblich.

„Nun ja, zum Teufel auch! So verrückte Leute sind mir noch niemals vorgekommen. Sie wollten auf Schnee segeln!“

Er meinte, wir könnten ihn gewiß mancherlei lehren, wie z. B. das Segeln auf der See und dergl. m., ihn aber etwas auf dem Lande und gar auf dem Schnee lehren zu wollen, nein, das sollten wir uns nur nicht einbilden, das sei ein „Satans-Unsinn“. Er sparte nicht an Worten, aber es half ihm alles nichts, er mußte sich fügen, die Schlitten wurden nebeneinander hingestellt und zu zwei Flößen zusammengebunden, — das eine aus zwei, das andere aus drei Schlitten bestehend. Zu dem ersten Floß wurde der Zeltboden als Segel benutzt, bei dem andern, zu dem Balto, Ravna und Dietrichson gehörten, sollten zwei Persennings dieselben Dienste leisten.

Es war anfänglich meine Absicht gewesen, die Zeltwände hierzu zu benutzen, wir wagten es jedoch nicht, sie preis zu geben; sie waren zu dünn, und etwas Unangenehmeres als eine Beschädigung des Zeltes in diesen Umgebungen konnte uns nicht begegnen. Als die Persennings aufgespannt waren, riß der Wind sie jedoch voneinander, und nun mußten sie zusammengenäht werden. Es war keine Kleinigkeit, in der Kälte und bei dem Schneetreiben mit bloßen Händen dazusitzen und zu nähen. Wir mußten gut acht geben und die Finger tüchtig schlagen, und so wurden wir denn nach den verschiedensten Schwierigkeiten und einer sechs- bis siebenstündigen Arbeitszeit endlich gegen Nachmittag flott.

Wir sahen jedoch gar bald ein, daß aus dem Kreuzen gegen den Wind nichts werden konnte. Jedenfalls erreichten wir damit nicht viel. Ich hatte mir in der Beziehung auch keine großen Hoffnungen gemacht und einen andern Plan gefaßt. Ich war mir ganz klar darüber, daß wir bei diesen Eisverhältnissen und diesem widrigen Wind keine Aussicht hatten, Kristianshaab vor Mitte September zu erreichen. Um die Zeit ging das letzte Schiff nach Kopenhagen ab, und damit war uns die Möglichkeit genommen, die Heimath noch in diesem Jahr zu erreichen. Diese Aussicht schien mir damals höchst fatal, ein ganzer Winter würde mit einem Winteraufenthalt in Grönland verloren gehen, und die Gefährten würden sich alle nach der Heimath sehnen. Meine Kenntnisse der Schiffahrtsverhältnisse an der Westküste von Grönland waren nur sehr mangelhaft, und ich nahm an, daß dasselbe Schiff, das Kristianshaab im September verließ, die südlich gelegenen Häfen anlaufen würde. Ich zog daraus die Schlußfolgerung, daß wir mehr Aussicht auf eine Rückkehr in die Heimath im Laufe dieses Jahres haben würden, wenn wir unsern Kurs auf einen dieser südlicheren Häfen richteten, und meinte, daß Godthaab in dem Fall ein guter Ort sein müsse. Auch andere Gründe sprachen dafür, diese Richtung einzuschlagen, vor allen Dingen glaubte ich, daß die Untersuchung des Eises dort von größerem Interesse sein müsse da es bis dahin ja völlig unbekannt war, während Nordenskjölds beide Expeditionen viele werthvolle Aufklärungen über die Eisverhältnisse südöstlich von Kristianshaab verschafft hatten. Als dritter Grund galt, daß die Jahreszeit so weit vorgeschritten war, und der Herbst auf dem Inlandseise wohl kaum gelinde sein würde. Der Weg bis an den Fjord, an dem Godthaab lag, war aber bedeutend kürzer als der bis nach Kristianshaab, daher konnten wir darauf rechnen, falls wir die erste Richtung einschlugen, schneller ans Ziel zu gelangen und keiner so scharfen Kälte ausgesetzt zu sein. Freilich wußten wir nicht, ob die Beschaffenheit des Eises dort sich zum Absteigen eignete, und ob der Weg bis zu der Kolonie selbst nicht ebensoviel Zeit erforderte wie der nach Kristianshaab, denn bei Godthaab war die Strecke über das kahle Land von dem Inlandseise aus so bedeutend länger, ja vielleicht hatte es seine großen Schwierigkeiten, dort vorwärts zu kommen. Auf irgend eine Weise mußten wir die Kolonie aber erreichen können, und wenn es keinen anderen Ausweg gab, so mußten wir unsere Zuflucht zu dem Wege über die See nehmen.

Dies alles ging mir an jenem Vormittag durch den Kopf, die Karte wurde fleißig studirt, in aller Stille Berechnungen gemacht, und das Resultat war, daß ich mich für den Weg nach Godthaab entschied. Ich war darauf vorbereitet, in der Nähe von Godthaab auf schwieriges Eis zu stoßen, weil dort so viele Gletscher sind, die das Eis abschieben, aber ich hatte die feste Zuversicht, daß es irgendwo gehen müsse.

Der Punkt, an dem ich zu enden gedachte, war genau derselbe, wo wir in Wirklichkeit anlangten — ungefähr beim 64° 10′ N. Br. Ich hielt diesen Punkt für den besten, weil sich hier kein Gletscher befand, während nach der Karte, die übrigens völlig unrichtig war, sowohl im Norden wie im Süden mächtige Gletscher sich bis ans Meer hinan erstrecken sollten. Meiner Meinung nach mußte man nun zwischen zwei Gletschern einen Gürtel oder, wenn man will, eine Vertiefung finden, in dem das Eis einigermaßen ruhig liegt, und wo es infolgedessen ziemlich eben ist. Soweit meine Erfahrung reicht, hat sich dies ja auch als zutreffend erwiesen.

Als ich den Anderen meinen Entschluß, nach Godthaab zu gehen, mittheilte, waren sie Alle sehr damit einverstanden. Es schien, als habe man schon genug vom Inlandseis und sehne sich nach gastlicheren Gegenden. So wurden denn die Segel gehißt, und gegen 3 Uhr des Nachmittags zogen wir von dannen so hoch gegen den Wind, wie wir nur liegen konnten, aber es wurde niemals höher als quer, ja schließlich sogar einen Strich niedriger als quer. Da der Wind rechtweisend Nord bis West war, wurde unser Kurs auf diese Weise bedeutend südlicher als Godthaab, weil uns aber der Wind half, war es doch vortheilhafter für uns, die Segel zu benutzen und so niedrig zu liegen, statt zu ziehen. Wenn wir es so einrichteten, daß zwei von uns vorangingen und zogen, während einer hinterherging und steuerte, konnte es ganz gut gehen. Und obwohl wir so spät ausgerückt waren und ziemlich früh am Abend Rast machten, kamen wir an jenem Tage doch über eine Meile vorwärts.

Je weiter wir kamen, desto mehr beschäftigte mich der Gedanke, wie wir am besten vom Inlandseis zu den menschlichen Wohnungen hinabgelangen könnten. Nach der Karte zu urtheilen, schien es eine ziemlich wilde Gegend zu sein mit Bergen, Thälern und Fjorden, am besten war es scheinbar in der Richtung gegen den Wohnort Narsak, an der Südseite der Mündung des Ameralikfjord, südlich von Godthaab. Aber auch hier konnte es möglicherweise seine Schwierigkeiten haben, vorwärts zu kommen, und der Gedanke an den Seeweg drängte sich mehr und mehr in den Vordergrund. Es lag ja klar auf der Hand, daß wir in unseren beiden Waterproofs-Persennings und dem wasserdichten Segeltuchboden unseres Zeltes Material genug besaßen, um ein Boot zu bauen, — Holzmaterial für die Spille, die Ruder und dergleichen konnten wir von den Schneeschuhen, Stäben, Bambusstangen und dem Schlitten nehmen, es würde sich ausgezeichnet machen lassen —, und wenn wir allesamt an die Arbeit gingen, konnte es kaum lange währen, bis das Boot fertig war. Als ich erst zu diesem Resultat gekommen war, theilte ich eines Tages Sverdrup meinen Plan mit. Nach einigem Ueberlegen war er damit einverstanden, und nun beredeten wir während unserer Wanderung, wo es immer gut ist, wenn man die Gedanken mit etwas beschäftigen kann, häufig miteinander, wie das Boot in diesem Fall am besten zu bauen sei.