Während der folgenden Tage hatten wir dasselbe Wetter mit Sturm und Schneetreiben. Des Nachts fürchtete ich mehrmals, daß das Zelt zerrissen werden könne, — am Morgen, wenn wir weiter wollten, mußten die Schlitten aus den Schneeschanzen herausgegraben werden; wir mußten sie abladen, um die Schienen von Eis und Schnee zu befreien, sie wieder zusammenbinden und die Segel von neuem aufspannen, und diese Arbeit war nicht leicht bei starker Kälte und dem schneidenden Schneesturm; besonders das Zusammenbinden, das, wenn es halten sollte, mit bloßen Händen geschehen mußte, war ein saures Stück Arbeit. Hatten wir unsere Schlitten endlich flott gemacht, so mußten wir den ganzen Tag durch den Schnee stampfen, und das war schwer genug, man mochte vor den Schlitten gehen und ziehen oder hinterdrein und steuern. Am schwersten war es, am Abend das Zelt aufzuschlagen, denn erst mußte der Zeltboden mit den Zeltwänden verbunden werden, was vermittelst Schnürung geschah und mit bloßen Händen ausgeführt werden mußte, wobei man acht zu geben hatte, daß sie nicht abfroren. So geschah es mir eines Abends während der Arbeit, daß ich plötzlich entdeckte, daß meine Finger an beiden Händen bis zur Handfläche völlig weiß waren. Ich zog daran, sie fühlten sich völlig wie Holz an, so hart und leblos waren sie. Durch Reiben mit Schnee und Klopfen wurde der Blutumlauf jedoch bald wieder in Ordnung gebracht, und die Farbe kehrte zurück.
Am 28. August hatte Kristiansen das Unglück, am Rande einer Schneeschanze fehlzutreten und eines seiner Beine im Kniegelenk zu verrenken. Er war mehrere Tage lang so elend, daß ihm das Gehen schwer wurde, aber durch fleißige Massage erholte er sich bald wieder. Es machte einen merkwürdigen Eindruck, ihn mitten im Schneetreiben und in der schneidenden Kälte mit entblößtem Bein dasitzen zu sehen, während Dietrichson ihn massirte. Am 28. August bekamen auch die Lappen kranke Augen, — merkwürdigerweise waren sie, wie bereits erwähnt, die Ersten, die an Schneeblindheit litten, und sie blieben auch die Einzigen. Balto mußte ich Kokainlösung in seine Augen tröpfeln, und bei sorgfältiger Benutzung der Schneebrillen und des rothen Seidenschleiers wurden sie bald wieder gesund. Wir Anderen kamen glücklich um diese Krankheit hinweg, die viele arktische Reisende für ganz unvermeidlich erklärt haben. Wenn man dunkle Brillen und Schleier anwendet, kann man sich sehr wohl dagegen schützen. Obwohl wir die Sonne nur am Tage hatten, wirkte sie doch während der kurzen Zeit schlimm genug. Mitten am Tage konnte die Wirkung der Sonnenstrahlen geradezu intensiv sein. Im wesentlichen trug hierzu der Umstand bei, daß die Luft in der Höhe, in der wir uns befanden — 2000 m — sehr dünn war; eine starke Wirkung übten selbstverständlich aber auch die großen, ebenen Schneeflächen aus, welche die Sonnenstrahlen zurückwarfen. An unserer Gesichtshaut war dies mehr oder minder zu verspüren, wir waren ganz braun gebrannt, und an den vorstehenden Gesichtstheilen wie z. B. der Nase blätterte die Haut bei uns Allen ab. Besonders Kristiansens Gesicht litt sehr von der Sonne, seine Backen schwollen auf und waren mit Blasen bedeckt. Sie sahen aus, als seien sie abgefroren, und verursachten ihm große Schmerzen. Von nun an wurden wir sorgfältiger in Benutzung unserer rothen Seidenschleier, wodurch wir den schädlichen Einfluß der Sonne milderten.
Es sah ganz eigenthümlich aus, wie diese feinen Seidenschleier in der blauen Luft flatterten. Sie zogen unwillkürlich unsere Gedanken in die Heimath, auf unsere Promenaden, zu den prächtigen Equipagen, eleganten Damengestalten, den strahlenden Augen, — statt dessen erblickten wir hier sechs Männer, nichts weniger als elegant, die ihre eigenen Equipagen zogen, welche ebenfalls nicht an Eleganz litten, und hinter den Schleiern guckten nur sehr schmutzige, wettergebräunte Gesichter hervor.
Am Nachmittag des 29. August legte der Wind sich, weswegen es sich nicht mehr verlohnte zu segeln. Wir nahmen deshalb die Segel ab und fingen an zu ziehen mit direktem Kurs auf Godthaab.
Das Ziehen auf Indianertrugern.
(Nach einer Photographie.)
An jenem Tage wurde der Schnee so lose und tief, daß Sverdrup, Dietrichson und ich die Indianertruger unter die Füße schnallten. Es verursachte uns jedoch im Anfang ziemliche Schwierigkeiten, diese Einrichtungen zu benutzen, welche wir früher nicht ausprobirt hatten. Bei den ersten Schritten fielen wir unaufhörlich auf die Nase: bald spreizten wir die Beine nicht genug, der eine Schneeschuh schlug gegen das andere Bein und kopfüber ging’s. Dann nahmen wir uns eine Weile in acht, bis wir die eine Truge auf die anderen setzten, und als wir wieder ausschreiten sollten, fielen wir abermals auf die Nase; nun spreizten wir die Beine mehr, und infolgedessen ging es gut, bis sich die Spitze einer Truge in den Schnee bohrte, und wir wieder da lagen. Auf diese Weise ging es eine ganze Zeit, — immer lagen wir auf der Nase und wühlten im Schnee, allmählich aber gewöhnten wir uns an die Benutzung der Schneeschuhe und fanden sie schließlich sehr praktisch. Sie hielten uns vorzüglich über dem Schnee, und wir konnten festen Fuß damit fassen. Jetzt bereuten wir, daß wir uns ihrer nicht früher bedient hatten. Auch Kristiansen machte einen Versuch, aber er konnte nicht damit fertig werden; nachdem er wohl zwanzigmal auf der Nase gelegen hatte, wurde er so ärgerlich, daß er sie auf den Schlitten warf und die norwegischen Truger anschnallte, aber die sanken in den Schnee und waren bedeutend schwerer. Die Lappen, die sich früher so hoch und heilig verschworen hatten, „diese dummen Einrichtungen“ niemals zu benutzen, konnten sich jetzt natürlich nicht dazu bequemen, sie in Gebrauch zu nehmen, sie sahen uns dumme Menschen voller Verachtung und Mißbilligung an, als wir sie anschnallten. Es gewährte ihnen scheinbar eine große Befriedigung, als sie uns im Anfang einmal über das andere auf die Nase fallen sahen; als es aber allmählich besser ging, und wir ihnen offenbar sehr überlegen waren, da konnte Balto es nach einer Weile nicht mehr aushalten, er kam mit einer vorsichtigen Anfrage, ob es sich wirklich gut darauf gehen ließ; und diese Frage wiederholte er mehrmals. Es war ganz klar, daß er die größte Lust hatte, die Truger einmal zu versuchen, trotz seiner früheren Verurtheilung dieser „dummen Einrichtung“. Da wurde am Morgen des 30. August der Schnee derartig, daß wir Skier anwenden konnten, und nun schnallte er diese statt jener an. Ravna wartete noch eine Weile, dann griff auch er — auf Baltos Rath — nach den Skiern. Es währte nicht lange, so hatte auch Kristiansen die seinen angelegt. Da ich indessen fand, daß die Indianertruger, so lange wir die starke Steigung hatten, vortheilhafter waren, so fuhren Sverdrup und ich mit der Benutzung derselben bis zum 2. September fort, während Dietrichson seine Skier schon einen Tag früher hervorholte.
Unser Leben verlief in dieser ganzen Zeit wie auch in den folgenden drei Wochen ganz ungewöhnlich einförmig und ohne jegliche Spur von erwähnenswerthen Ereignissen. Da war es denn kein Wunder, daß die geringsten Kleinigkeiten zu bedeutenden Begebenheiten anwuchsen und die Tagebuchblätter aus jener Zeit anfüllten. Daß wir zum letztenmal Land sahen, war z. B. ein Ereigniß, das erwähnt werden mußte; so schreibt Dietrichson: „Ungefähr um 10 Uhr des Vormittags (31. August) erblickten wir zum letztenmal bloßes Land. Auf dem Kamm einer Welle (oder eines schwachen Höhenrückens im Terrain) entdeckten wir eine Spur von einem Nunatak, der seit vielen Tagen außer uns selbst und den Schlitten der einzige dunkle Punkt gewesen war, auf den wir unsere Augen richten konnten. Jetzt verschwand er ebenfalls“. Diesem unseren letzten Nunatak gaben wir den Namen Gaméls Nunatak.
Daß ein so merkwürdiges Ereigniß wie der Anblick eines Schneesperlings notirt werden mußte, versteht sich von selbst. Ich schrieb darüber:
„Eine Stunde nachdem wir den letzten Nunatak aus den Augen verloren hatten, wurden wir nicht wenig überrascht, als wir plötzlich Vogelgezwitscher in der Luft vernahmen und einen Schneesperling auf uns zuflattern sahen. Er umkreiste uns ein paarmal, ließ sich dann dicht neben uns im Schnee nieder, legte das Köpfchen auf die Seite und schaute uns an, hüpfte darauf munter über den Schnee dahin, zwitscherte ein wenig und flog gen Norden, unseren Blicken verschwindend. Dies war der letzte Gruß, den das Land uns sandte.“