Während der letzten Tage des August hatten wir noch Steigung. Wir hofften beständig, das Hochplateau zu erreichen und an die letzte Steigung gelangt zu sein; wenn wir aber hinaufkamen, fanden wir stets eine Ebene und eine noch höhere Steigung dahinter. Die Schneefläche erstreckte sich in langen Wellenlinien höher und höher landeinwärts:

Am Abend des 1. September kamen wir auf eine große Welle hinauf und fanden auf deren Kamm eine große Fläche mit fast unmerklicher Steigung landeinwärts. Wir bemerkten eine auffallende Wetterveränderung; im Westen am Horizont thürmten sich schwere Wolkenbänke auf mit runden Kumulusformen, wie wir sie bis dahin hier oben über der Schneefläche nicht bemerkt hatten. Ich hielt es für wahrscheinlich, daß sich diese Wolken durch feuchten Luftzug bildeten, der vom Meere aus über den westlichen Abhang der Schneefläche gezogen kam, und vermuthete infolgedessen, daß wir nun so weit gekommen seien, um über diese hinwegsehen zu können.

Auch im Süden und Osten hatten sich Wolken angesammelt, während der Himmel gerade über uns klar war, und ebenfalls im Norden, wo die Schneefläche anstieg, während sie im Süden und Westen abfiel. Alles schien mir darauf hinzudeuten, daß wir jetzt die Höhe von Grönlands Innerem erreicht hatten, und als dies den Anderen mitgetheilt wurde, erregte es allgemeinen Jubel, den wir waren längst der starken Steigungen überdrüssig, die uns besonders in der letzten Zeit viel zu schaffen gemacht hatten. Sanguinisch, wie wir waren, hofften wir nun bald die Abschrägung nach Westen zu zu erreichen, wo es bergab ging, und wo alles Herrlichkeit und Freude sein würde. In der übermüthigsten Stimmung sahen wir an jenem Tage die Sonne strahlend und rothglühend hinter die Wolkenbänke versinken und den westlichen Himmel in die stimmungsvollste Farbendichtung verwandeln.

Für uns auf dieser Schneefläche umfaßte der Abend und der Sonnenuntergang alles, was schön war, das ersehnte Ziel schien dahinter aufzutauchen. Wir sollten jedoch noch lange warten!

Selbstverständlich wurde dieser Abend durch Extrarationen, die wie gewöhnlich aus Haferkakes, Mysekäse und Preißelbeerkompot bestanden, festlich begangen, und nach der Mahlzeit wurde eine Pfeife geraucht. Es war ein äußerst gemüthlicher Abend.

Unsere Aneroïd-Barometer waren jetzt infolge der Höhe und des geringen Luftdrucks derartig gesunken, daß nichts mehr von der Skala zu sehen war. Wir befanden uns jetzt auf einer Höhe von 2400 m; wenn wir noch höher kamen, würde es seine Schwierigkeiten haben, Observationen anzustellen. Mit Hülfe der beweglichen Höhenskala, die an den Barometern angebracht war, halfen wir uns jedoch ganz gut aus der Verlegenheit, trotzdem der Luftdruck späterhin noch tiefer sank.

Wochenlang arbeiteten wir uns durch eine unendliche, flache Schneewüste dahin.
(Von A. Bloch nach einer Photographie.)


GRÖSSERES BILD

Von einer Senkung des Terrains ließ sich jedoch nichts verspüren; wochenlang arbeiteten wir uns durch die endlose, flache Schneewüste hindurch, ein Tag verging wie der andere, es war dieselbe ermüdende Einförmigkeit, dieselbe anstrengende Arbeit; wer es nicht erlebt hat, kann sich schwerlich einen Begriff davon machen. Alles war flach und weiß, wie ein in Schnee verwandeltes Meer, am Tage sahen wir nur Dreierlei in dieser Natur, die Sonne, die Schneefläche und uns selber. Wir nahmen uns aus wie eine verschwindend kleine, schwarze Linie, die durch eine einzige weiße Unendlichkeit zog, — überall derselbe Gesichtskreis, nirgends ein Punkt, auf dem das Auge ruhen konnte. Wir mußten häufig nach dem Kompaß sehen und die Richtung so gut wie möglich innehalten, indem wir auf die Sonne achteten, wenn sie sich blicken ließ, die vier Männer ansahen, die in einiger Entfernung hinter uns herkamen und unsere eigene Spur nicht aus den Augen ließen, — dies war die einzige Art und Weise, wie wir Krümmungen unserer Wanderung vermindern konnten. Wir wußten ungefähr, wo wir waren, und wußten ebenfalls, daß wir fürs erste keine Veränderung in Aussicht hatten.