Wie herzlich willkommen war uns dieser kleine Sperling! Brachte er uns doch einen Gruß vom Lande, dessen Nähe wir verspürten. Wenn man an gute Engel glaubt, so muß man diese beiden Schneesperlinge — den, der uns an der Ostküste ein Lebewohl zuzwitscherte, und diesen, der uns hier so freundlich willkommen hieß — für solche halten. Getrost zogen wir weiter, obwohl wir an jenem Tage keine bemerkenswerthe Senkung hatten. Am 18. Septbr. war es in dieser Beziehung ganz bedeutend besser, es wurde auch viel milder und das Leben schien uns von neuem zuzulächeln.
Gegen Abend erhob sich ein südöstlicher Wind und ich hoffte, daß wir endlich einmal günstigen Segelwind bekommen würden. Wir hatten lange genug voller Sehnsucht darauf gewartet, trotz Baltos Versicherung, „daß aus dieser Segelfahrt nichts anderes werden würde als Unsinn!“
In der Nacht hob sich der Wind und gegen Morgen wehte eine frische Brise. Obwohl man wie gewöhnlich nicht viel Neigung bezeigte, die Schlitten aufzutakeln und die Segel in der Kälte und im Schneegestöber zu hissen, wurde natürlich beschlossen, dies so schnell als möglich zu bewerkstelligen. Kristiansen, Sverdrup und ich übernahmen das eine Gefährt, aus Kristiansens und unserm Schlitten bestehend, zu dem der Zeltboden als Segel verwendet ward. Die drei Anderen takelten ihre beiden Schlitten auf.
Das vielfache Zusammenschnüren war nicht sehr angenehm bei der Kälte, das Schlimmste aber war, daß es, während wir damit beschäftigt waren, eine Weile so aussah, als wenn der Wind abflauen wolle. Glücklicherweise war dies jedoch nicht der Fall, und endlich waren beide Schlitten segelfertig. Ich war ungeheuer gespannt, wie die Sache ablaufen, und ob das Segel ausreichen würde, um die beiden Schlitten allein zu ziehen. Es wird gehißt und gut befestigt, — es giebt auch einen gewaltigen Ruck, aber die Schlitten sind während der Arbeit festgeschneit und rühren sich nicht vom Fleck. Es zerrt und rückt am Mast und in der Takelage, als sollte alles in Fetzen zerrissen werden, deshalb spannen wir uns schnell vor. Wir ziehen an und machen unser Fahrzeug flott. Kaum aber ist es losgekommen, als der Wind es uns auf die Hacken treibt und wir zu Boden stürzen. Wir stehen auf und machen einen neuen Versuch, aber es geht uns nicht besser, — sobald wir wieder auf den Beinen stehen, werden sie unter uns weggestoßen, und wir sitzen wieder im Schnee. Nachdem sich dies einigemale wiederholt hatte, sahen wir ein, daß wir auf diese Weise zu keinem Resultat kommen würden. Einer mußte auf Schneeschuhen vor dem Schlitten stehen und ihn mit Hülfe einer Stange steuern. Zu diesem Zweck befestigten wir ein Bambusrohr zwischen den beiden Schlitten, der Steuermann nahm es in die Hand und hielt sich das Gefährt auf diese Weise vom Leibe, während er selber vorwärts geschoben wurde. Die beiden Anderen konnten entweder auf den Schienen stehen und sich hinten am Schlitten festhalten oder folgen so gut sie vermochten.
Unser erster Versuch in der Segelfahrt am 19. September.
(Von A. Bloch nach einer Photographie.)
Nun konnte die Fahrt beginnen, und Sverdrup, welcher das Steuer zuerst übernehmen sollte, hatte die Stange kaum ergriffen, als es mit schwindelnder Eile von dannen ging. Ich klammerte mich hinten auf dem einen Schlitten fest, auf meinen Schneeschuhen stehend, und mich an der Rückwand des Schlittens haltend, so gut ich konnte, während Kristiansen, dem dies zu halsbrecherisch erschien, auf seinen Schneeschuhen hinterher gelaufen kam.
So sausten wir dahin über den unebenen Schnee, über Höhen und Tiefen hinweg, daß Einem Hören und Sehen verging. Die Schlitten glitten über alle Unebenheiten hinweg, die Spitzen der Schneeschanzen oft nur wie im Tanz berührend. Ich hatte alle Mühe, mich da hinten fest zu halten. Dann fiel das Terrain plötzlich ab und zwar stärker denn je zuvor. Die Fahrt wurde schneller und schneller, die Schlitten berührten jetzt den Schnee kaum mehr. Gerade vor mir stach das vordere Ende eines Schneeschuhs aus dem Schlitten heraus, der quer über beide Schlitten festgeschnürt war, um sie zusammen zu halten. Es war nicht möglich, ihn zu entfernen, und er verursachte mir viel Beschwerde. Besonders schlimm war es, wenn wir über die Schneeschanzen hinwegglitten, die Schneeschuhe wurden dann festgeklemmt, und ich verlor jegliche Herrschaft über sie. So schlug ich mich lange mit dieser verzweifelten Schneeschuhspitze herum, während Sverdrup vorne am Steuer stand und glaubte, daß wir Beide hinten aufsäßen. Mit immer wachsender Geschwindigkeit ging es vorwärts. Der Schnee wirbelte um uns und hinter uns auf, und die Gefährten hinter mir im Schneegestöber wurden kleiner und kleiner.
Da aber begann eine Eisaxt, die auf dem Schlitten lag, sich zu lösen und machte Anstalten, abzufallen. Die mußte gerettet werden. Ich machte mich vorsichtig vorüber, ganz auf die Spitze des Schneeschuhes, und war gerade im Begriff, die Axt zu befestigen, als wir an eine hohe Schneeschanze kamen. Das Ende des Schneeschuhs auf dem Schlitten schnitt mich in die Beine, und da lag ich und starrte dem Schlitten und dem Segel nach, die dahinsausten und im Schneegestöber kleiner und kleiner wurden. Es war ganz unheimlich, wie schnell das ging! Und ich lag da und hatte das Nachsehen. Allmählich raffte ich mich jedoch auf und lief hinterdrein in dem Kielwasser des Schlitten, so lange meine Augen ihn zu erblicken vermochten.
Zu meiner Freude entdeckte ich, daß ich mich auf meinen Schneeschuhen mit Hülfe des Windes ganz schnell vorwärts bewegen konnte.