Ganz draußen am Rande des Horizonts liegt das blauschimmernde Gebirge Hallingskarve mit glitzernden Firnen, der Gipfel noch verdeckt von jagendem Nebel...
Da stürmen die Schafe und Ziegen in ganzen Herden auf die Wiese herein. Wie sie vor ausgelassener Lebensfreude hüpfen und springen! Die Lämmer umspringen die Mütter, als sei das Leben eitel Lust. Lustig bewegt sich das kleine Schwänzchen, so oft sie unter den Bauch stoßen und die Zitzen erwischen. Der Schafbock stößt mit den Hörnern gegen den Zaun, daß es knallt, und rennt den Schafen nach.
Nun kommt die Melkerin mit dem Holzkübel, um die Ziegen zu melken, die ruhig warten, bis sie daran sind. Unten an der Birkenhalde am Rande des Moors trottet die Kuhherde daher, man hört von weither das Schellengeläute und Brüllen.
Aber der Herbstabend wird dunkler, die Weiher dort unten noch schwärzer und tiefer. Hoch oben jagen düstere Wolken. Und mitten darin zwischen allem — der Mensch, der in allem und in nichts sich selbst wiederfindet, der weder träumender See noch jagende Wolke ist, aber sinnloser als dies alles.
Rasch wird es dunkel, vereinzelte Regentropfen fallen auf die Fensterscheibe. Bald kommt die Nacht und hüllt die Bergweite ein, die schwarzen Weiher und das Nixenauge weit draußen.
Montag abend, 12. September.
Wieder sitze ich hier am Fenster, wieder liegen die Hunde müde von der Jagd auf dem Boden, und wieder dieses wundervolle Gefühl in den Muskeln, wenn man die Glieder nach einem anstrengenden Tage streckt. Man hat das Wohlbehagen des Tiers, das Glück des geschmeidigen Leibes bei dem Gefühl, daß doch noch Spannkraft vorhanden ist — den ewigen Traum von Jugend...
Es ist auch eine Freude, als Wilder zu leben! Es ist der Naturmensch in uns, der seinem Ursprung näher kommt.
Während ich so dasitze, gleitet Bild auf Bild aus dieser Bergwelt an meinen Augen vorüber.
Ich sehe die Berge im Westen im herbstlichen Nebelregen. Es dunkelt gegen Abend. Die Renntierherde lockt tief ins Gebirge hinein. Der Nebel wird dichter und dichter. Man verirrt sich... Die Renntiere verschwinden unter den Blöcken der Schutthalde; im Dunkel geht es durch einen Bach nach dem andern, bis an den Leib im Eiswasser, der Steinhütte zu. — Endlich ist man am Ziel. Man hat Krampf in den steifen Beinen und kommt nur mit Mühe vom letzten Fluß aus die Anhöhe hinan. Die Hütte ist nicht besonders. Es tropft durchs Dach. Draußen gießt es, und ich bin naß bis auf die Haut. Auch das Holz ist naß... Endlich lodert das Feuer. Alle Kleider sind zum Trocknen aufgehangen, nackt sitze ich am Herd und brate das Renntierfleisch am Spieß. Ich esse es halb roh, während der rote Fleischsaft herabrinnt... Dann werden Steine gewärmt und ins Bett getragen, dessen Grasfüllung ganz naß getropft ist. Das gibt eine warme, aber freilich keine ebene Unterlage. Der Körper muß sich in S-Form biegen, um den fallenden Tropfen zu entgehen. Am nächsten Tag geht es wieder hinter dem Renntier her...