Die materielle Entwicklung hat in der lärmenden Gesellschaft Europas die Übermacht. Und die geistige Entwicklung — wer fragt nach ihr? Äußerer Luxus, materielles Wohlbefinden sind, scheint es, Losung und Ziel geworden, und für wie viele wiegt das nicht schwerer als manche geistigen Werte?
Ein Beispiel! Wenn ich zu einem Freunde komme, und er bittet mich, zum Abend zu bleiben, damit wir miteinander plaudern können, und er setzt mir dann nur seine gewohnte Hafergrütze vor, müßte ich mich da nicht geehrt fühlen? Denn er setzt voraus, daß ich, wie er, das als eine Nebensache im Leben ansehe, und daß es Geist und Begabung sind, mit denen zusammen zu sein schon ein Fest ist. Aber ob nicht manche es als eine Beleidigung auffassen würden, daß man nicht mehr Staat mit ihnen macht?
Wer hat den Willen und den Mut, einfach zu sein, wenn es nicht gerade Mode ist?
Mode! Man denke: eine „Kultur“, die Moden hat, den Stempel der Unselbständigkeit, der verwaschenen Persönlichkeiten! Wendet nicht ein, daß nur Frauen und närrische Mannsleute der Mode nachlaufen. O nein, nicht nur in Kleidern, Essen, Trinken und dergleichen haben wir Moden. Sie herrschen auch in der Kunst, in der Literatur, in der Wissenschaft, ja in unsern Meinungen, in unserer „Überzeugung“...
Und es wird immer schlimmer. Mit den immer schneller werdenden Verkehrsmitteln nimmt das Tempo unheimlich zu. Früher brauchte eine neue Mode Jahre, um zu uns zu gelangen. Jetzt braucht sie ebenso viele Tage oder Stunden; — und unaufhörlich wechselt sie.
In dieser lärmenden Hetzjagd hat man keine Zeit, seine eigene Meinung zu finden; so keucht man hinter derjenigen der letzten Mode her. Man darf doch nicht etwa entdeckt werden, wie man dasitzt mit einem Hut oder einer Ansicht oder einer Meinung oder einem Unterrock, die schon altmodisch geworden sind!
Unser ganzes Leben ist darauf eingerichtet, auf andere zu wirken; es ist nicht so eingerichtet, wie wir es selber wünschen könnten, sondern so, wie die andern, der Haufe, es will. So wohnen wir, so kleiden wir uns, so speisen wir, so schlafen wir, so arbeiten wir, so denken wir, ja — so lieben wir auch..
Wann kommt das neue Geschlecht, das all diese Zeitvergeudung abschüttelt, das sein eigenes Leben lebt, es selbst ist, freie Männer und Frauen, das das Kleine klein sein läßt und die Schönheit und Harmonie ins Leben zurückführt?..
Wie soll das enden? Ohne Ruhe zur Verarbeitung der neuen Eindrücke, ohne Selbstvertiefung kann sich wohl kein Mensch entwickeln. Aber wann findet man dazu die Ruhe in der modernen Gesellschaft?
Neue Eindrücke pflanzen sich immer schneller fort; wir bekommen jetzt mehr von ihnen an einem Tage als früher in Monaten und Jahren. Sie wimmeln heran mit dem Telegraphen, mit den Zeitungen, mit dem Telephon. Und wenn wir in die Welt hinaus reisen, um den Horizont zu erweitern, durchfahren wir in einer Woche mehr, als wir früher in einem Jahr sahen.