Ich liege seewärts auf einer Bergkuppe und lasse mich von der Sonne braten. Weit draußen nach Nordosten breitet sich das Meer kühl-blau und dunkel mit weißen Schaumkämmen.
Von Geiranger aus haben wir ozeanographische Untersuchungen im Storfjord unternommen; jetzt sind wir hier. Gestern kamen wir halbwegs bis Storeggen hinaus, um unsern Querschnitt durch das Meer nach Island hinüber mit einer Reihe von ozeanographischen Stationen zu beginnen, auf denen Lotungsreihen mit Temperaturbeobachtungen und Wasserproben von der Oberfläche bis zum Meeresboden genommen werden.
Mehrere Tage hatte es Nordweststurm gegeben. Noch war hohe See, und die Wogen gingen so hoch, daß sie auf mehrere Faden Tiefe Brandung bildeten. Das war nicht gerade gemütlich für diejenigen von uns, die nicht seefest waren. Aber die Arbeit wurde trotzdem geleistet, und wir erledigten unsere fünfte Station auf dieser Reise gut genug...
Hier ist es so still und friedlich. Unten ein kleiner gemütlicher Hafen mit Speichern und Fischerhütten ringsum; draußen Schären und Holme, die gelbbraun, mit eingesprengten grünen Flecken, sich von dem blauen Meer abheben, auf dem es von Nordosten immer mehr zu wehen anfängt. Kein Segelboot ist bei dem frischen Winde zu sehen; es ist ja Sonntag, und die Leute sind in den Häusern und feiern.
Hier und da schlendern sonntäglich gekleidete Männer umher, die Hände in den Hosentaschen, und spucken — oder sie liegen auf einem Hügel in der Sonne, die Hände unter dem Nacken, und starren ins Weite, oder sie sitzen zu zwei und zwei zusammen, saugen an ihren Pfeifen und reden vom Wind und von Fischfangaussichten. Sie haben in den letzten Wochen einen überaus guten Fang von Langfischen gehabt.
Unten auf dem Hügel spielen einige Kinder. Ein keckes, halbwüchsiges Mädchen mit roter, in der Sonne hell leuchtender Mütze übt auf einer Ziehharmonika „Ja wir lieben dieses Land“; sie singt dazu und marschiert auf und ab. Sie bewegt sich stramm und behend.
Dort kommt ein erwachsenes Mädchen im blauen Rock herauf; sie setzt sich auf den Stein und will die Harmonika haben. Sie spielt nicht besser.
Auf einmal aber wird sie eifrig; sie fährt auf, glättet das Kopftuch und geht ein Stück nach unten. Ich sehe nach der entgegengesetzten Seite. Dort unten auf dem Wege gehen zwei Mannsleute ruhig und gemütlich. Sie werden wohl bald stehen bleiben? Jawohl, der eine bleibt stehen, sieht hinauf und spuckt, die Hände in den Taschen, den Nacken etwas gebeugt. Der andere bleibt weiter unten stehen.
Das Mädchen wendet sich und kehrt zurück; verwirrt sieht sie sich nach den Kindern um, die sie ja nicht zu beaufsichtigen hat, bittet sie zu kommen und will doch gar nicht, daß sie es tun. Dann geht sie im Zickzack nach unten.
Das Mädchen mit der Harmonika will folgen, wird aber abgewiesen. Dann geht es schneller und schneller, bis zum Stacheldrahtzaun. Dort unterhalten sie sich, dann spazieren sie den Weg weiter hinunter und verschwinden hinter den Häusern.