Später sehe ich sie unten im Hafen in einem Boot. Er setzt ein rotbraunes verwittertes Segel, und bei gutem Wind geht es zu einer Sonntagsfahrt über den glitzernden Fjord. Der blaue Rock leuchtet frisch weit hinaus, aber die Freude ist ja blau. Das Leben ist strahlendes blaues Sonnenlicht.

Wie gut es tut, zu faulenzen! — Morgen geht es auf die See. Wir wollen erst mit einer Reihe von Stationen einen Querschnitt durch das Meer nach Island hinüber ziehen, dann soll es weiter nach Jan Mayen gehen und zurück nach den Lofoten. Hjort und Gran wollen die Verbreitung des Lebens im Meer und die Fischverhältnisse studieren, Helland-Hansen und ich werden besonders das Verhältnis zwischen den warmen und kalten Strömungen und Wassermassen zu ergründen suchen.

Wir alle haben neue Apparate, Instrumente und Methoden für die Untersuchung des Meereslebens und der physikalischen und chemischen Verhältnisse des Meeres erfunden, und Großes erwarten wir von dieser Fahrt — nach unserer Annahme dürfte sie wohl in der Meeresforschung eine neue Zeit einleiten.

Auf dem Meer zwischen Norwegen und Island,
Donnerstag, 26. Juli.

Das Leben ist mitunter licht. Wir haben den ersten Sieg auf unserer Fahrt errungen! Heute nacht bekamen wir unsere Treibnetze voll von Heringen, blanken, blinkenden, großen Heringen. Einen Kohlfisch fingen wir auch und zwei große Dorsche, mitten auf See.

Hjort strahlte vor Stolz auf diese Bestätigung seiner Erwartung. Er war zu dem Schluß gekommen, daß die Fischarten, die uns unsere großen Fischereien liefern, nicht nur an die Bänke und Küstenstriche gebunden, sondern über das ganze Meer verbreitet sind, auch über die großen Tiefen, überall wo sie Lebensmöglichkeit finden. Er war darin bestärkt worden durch das, was Bottlenose(Entenwal)-Fänger von Fischmengen erzählten, die sie auf offener See gefunden hatten.

Hier haben wir also die sicheren Beweise. Auf einmal wird das Feld, aus dem die Fischereien ihre Reichtümer holen, mächtig erweitert. Die Fischmengen des Meeres scheinen noch unerschöpflicher zu sein, als wir zu glauben gewagt hatten.

Nun bin ich gespannt auf den Rotfisch (Sebastes norvegicus) westlich von Jan Mayen, wo ich im Jahre 1882 einen Klappmützenmagen voll von frischen Rotfischen fand, die eben erst eingenommen sein mußten. Und das war mitten in der Tiefsee. — Und dann denke ich auch an alle die Fische, die ich in den Magen von Eishaien fand, die wir damals in der Dänemark-Straße zwischen Island und Grönland fingen.

Wir hielten ja Dorsche, Rotfische und ähnliches hauptsächlich für Grundfische, und wir unterschieden sie von den sogenannten pelagischen Fischen, die frei im Meere herumstreifen, wie z. B. die Makrele. Aber nun werden sie ja so ziemlich alle pelagisch.

Es ist Windstille. Lange Dünungen wie wogender Stahl. Leise Schläge gegen die Schiffswand, die Feuerkugel der Sonne geht in bläulichem Purpur unter. Eissturmvögel schweben geschäftig auf stillen Schwingen über dem Meeresspiegel, unablässig den Sonnenstreifen kreuzend, als suchten sie etwas, was sie niemals finden. Aber du lieber Himmel, das tun wir wohl alle....