Nebel lag auf allen Bergen ringsum. Nur über den Kämmen im Nordwesten leuchtete die Sonnenröte unter dem Nebeldach und erinnerte daran, daß es irgendwo in der Welt Sonnenschein gab. Aber das mußte weit, weit weg sein.
Als wir gegen Morgen an Bord gingen, zerstreute sich der Nebel über den Bergspitzen im Süden. Draußen im Nordosten färbte sich der Himmel rot von der Sonne; in seiner Art war das ganz schön.
Von Jan Mayen glaubten wir genug gesehen zu haben. Ganz hatte sich uns der Beerenberg freilich nicht gezeigt, und vielleicht erhält, wer ihn an einem Tag mit Sonnenschein zu sehen bekommt, ein anderes Bild von der Insel. In meiner Erinnerung hat sich die Insel unauslöschlich befestigt. Aber zu dieser Erinnerung werde ich wohl kaum gern zurückkehren....
Im Verlauf des Tages führten wir neue Trawlzüge aus und fanden unter anderm, daß hier die Algen bis in eine Tiefe von 90 bis 100 Meter hinab wachsen. Das kommt daher, daß das Wasser infolge des dürftigen Planktons so klar und durchsichtig ist und das Sonnenlicht daher im Sommer in große Tiefen hinabdringen kann. Das Meer hat die Klarheit und den Reichtum an Pflanzenleben, die Luft und Land entbehren müssen.
Am Nachmittag ließen wir die einsame, der Erinnerung bare Insel in ihrer Nebelwelt zurück. Schnell verschwand sie unter dem Horizont im Nebel, und es ging ostwärts nach Norwegen.
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Am Abend nahmen wir eine Temperaturreihe bis auf den Grund. Da ereignete sich leider das Unglück, daß beim Heraufholen der Lotleine mein neu erfundener Wasserschöpfer in voller Geschwindigkeit gegen den Block des Flaschenzugs rannte, die Leine sprang aus, und das teure Instrument mit seinen kostbaren Thermometern verschwand in der Tiefe. Einen Augenblick gab es mir einen Stich ins Herz — mein Blut stand still; auf das Instrument war ja monatelange Arbeit verwandt. Aber dann erinnerte ich mich, daß es nur ein Wasserschöpfer war, und wir holten einen andern hervor. Die letzte Tiefenmessung mußte wiederholt werden, und wir setzten sie bis zum Grunde in 1530 Meter Tiefe fort. Und so war das Unglück nicht weiter groß. Aber trotzdem — es war viel verloren, und man hat mit genug Schwierigkeiten zu kämpfen.
11. August 1900.
Wir dampfen in der Nacht mit voller Fahrt nach Osten über die große rollende Wasserfläche. Auf einmal denke ich daran, daß es Sommer ist. Und dies ist wieder ein Sommermorgen mit zunehmendem Licht und mit blaugrauen echten Kumuluswolken. Weit hinten liegt der Nebel — und dort vorn baut die Sonnenröte ihr wunderbares Elfenland, blaue Berge mit goldenen Kämmen, Sunde dazwischen, und hier und da segelnde Schiffe von Wolken, die wieder verschwinden. Dort oben im Nebel hatte man den Sommer ganz vergessen.
Nun starre ich in der zunehmenden Morgenröte in das lockende Wolkenland hinein. Es ist, als steige Norwegen dort hinten über den Meeresrand. Du herrliches Land! Es ist einem, als wäre man weit, weit weg gewesen, seit du im Meer versankst.