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Barmen, 17. März 1845.

Lieber Marx!

Gestern gab mir Heß Deinen Brief. Was die Übersetzungen betrifft, so ist das Ganze noch gar nicht organisiert. In Bonn wollte ich den Fourier von einigen dortigen Leuten unter meinen Augen und meiner Leitung übersetzen lassen, natürlich den kosmogonischen Unsinn weglassen, und wenn der Verleger einverstanden wäre, das Ding als erste Sektion einer solchen Bibliothek herausgeben. Ich sprach gelegentlich mit B[utz], dem Verleger des Gesellschaftsspiegels, darüber, und er schien nicht übel Lust dazu zu haben, obgleich er zu einer größeren Bibliothek nicht die Fonds hat. Geben wir aber das Ding in dieser Gestalt, so wird es allerdings besser sein, es Leske oder sonst jemand zu geben, der auch was dranwenden kann. Die Sachen selbst zu übersetzen, habe ich für den Sommer durchaus keine Zeit, da ich die englischen Sachen abschließen muß. Das erste Ding ist diese Woche an Wigand abgegangen, und da ich mit ihm stipuliert habe, daß er mir 100 Taler bei Empfang des Manuskriptes auszahlen soll, so denke ich in 8 bis 12 Tagen Geld zu bekommen und Dir schicken zu können. Einstweilen liegen 122,22 Franken per 16. März auf Bons.

Hierbei den Rest der Subskriptionen; wenn die Sache nicht durch die Elberfelder so scheußlich verschleppt worden wäre, die von ihren amis-bourgeois[1] noch wenigstens 20 Taler hätten zusammentreiben können, so wäre es eher und mehr gekommen.

Um auf die Bibliothek zurückzukommen, so weiß ich nicht, ob die historische Reihenfolge der Sachen die beste sein würde. Da Franzosen und Engländer doch abwechseln müßten, so würde der Zusammenhang der Entwicklung doch fortwährend unterbrochen werden. Ohnehin glaube ich, daß es besser wäre, hierbei das theoretische Interesse der praktischen Wirksamkeit aufzuopfern und mit den Sachen anzufangen, die den Deutschen am meisten Stoff geben und unseren Prinzipien am nächsten stehen; also die besten Sachen von Fourier, Owen, den Saint-Simonisten usw. – Morelly könnte auch ziemlich vornehin kommen. Die historische Entwicklung könnte man ganz kurz in der Einleitung zum Ganzen geben, und so würde sich auch bei einer solchen Anordnung jeder leicht zurechtfinden. Die Einleitung könnten wir zusammen machen – Du Frankreich, ich England nehmen –, vielleicht ginge das schon, wenn ich, wie ich vorhabe, in drei Wochen herüberkomme – wenigstens könnten wir das Ding besprechen –, jedenfalls scheint mir aber durchaus nötig, gleich von vornherein mit Sachen anzufangen, die von praktischer, einschlagender Wirkung auf die Deutschen sind und uns ersparen, das noch einmal zu sagen, was andere vor uns gesagt haben. Wenn wir eine Quellensammlung zur Geschichte des Sozialismus oder vielmehr die Geschichte in und durch die Quellen geben wollten, so würden wir mit dem Ding, fürchte ich, in langer Zeit nicht fertig und obendrein langweilig werden. Deshalb bin ich dafür, daß wir nur solche Sachen geben, deren positiver Inhalt wenigstens zum größten Teil heute noch zu brauchen ist. Godwins Political Justice[2] würde, als Kritik der Politik vom politischen und bürgerlich-gesellschaftlichen Standpunkt, trotz der vielen famosen Sachen, in denen Godwin an den Kommunismus anstreift, wegfallen, da Du doch die vollständige Kritik der Politik geben wirst. Um so eher, als Godwin am Ende seiner Schrift zum Resultat kommt, der Mensch habe sich möglichst von der Gesellschaft zu emanzipieren und sie nur als einen Luxusartikel zu gebrauchen (Political Justice, II, Buch 8, Anhang zu Kapitel 8) und überhaupt in seinen Resultaten so entschieden antisozial ist. Ich habe übrigens das Buch vor sehr langer Zeit, wo ich noch arg im unklaren war, exzerpiert und muß es jedenfalls noch einmal durchnehmen, deswegen ist es leicht möglich, daß mehr in dem Ding steckt, als ich damals darin fand. Nehmen wir aber Godwin, so dürfen wir sein Supplement Bentham auch nicht fehlen lassen, obwohl der Kerl arg langweilig und theoretisch ist. – Schreibe mir hierüber, und dann wollen wir weiter sehen, was zu machen ist. Da diese Idee uns beiden gekommen ist, so muß sie jedenfalls durchgeführt werden – ich meine die Bibliothek. Heß wird sich gewiß mit Vergnügen dabei beteiligen und ich desgleichen, sobald ich irgendwie Zeit habe – Heß hat sie, da er augenblicklich außer der Redaktion des Gesellschaftsspiegels nichts im Schilde führt. – Sind wir über die Grundlage einverstanden, so können wir bei meiner Dorthinkunft, die ich wegen dieser Sache noch mehr betreiben werde, die Sache vollständig ins reine bringen und gleich ans Werk gehen. –

Die Kritische Kritik – ich glaube, ich schrieb Dir schon, daß sie angekommen ist – ist ganz famos. Deine Auseinandersetzungen über Judenfrage, Geschichte des Materialismus und mystères[3] sind prächtig und werden von ausgezeichneter Wirkung sein. Aber bei alledem ist das Ding zu groß. Die souveräne Verachtung, mit der wir beide gegen die Literatur-Zeitung auftreten, bildet einen argen Gegensatz gegen die 22 Bogen, die wir ihr dedizieren. Dazu wird doch das meiste von der Kritik der Spekulation und des abstrakten Wesens überhaupt dem größeren Publikum unverständlich bleiben und auch nicht allgemein interessieren. Sonst aber ist das ganze Buch prächtig geschrieben und zum Kranklachen. Die Bauers werden kein Wort sagen können. Bürgers kann übrigens, wenn er’s im Püttmannschen ersten Heft anzeigt, gelegentlich den Grund erwähnen, aus welchem ich nur wenig und nur das, was ohne tieferes Eingehen auf die Sache geschrieben werden konnte, bearbeitet habe – meine zehntägige kurze Anwesenheit in Paris. Es sieht ohnehin komisch aus, daß ich vielleicht anderthalb Bogen und Du über zwanzig drin hast. Das über die „Hurenverhältnisse“ hättest du besser gestrichen. Es ist zu wenig und zu total unbedeutend.

Es ist merkwürdig, wie ich außer mit der Bibliothek noch in einem anderen Plane mit Dir zusammengekommen bin. Auch ich wollte für Püttmann eine Kritik Lists schreiben – glücklicherweise erfuhr ich durch Püttmann Deine Absicht früh genug. Da ich den List übrigens praktisch fassen wollte, die praktischen Folgen seines Systems entwickeln, so werde ich eine meiner Elberfelder Reden (die Verhandlungen werden im Püttmannschen Ding gedruckt), worin ich dies unter anderem in kurzem tat, etwas weiter ausarbeiten – ich vermute ohnehin nach dem Bürgersschen Brief an Heß und nach Deiner Persönlichkeit, daß Du Dich mehr auf seine Voraussetzungen als auf seine Konsequenzen einlassen wirst.

Ich lebe Dir jetzt ein wahres Hundeleben. Durch die Versammlungsgeschichten und die „Liederlichkeit“ mehrerer unserer hiesigen Kommunisten, mit denen ich natürlich umgehe, ist der ganze religiöse Fanatismus meines Alten wieder erweckt, durch meine Erklärung, den Schacher definitiv dranzugeben, gesteigert – und durch mein offenes Auftreten als Kommunist hat sich nebenbei noch ein glänzender Bourgeoisfanatismus in ihm entwickelt. Jetzt denke Dir meine Stellung. Ich mag, da ich in vierzehn Tagen oder so weggehe, keinen Krakeel anfangen; ich lasse alles über mich ergehen, das sind sie nicht gewohnt und so wächst ihnen der Mut .... Wär’s nicht um meiner Mutter willen, die einen schönen menschlichen Fonds und nur meinem Vater gegenüber gar keine Selbständigkeit hat, und die ich wirklich liebe, so würde es mir keinen Augenblick einfallen, meinem fanatischen und despotischen Alten auch nur die elendeste Konzession zu machen. Aber so grämt sich meine Mutter ohnehin jeden Augenblick krank und hat gleich jedesmal, wenn sie sich speziell über mich ärgert, acht Tage Kopfschmerzen – es ist nicht mehr auszuhalten, ich muß fort und weiß kaum, wie ich die paar Wochen, die ich hier bin, noch aushalten soll. Doch das wird auch schon gehen.

Im übrigen ist hier nichts Neues. Die Bourgeoisie politisiert und geht in die Kirche, das Proletariat tut, wir wissen nicht was, und können’s kaum wissen. Die Adresse, an die Euer letzter Brief abging, ist einstweilen noch sicher. Heute abend hoffe ich das Geld zu bekommen – eben versichert mir Köttgen, daß er, sobald er etwas mehr Zeit hat – in ein paar Tagen – noch etwas wird auftreiben können. Ich traue dem Ding aber nicht recht, der Köttgen ist bei der Hand, wo er sich hervortun kann, aber sonst taugt er und tut er nichts. Addio!