D’abord mes remerciements pour ton article.[1] Trotz allem Bösen, was Du ihm nachgesagt hast, war er famos und ist unverändert nach New York gesegelt. Du hast ganz den Ton für die Tribune getroffen. Sobald wir ihre erste Nummer erhalten, schicke ich sie Dir zu, und von da an regelmäßig.

Maintenant habe ich eine ganze Ladung Emigrationsmist an Dich zu spedieren – und wenn Du einen Farmer in der Umgegend kennst, der den Guano dieser sauberen Vögel zum Dünger braucht, so kannst Du ein Geschäft machen.

Also, wie Dir schon bekannt, am Freitag, 8 August, fand die erste offizielle Versammlung der verbrüderten Emigration statt, worin besonders leuchteten: Der „Damm“, der präsidierte, Schurz Sekretär, Goegg, zwei Sigel, Fickler, Tausenau, Frank (der Österreicher-Biedermann), Willich, Borkheim, Schimmelpfennig, Johannes Ronge, Meyen, Graf Reichenbach, Oppenheim, Bauer-Stolp, der Hanebuch [Hamburger] Lüders, Haugh, A. Ruge, Techow, Schmolze (bayerischer Leutnant), Petzler, Böhler, Gehrke, Schärttner, Göhringer usw., Kinkel und Strodtmann natürlich nicht zu vergessen. Also die Hauptcliquen: 1. Ruge-Fickler, 2. Kinkel, 3. Tausenau. Die anderen independenten literarischen Bummler und Vereinbarer dazwischen. Der eigentliche Knotenpunkt, um den es sich bei dieser großen Haupt- und Staatsaktion handelte, war folgender: Ruge-Fickler-Tausenau-Goegg-Sigel-Haugh usw. wollten die Erwählung eines offiziellen Komitees teils zur Denunziation der Missetaten der Reaktion, teils zur Repräsentation der Emigration, teils zur „Aktion“-Agitation Deutschland gegenüber. Der dumme Ruge hatte dabei noch den Haken, daß er Ledru-Mazzini gegenüber als bevollmächtigt anerkannt [würde] und außer seinem Namen nun auch wirklich das Korpus der deutschen Flüchtlingschaft als Armee ihnen zu Gebot stellen könne. Herr Kinkel (mit ihm, außer Retter Schurz mit seinem Biographen, besonders Willich, Techow, Schmolze, Schimmelpfennig) dagegen wollte kein öffentliches Institut dieser Art, um den Ruge nicht mehr oder minder den Mazzini-Ledru gegenüber anerkennen zu müssen. Von vornherein war die Clique Ruge-Fickler entrüstet, als sie den Versammlungssaal über die Gebühr voll sah. Man war in geheimer Sitzung überein gekommen, nur die Notabilitäten zu berufen. Die Clique Kinkel aber hatte le menu peuple[2] mitgebracht, um sich die Stimmenzahl zu sichern.

Die Sitzung wurde öffentlich mit dem Vorlesen des Schmierartikels der Lith. Korr. durch General Haugh, der gleichzeitig erklärte, es müßten Spione in der Gesellschaft sein, das Aktenstück könne mißbraucht werden usw. Willich unterstützte dies mit damals noch ungebrochenem Pathos und forderte die Verbrecher auf, sich lieber zu nennen. Erhob sich darauf Bauer-Stolp (den ich übrigens für einen regulären Spion halte), er begreife Willichs tugendhaftes Entsetzen nicht, da er in der ersten vorbereitenden Sitzung Herrn Schindler als Redakteur der Lith. Korr. ohne Widerspruch eingeführt habe. Dieser Inzident erledigt, stellte Tausenau unter vielem pathetisch-gemütlichen Ächzen und Krächzen, er glaubte sich vor einem Wiener Publikum zu befinden, seinen Antrag auf die Kommissionsernennung. Herr Meyen antwortete ihm, daß er keine Taten wolle, aber freiwillige Verträge. (?) Melden sich abgekarteterweise sofort Kinkel für Amerika und seine Zukunft, Oppenheim für England, Schurz für Frankreich, Meyen für Preußen. Tausenaus Antrag fällt mit Glanz durch, und er erklärt gerührt, daß er trotz seines Durchfalls seinen gerechten Zorn auf dem Altar des Vaterlandes opfern und im Schoße der Verbrüderten bleiben werde. Aber sofort nahm die Clique Fickler-Ruge die drohende und gereizte Haltung geprellter schöner Seelen an.

Am Schlusse der Sitzung kommt Kinkel auf Schabelitz zu (der hier durchaus als unser Agent tätig war und als ein sehr nützlicher Agent, da er das Vertrauen sämtlicher Biedermänner besaß), erklärte ihn für einen braven Demokraten, erklärt die Basler National-Zeitung für ein ausgezeichnetes demokratisches Blatt und erkundigt sich unter anderem nach den Finanzen desselben. Schabelitz: Schlecht. Kinkel: Aber tun die Arbeiter denn nichts? Schabelitz: Alles, was wir von ihnen verlangen, sie lesen das Blatt. Kinkel: Die Arbeiter müßten mehr tun. Sie unterstützen auch uns nicht, wie sie sollten. Und Sie wissen, wir tun doch so viel für die Arbeiter. Wir tun alles, um sie zu „respektablen“, Sie verstehen mich wohl, um sie zu „ehrbaren Bürgern“ zu machen. En voilà une bonne.[3]

Die Sitzung der Vereinbarer vom 15. war wenig besucht und, wie die Engländer sagen, indifferent.

Unterdessen hatten sich große Dinge ereignet – am 17. – und der wahre Verlauf der Sache verlief sich, wie unser großer Arnold Ruge sagen würde, wie folgt:

Herr Kinkel berief Willich, Techow, Goegg, Sigel und noch einige zu sich und erklärte ihnen, daß er „160 Pfund durch Fischer aus New Orleans erhalten habe und beauftragt sei, diese Gelder zu verwenden unter Zuziehung der obenbenannten Männer und des Herrn Friedrich Engels“. Statt des letzteren hatte er Fickler eingeladen, der aber erklärt hatte, er habe mit den „Lumpen“ nichts zu schaffen. Herr Kinkel war gezwungen, den Brief vorzuzeigen, und da zeigte sich denn, daß diese Gelder sich schon seit drei Wochen anonym und inkognito in seiner Wohnung befanden, unschlüssig, ob sie ihr großes Herz der profanen Welt erschließen sollten oder nicht. Obgleich Kinkel mit Engelszungen sprach, so half das nicht. Es fand eine Separatsitzung der Clique Fickler-Ruge-Tausenau statt. Die Süddeutschen hatten nämlich unter der Hand gefunden, daß Arnold Ruge ein Narr ist. – Ruge in tiefem Grimme über die verlorenen 160 Pfund eröffnete nun den Freunden, daß vor mehr als zwölf Monaten Willich-Kinkel den Schimmelpfennig zu Mazzini geschickt, ihn als Emissär vorgestellt und [Mazzini] zu einer Agitationsreise nach Deutschland um Geld angegangen hatten. Mazzini gab ihm 1 000 Franken bar und 5 000 Franken in seinen italienischen Scheinen unter der Bedingung, nach zwölf Monaten ihm die 1 000 Franken und zwei Fünftel der untergebrachten italienischen Scheine zurückzuerstatten. Davon reiste Schimmelpfennig durch Frankreich und Deutschland. Die zwölf Monate waren vergangen, aber Kinkel-Schimmelpfennig, die 1 000 Franken und die italienischen Scheine ließen nichts mehr von sich hören. Jetzt, nachdem das Geld aus New Orleans angekommen, hatte Kinkel seine Abgesandten an Mazzini wieder geschickt, nicht um zu zahlen, sondern um zu renommieren und in eine Allianz mit ihm zu treten. Mazzini war zu delikat, sie an ihre Schuld zu mahnen, erklärte ihnen aber, er habe seine Verbindungen in Deutschland, könne daher keine neuen eingehen. Die Herren hatten sich auch, erzählte Arnold Ruge weiter, zu Ledru-Rollin begeben. Hier aber war Ruge zuvorgekommen, und da Ledru-Rollin sich schon als Präsidenten der französischen Republik betrachtet und entschlossen ist, sofort den Krieg nach außen zu führen, ihm Sigel als Obergeneral der deutschen Revolutionsarmee vorgestellt, mit dem Ledru-Rollin sich dann auch in strategische Gespräche eingelassen. Hier fuhr also Kinkel-Willich abermals ab. Nach diesen Enthüllungen Ruges lag also die Verworfenheit der Clique Kinkel-Willich offen vor den Augen der betörten schönen Seelen. Nun mußte eine Tat vollbracht werden, und welche andere Taten kennt Ruge als neue Kombinationen und Permutationen seines verschimmelten alten Zentralkomitees? Es wurde also die Bildung eines Agitationsklubs beschlossen, der kein diskutierender, sondern „wesentlich arbeitender“ sein, nicht words, sondern works liefern und vor allem die Gesinnungsgenossen auffordern solle, Geldbeiträge zu liefern. Zusammensetzung: Fickler, Tausenau, Frank, Goegg, Sigel, Hordle, J. Ronge, Haugh, Ruge. Du erkennst sofort die Reformation Ruge-Ronge-Haugh. Aber bei näherer Ansicht zeigt sich, daß der wesentliche Bestandteil des Klubs 1. die westsüddeutschen Biedermänner Fickler, Goegg, Sigel, Hordle, 2. die ostsüddeutschen Tausenau, Haugh und Frank sind, daß der Klub also wesentlich als süddeutscher sich den „Preußen“ gegenüber gebildet hat und Ruge nur die Nabelschnur ist, die die Verbindung mit dem europäischen Zentralkomitee aufrecht erhält. Auch nennen sie jetzt die anderen Vereine schlechtweg „die Preußen“. Dieser Agitationsklub ernannte Tausenau zu seiner Exekutivgewalt und gleichzeitig zu seinem Minister des Auswärtigen. Es war das also eine vollständige Absetzung des Zentral-Ruge. Um ihm aber diese Pille zu versüßen, wurde ihm als Douceur gegeben die Anerkennung, daß man seine Stellung beim Zentralkomitee anerkennt, seine bisherige Tätigkeit und seine Vertretung des teutschen Volkes im Sinne des teutschen Volkes. Dieses testimonium paupertatis wirst Du gedruckt gelesen haben in der in fast allen englischen Blättern gebrachten Notiz, worin der Agitationsverein seine Geburt dem europäischen Publikum allerergebenst anzeigt und um gute Kundschaft bittet. Selbst dieses Douceur wurde dem unglücklichen Ruge verbittert, indem die Bauer-Fickler die unerträgliche conditio sine qua non[4] stellten, daß Ruge aufhöre, „sein dummes Zeug in die Welt zu schreiben“.

Ehe ich weiter erzähle, muß ich bemerken, daß in dem gesamtdemokratischen Verein wir ohne Wissen der anderen durch einen zu unserem Bunde aus Köln geflüchteten Arbeiter namens Ulmer vertreten sind, ein Mensch, der bei uns sehr ruhig und schweigsam ist und von dem wir nie geglaubt hätten, daß er die Gesamtdemokratie im Schach halten würde. Aber indignatio facit poetam,[5] und derselbe stille Ulmer hat, wie er mir sagte, das „Genie“, daß er leicht wütend wird, am ganzen Körper zittert und dann wie ein Berserker losfährt. Trotz seiner schmächtigen Schneiderfigur hat er zudem als bester Turner von Mainz ein bedeutendes Bewußtsein physischer Kraft und Gesundheit. Außerdem den Kommunistenstolz der Unfehlbarkeit.

Am 22. August fand also die dritte Sitzung statt. Versammlung sehr zahlreich, da großer Skandal von wegen des hochverräterischen Agitationsvereins zu erwarten stand. Präsident: Meyen. Auch zugegen: Rudolf Schramm und Bucher. Die Clique Kinkel stellte den Antrag auf Bildung eines Flüchtlingskomitees. Nämlich Herr Kinkel will doch nicht als öffentlicher Mann von der Bühne treten. Er will auch nicht sich bei den ästhetisch-liberalen Bürgern Englands kompromittieren. Ein Flüchtlingskomitee ist politisch-philanthropisch, stellt außerdem Geldmittel zur Verfügung, vereinigt also alle wünschenswerten Bedingungen. Dagegen wurde von einem gewissen Hollinger und von Ulmer der Antrag gestellt, das Flüchtlingskomitee in einer allgemeinen Generalversammlung der Flüchtlinge zu wählen, worauf die Kinkelclique immer hinwies auf die Gefahr des Skandals, den die Leute hinter dem Rücken der Versammlung (nämlich wir Anonymi) machen würden. Aber sie hatten auch Feinde vor sich. Von dem Agitationsklub waren nur zugegen Goegg, Sigel und sein Bruder. Goegg wurde in das Flüchtlingskomitee gewählt; das gab eine Gelegenheit, 1. den Austritt Tausenaus zu erklären, 2. die Erklärung des Agitationsvereins abzulesen, 3. schließlich nach Verlauf der Debatte ihren Gesamtaustritt anzuzeigen. Großer Sturm. Techow und [Rudolf] Schramm hunzten den Arnold Ruge schrecklich ab. Es wurde überhaupt sehr geschimpft. Goegg antwortete den anderen überlegen, griff den zweideutigen Kinkel bitter an, der nur seine Trabanten antworten ließ, sich als Großmogul den Bart strich und durch den stets um ihn wedelnden Schurz Zettel schrieb, die er, wie die Vereinbarer in Berlin, unter seinen Getreuen zirkulieren ließ und nach der Zirkulation sein Schlußvotum niederschrieb. Nur als Goegg sagte, daß der Agitationsverein seine Erklärung in den englischen Blättern publizieren werde, antwortete Kinkel majestätisch, daß er jetzt schon die ganze amerikanische Presse beherrsche, und daß schon die Anstalten getroffen seien, in kürzester Frist auch die französische Presse seiner Herrschaft zu unterwerfen. –