118

28 Deanstreet, 13. Oktober 1851.

Lieber Engels!

Weydemeyer ist am 29. September von Havre nach New York abgesegelt. Er traf daselbst Reich, der auch über See ging nach den Atlanticis. Reich war mit Schramm verhaftet worden und berichtet, daß die Polizei bei Schramm eine Kopie des Protokolls fand, worin sich die Verhandlungen befinden, die sein Duell mit Willich veranlaßten, das Protokoll desselben Abends, wo er Willich insultierte und aus der Sitzung lief. Die Sache ist von seiner Hand geschrieben und ohne Unterschrift. Die Polizei fand so heraus, daß er Schramm heißt und nicht „Bamberger“, auf dessen Paß er sich in Paris aufhielt. Andererseits hat das Protokoll zur Verwirrung des Herrn Stadthauptmann Weiß und Kompanie beigetragen, indem unsere Namen so in den Dreck verwickelt worden. Da Schramm einmal diese Dummheit begangen, ist es wenigstens erfreulich, daß der Ehrenmann direkt dafür gezüchtigt wird.

Kinkel hat also die von Amerika gesandten 160 Pfund dazu verwandt, um mit seinem Retter Schurz persönlich nach Amerika kollektieren zu gehen. Ob er gerade in diesem Augenblick der pressure on the american money-market[1] zur rechten Zeit kommt, scheint zweifelhaft. Er wählte den Moment so, daß er vor Kossuth eintraf, und schmeichelt sich, letzteren bei irgend einer Gelegenheit im Lande der Zukunft öffentlich zu umarmen und in allen Zeitungen drucken zu lassen: Kossuth und Kinkel!

Herr Heinzen hat, durch seine Sklavenemanzipationsheulereien unterstützt, eine neue Aktiengesellschaft in New York zustande gebracht und führt sein Blatt unter etwas verändertem Titel fort.

Stechan – traue keinem Straubinger nicht – befindet sich seit mehreren Wochen hier im Gefolge von Willich-Schapper. Während das Faktum besteht, daß seine an den Dietz geschriebenen Briefe zu Hannover auf der Polizei liegen, schreibt Stechan eine Korrespondenz in die Norddeutsche Zeitung, worin er meldet, Herrn Dietz sei das Pult erbrochen (quelle bêtise![2]) und so die Briefe entwendet worden. Der Spion sei, wie jetzt konstatiert, der seit langem im Dienste der Polizei befindliche Haupt aus Hamburg. Welch Glück, daß ich vor einigen Wochen jeden öffentlichen Schritt in der Angelegenheit Dietz-Stechan verhindert habe. Was den Haupt betrifft, so habe ich nichts mehr von ihm gehört und sinne vergebens auf ein Mittel, einen Brief in seine Hände zu spedieren, denn Haupt muß sich erklären. Mit Weerth habe ich’s schon einmal versucht, aber die Hausleute Haupts haben ihn immer abgewiesen unter dem Vorwand, er sei abwesend. Que penses-tu de[3] Haupt? Ich bin überzeugt, daß er weder Spion ist, noch jemals Spion war.

Edgar Bauer soll auch hier sein. Ich habe ihn noch nicht gesehen. Vor einer Woche traf Blind hier mit Gattin (Madam Cohen) ein zum Besuch der Exhibition, ist vergangenen Sonntag wieder abgereist. Ich habe ihn seit Montag nicht wiedergesehen, und zwar durch folgenden abgeschmackten Vorfall, der Dir beweist, wie sehr der Unglückliche unter dem Pantoffel steht. Heute erhielt ich einen Stadtbrief, worin er mir seine Abreise anzeigt. Am vergangenen Montag nämlich war er bei mir mit Gattin. Außerdem anwesend Freiligrath, roter Wolff (der sich nebenbei bemerkt ganz stille wieder herangeschlichen und zudem noch mit einem englischen Blaustrumpf verheiratet hat), Liebknecht und der unglückliche Pieper. Die Frau ist eine lebhafte Jüdin, und wir lachten und schwatzten ganz lustiglich, als der Vater aller Lügen die Sprache auf Religion brachte. Sie renommierte mit Atheismus, Feuerbach usw. Ich griff Feuerbach nun an, aber natürlich sehr manierlich und freundlichst. Im Anfang schien mir die Jüdin Spaß an der Diskussion zu haben, und das war natürlich der einzige Grund, warum ich mich auf dieses mir ennuyante Thema einließ. Dazwischen orakelte mein doktrinär-naseweises Echo, Herr Pieper, allerdings gerade nicht sehr taktvoll. Plötzlich sehe ich, daß die Frau in Tränen schwimmt. Blind wirft mir melancholisch vorwurfsvolle Blicke zu, sie bricht auf – und ward nicht mehr gesehen, ni lui non plus.[4] Solch Abenteuer habe ich in meiner langen Praxis noch nicht erlebt.

Pieper ist abgesegelt nach dem Hause Rothschild nach Frankfurt a. M. Er hat sich die sehr unangenehme Manier angewöhnt, wenn ich mit jemandem diskutiere, sich in sehr albern schulmeisterlichem Tone einzumischen.

Der Ehren-Göhringer hat mir eine summons [Zahlungsforderung] auf den 22. dieses Monats geschickt wegen der alten Forderung. Gleichzeitig ist der große Mann nach Southampton gereist, um Kossuth zu empfangen. Es scheint, daß ich die Empfangsfeierlichkeiten zahlen soll.