Wie können Sie glauben, daß ich Ihnen wegen der kleinen Kneiperei gezürnt hätte – es tat mir sehr leid, Sie vor Ihrer Abreise nicht mehr zu sehen, wo Sie sich dann selbst am besten überzeugt hätten, daß ich nur mit meinem hohen Herrn etwas schmollte. Übrigens haben solche Extraszenen ganz heilsame Folgen; diesmal muß sich aber der père Marx bei seiner nächtlichen philosophischen Wanderung sehr stark erkältet haben, denn er wurde ernsthaft krank und liegt bis jetzt noch ruhig danieder. Vielleicht wird es ihm heute möglich werden, etwas aufzustehen und sich an die Artikel für Amerika zu machen. Ich glaube aber, daß er noch nicht so weit hergestellt ist, wie er meint. Er phantasierte während drei Nächten und war sehr schlimm. Er läßt Sie bitten, Weerth zu grüßen, ihm zu sagen, daß er recht ärgerlich über ihn wäre, daß er bei Übersendung von Reinhardts Brief aus Paris nur zwei Worte mitgeschrieben, und daß er vor allem seine Pflichten als alter Redakteur der Neuen Rheinischen erfüllen und irgendeine Ware auf Lager nach Amerika spedieren solle. Was den Hanebuch betrifft, so sagt jetzt der père Marx wörtlich was folgt:

„Stets kanonenvoll, mit seinem insinuanten Wesen gegen Damen renommierend, meinend, damit die Fußtritte von Bar-Besen[1] erhalten zu haben; von Anfang an auf das geräuschvollste auf Straßen und Gassen, Parlours, Omnibus, Halfpenny-Steamboats das englische Publikum provozierend, sich an den großen Debatten zwischen Kinkel und Ruge zu beteiligen; jeden Deutschen bei den Ohren hinschleppend nach Cranbourne Hotel, einer der wichtigtuendsten Schreier des Emigrationsklubs, also auch seinen Bärengeifer über die kleine Winkelkirche der Neuen Rheinischen Zeitung ausfatzend. Weerth soll ihm antworten, wenn er dessen Protektion verlangt, er möge suchen, in einen der sieben von Kinkel zu errichtenden Ministerien einen Posten zu finden, was ihm bei seinen großen Verdiensten um die große einige Revolutionspartei und bei seinem Einfluß auf die beiden Kinkelschen Hofschriftsteller Meyen und Oppenheim nicht schwer fallen dürfte. Überhaupt soll Weerth, wenn jetzt einer der Geister sich an ihn wendet, [ihnen] sie merken lassen, daß er auch zu der ‚kleinen unverbesserlichen Sonderkirche‘ der Neuen Rheinischen Zeitung gehört, wie Meyen nach Amerika hingeschrieben.“ So weit mein hoher Patient Knackrüge.

Gestern kam ein sehr netter Brief von Cluß aus Washington, woraus das Treiben Kinkels von neuem hervorgeht. Leider kann ich ihn hier nicht beilegen, da Freiligrath ihn gestern mitgenommen. Morgen werden wir ihn schicken. Teilen Sie ihn auch Weerth stellenweise mit.

Es wird Sie wohl auch interessieren zu hören, daß Ihr ehemaliger Chef, General Willich, von der niedrigen Flüchtlingschaft eine Tracht Prügel bezogen, da diese den Unterschied zwischen sich und den höheren Flüchtlingen nicht [hat] begreifen können und die Art der Verwaltung der großen Revolutionsgelder im Interesse der großen Männer nicht gutheißen. Aus Cluß’ Brief geht noch hervor, daß Kinkel die Mystifikation Willichs und den Brief Schramms benutzt hat, um ihre Verbindungen mit Köln in Amerika zu beweisen. Es wird bald Zeit, mit der wirklichen Geschichte hervorzurücken. Der Kinkel scheint auch in Amerika verbreitet zu haben, daß Marx’ Partei Lasterpreise aussetzt, um nicht Moralhelden zu werden. Der Musch läßt Frederic herzlich grüßen. Die Mädchen sind schon in der Schule. Sie erinnern sich vielleicht, daß Pieper dem Jungen seine hübsche Brieftasche zum Geschenk gemacht hatte. Gestern drohte er, sie ihm wieder abzunehmen und ihm an deren Stelle etwas anderes zu kaufen. Heute morgen versteckt der Junge die Tasche und sagt eben: „Mohr, jetzt habe ich sie gut versteckelt, und wenn der Pieper sie haben will, dann sage ich, ich habe sie einem armen Mann geschenkt.“ Der Filou!

Adieu!

Herzliche Grüße Jenny Marx.


[1] Schanktisch-Kellnerinnen.

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Manchester, 14. Januar 1852.