Liebe Frau Marx!
Ich hätte Ihren angenehmen Brief längst beantwortet, wenn ich nicht durch eine Masse Geschichten daran total verhindert worden wäre – namentlich durch die Anwesenheit meines Schwagers, den ich während einer Woche zu amüsieren hatte, was hier in Manchester gewiß keine Kleinigkeit ist. An Arbeiten war während dieser Zeit natürlich nicht zu denken, und erst jetzt kann ich anfangen, mich zu besinnen, was bis nächsten Freitagsteamer geleistet werden kann. Heute oder morgen abend wird jedenfalls etwas für die Tribune fertig gemacht, und auch Vater Weydemeyer wird nicht leer ausgehen. Inzwischen höre und sehe ich von diesem nichts – hoffentlich ist bei Ihnen heute ein Brief von ihm eingesprungen, der uns die Aussichten fürs neue Jahr meldet, da die mit gestrigem Steamer eingetroffenen Briefe gerade bis zum 1. Januar gehen.
Ich hoffe, daß der pater familias sich inzwischen von seinem Straf- und Schmerzenslager erhoben haben wird, und wünsche nur, daß er über der Bibliothek nicht ganz die Tribune vergißt. Die Nachrichten über Ehren-Lüders sind Weerth sofort mitgeteilt worden, sowie das Nötige über Kinkel. –
Inliegend den Brief von Cluß zurück. Der Kerl ist ein unbezahlbarer Agent. Wenn die Geschichte mit der Willichschen Mystifikation auskommt, das wird ein heiteres Hallo setzen. Dies Faktum beweist nur, daß Kinkel in Beziehung auf uns in Amerika sehr häufig und sehr unangenehm interpelliert worden ist, und daß wir unter den dortigen Demokraten auch einen set[1] von Anhängern haben, die auf uns schwören, wie die anderen auf Kinkel oder Heinzen oder Hecker, keiner weiß warum; es werden das Anhänger sein à la Magnus Groß, Wilhelmi usw., Leute, die nur eines kurzen Zusammenseins mit uns bedürften, um über uns und sich eines Besseren aufgeklärt zu werden und in den allgemeinen Schafstall zurückzukehren, wohin sie gehören.
Der Louis Napoleon wird doch täglich amüsanter. Während noch immer nicht eine einzige jener großen Maßregeln zur Vernichtung des Pauperismus usw. das Tageslicht erblicken kann, bringt das Männchen es fertig, das ganze Philisterium der Welt durch Maßregeln aufzuhetzen, die bloß die momentane Konsolidierung seiner Autorität sichern sollen. Kein nichtfranzösisches Blatt wagt mehr für ihn aufzutreten, selbst der Sun und die Kölnische schweigen, und nur der Lumpaziuskorrespondent des Globe deponiert noch täglich seine Gemeinheiten in dem ihm dazu bewilligten Winkel. Dazu hat Louis Napoleon schon alle Welt argwöhnisch gemacht, ganz Europa hallt wider von Krieg und Kriegsgeschrei, und selbst die friedfertige Daily News muß nolens volens in den Ruf nach national defences[2] einstimmen. Der Kerl fängt nachgerade an, neben der einen, seit dem 2. Dezember zumeist hervorgetretenen Seite seines Charakters, dem gambler,[3] auch die zweite zu entwickeln, die des verrückten Prätendenten, der sich für einen prädestinierten Welterlöser hält und auf seinen Stern schwört. Und als die Zeit erfüllet war, da sandte Gott den Neffen, auf daß er erlöse alle Welt aus der Knechtschaft des Teufels und aus der Hölle des Sozialismus. Glücklicherweise kommt das Parlament bald zusammen, und das gibt immer etwas Abwechslung im politischen Humbug.
Viele Grüße an Marx und die Kleinen
von Ihrem F. Engels.
[1] Satz, Stamm.
[2] Nationale Verteidigungsmaßnahmen.