Die Gesellschaft, die damals in Brüssel gegründet wurde, nannte sich „Demokratischer Bund“ – Association Démocratique – und ward von den Beteiligten durchaus ernst genommen. Marx, für dessen Wahl in den Vorstand Engels so energisch gesorgt hatte, nahm diese Wahl an und ward im November 1847 vom Bund als dessen Vertreter zum Internationalen Meeting der Londoner Fraternal Democrats abgesandt, welche Reise mit der zum Kongreß des Bundes der Kommunisten zusammenfiel. Engels nennt einen gewissen Tedesco als Begleiter von Marx, und auch in einigen späteren Briefen begegnen wir diesem Namen. Es sei daher bemerkt, daß Viktor Tedesco ein junger Lütticher Anwalt sehr entschieden sozialistisch-demokratischer Gesinnung war, für die er dann fünf Jahre in Gefangenschaft zubrachte. Nach seinem Wiedereintritt in die Freiheit ist er später der liberalen Partei Belgiens beigetreten und einer ihrer Hauptführer geworden. Aus seiner Feder existiert ein „Katechismus des Proletariers“. Adolf Bartels, Jakob Kats, L. Jottrand, Jan Pellering waren belgische Sozialisten, die in der Geschichte der Sozialdemokratie ihres Landes ehrenvolle Plätze einnehmen. Maynz, Professor an der Brüsseler Universität, Breyer, Arzt, und Viktor Faider, Advokat, waren Mitglieder des Demokratischen Bundes; der neben Bricourt als Mitglied der Deputiertenkammer genannte Castiau war ein ungewöhnlich charaktervoller und begabter Demokrat, der 1848, als er sich in der Kammer isoliert sah, der parlamentarischen Laufbahn Valet sagte, und Philipp Gigot, Beamter im städtischen Archiv, war seit 1846 schon Mitglied des Kommunistenbundes. Imbert war ein französischer Flüchtling, der in Marseille ein radikalsozialistisches Blatt herausgegeben hatte.
Von den Personen, die Engels in diesen Briefen sonst noch nennt, sind die meisten aus der Geschichte der deutschen Sozialdemokratie bekannt. Bornstedt war der Herausgeber der Deutschen Brüsseler Zeitung, an der Marx-Engels und Freunde auf Grund eines Vertrags regelmäßig mitarbeiteten, und daß dadurch sie ihr den Charakter gaben und nicht er, mochte seinem Selbstgefühl schon wehe tun. Auch mögen schon damals Ansätze des Wahnsinns bei ihm vorhanden gewesen sein, dem er 1852 erlag. Sein schwankendes Verhalten erinnert an das von Moses Heß, der nun auch wieder in Brüssel ist und dort darin einwilligt, daß die führende Stellung Marx eingeräumt wird. Heilberg, Schriftsteller und Lehrer, war ein aus Schlesien gebürtiger Sozialist und Demokrat, der im Revolutionsjahr 1848 in Deutschland wirkte, dann vor den Verfolgungen der Reaktion wieder ins Ausland mußte und im Winter 1851/52 in London in sehr bedrängten Verhältnissen starb. Er war von einem Omnibus überfahren worden, und Freiligrath sammelte Geld, um des Verunglückten Frau und Kind nach Deutschland zurückzubefördern. Der Wallau, von dem Engels schreibt, war damals Schriftsetzer an der Brüsseler Zeitung und hat später als Oberbürgermeister von Mainz geendet, der mit „B.“ bezeichnete Bundesgenosse war zweifellos der Schriftsetzer Stephan Born. Von ihm ist in einem vier Wochen später – etwa am 10. November 1847 – wieder aus Paris datierten Briefe die Rede. Auf Born setzt Engels für den bevorstehenden Kommunistenkongreß besondere Hoffnungen, die Born auch nicht Lügen gestraft hat. Die in französischer Sprache geschriebene Bemerkung am Schlusse des Briefes zielt auf Artikel von Moses Heß in der Brüsseler Zeitung hin. Mit der „Drecklawine“ Karl Heinzens ist dessen Pamphlet „Die teutschen Kommunisten“ gemeint. Die im Anfang des Briefes geschilderte Verhandlung mit den Leuten von der Réforme und vom Atelier lassen eine ganze Internationale im Werden ersehen. Das günstige Urteil, das Engels dort über Louis Blanc fällt, erfährt sehr bald eine Abtönung.
Der in Engels’ Brief vom 15. November 1847 erwähnte Frank war der Pariser Verleger von Marx’ mittlerweile herausgekommener Schrift „Misère de la Philosophie“, und wie dieser Biedermann durch sein schlaues Geldmanöver es erreicht hatte, daß das Buch von der Pariser Presse ignoriert wurde, muß für Marx eine ebenso erbauliche Kunde gewesen sein, wie die Mitteilung von den Bedenken des guten Flocon gegen seinen Artikel über die Freihandelsfrage. Die Deputiertenwahl, von der im Briefe die Rede ist, war die Wahl eines Delegierten für den Londoner Kommunistenkongreß durch die Pariser Mitgliedschaft des Kommunistenbundes. Wenn Engels schreibt, er habe „diesmal gar nicht intrigiert“ und auch keinen Anlaß dazu gehabt, so weicht das von der Schilderung ab, die Stephan Born in seinen Erinnerungen von dieser Wahl gibt. Aber man wird Engels, der sich Marx gegenüber stets mit rückhaltloser Offenheit über seine taktischen Manöver äußerte und im Augenblick des Vorganges schrieb, unbedingt mehr zu glauben haben als Born, der fünfzig Jahre später darüber schrieb und einem Groll gegen Engels Genugtuung verschaffen wollte. Daß Engels sonst bereit war, im Notfall den Dingen etwas nachzuhelfen, lassen die Briefe zur Genüge erkennen; wo so Wichtiges auf dem Spiele stand, wäre es auch höchst doktrinär gewesen, die vertretene Sache der Laune des Zufalls anheimzugeben. Aus dem nächsten, kurz vor der Fahrt zum Kommunistenkongreß abgefaßten Brief ist am bedeutendsten die Stelle, die sich auf die abzufassende Programmschrift des Kommunistenbundes bezieht. Wir ersehen daraus, daß ein erster Entwurf des Kommunistischen Manifestes von Friedrich Engels verfaßt wurde und auch der Name auf ihn zurückgeht. Sonst zeigen dieser Brief und die nächsten Briefe, auf welche Schwierigkeiten Engels in Paris mit seinen Bemühungen für eine anständige Besprechung der „Misère de la Philosophie“ selbst dort stieß, wo man am ehesten auf Entgegenkommen hätte rechnen dürfen. Die Briefe der Freunde aus dem Monat März 1848 beziehen sich hauptsächlich auf die Ausweisung von Marx und Wilhelm Wolff aus Belgien und die sonstigen Polizeibrutalitäten, welche die belgische Regierung nach der Februarrevolution im Interesse der Aufrechterhaltung ihrer Ordnung bei sich zu Hause ins Werk setzte; auch geben sie ein kleines Stimmungsbild aus der Zeit zwischen dem Siege der Februarrevolution in Paris und der Erhebung vom 18. März 1848 in Berlin. Ein sehr charakteristisches Situationsbild gibt auch Engels’ vom 25. April 1848 datierter Brief aus Barmen. Er handelt von dem Versuch, für die von Marx-Engels und Freunden geplante radikal-demokratische Zeitung großen Stils – die dann den Titel Neue Rheinische Zeitung erhielt – Aktionäre auszutreiben, und zeigt, wie schnell nun, wo die Dinge ernst zu werden anfingen, jene Sympathien mit dem Kommunismus sich verflüchtigten, denen Engels vier Jahre vorher in Barmen-Elberfeld auf Schritt und Tritt begegnet war. Es dauert zwei Wochen, bis im nächsten Brief Engels die Zeichnung von vierzehn Aktien melden kann.
Immerhin, die Neue Rheinische Zeitung trat ins Leben, und ihr Erscheinungsort Köln ward das Zentrum der radikalen Demokratie Deutschlands. Zugleich aber regnete es bald Verfolgungen über ihre Redakteure und Parteigänger. Unter anderem ward im September 1848 Verhaftungsbefehl gegen Engels erlassen, und da gleichzeitig der Belagerungszustand über Köln verhängt wurde, zog es Engels vor, sich einstweilen durch Weggang ins Ausland der Verhaftung zu entziehen. Er wandte sich nach Belgien, ging dann über Frankreich in die Schweiz und arbeitete von dort, wohin ihm Marx Geld und Weisungen schickt, wieder an der Neuen Rheinischen Zeitung mit. Anfang 1849 kehrt Engels nach Köln zurück und findet eine ziemlich veränderte Situation vor. Durch Austritt eines Teils der bürgerlichen Aktionäre gestaltet sich trotz steigender Verbreitung die finanzielle Lage der Neuen Rheinischen Zeitung recht schwierig. Es fehlt an Betriebsmitteln, und um solche zu beschaffen tritt Marx eine Reise zu auswärtigen Gesinnungsfreunden an, worüber wir etwas aus Marx’ Brief vom 23. April 1849 ersehen. Als im Mai 1849 die preußische Behörde durch Ausweisung von Marx aus Preußen und Androhung von Ausweisung und Verhaftung anderer Redakteure der Neuen Rheinischen Zeitung den Lebensfaden abschnitt, ging Engels bekanntlich zunächst in die Pfalz und dann nach Baden, um an der dortigen Reichsverfassungskampagne teilzunehmen. Davon handelt der nächste dieser Epoche angehörige Brief. Er ist aus Vevey in der Schweiz vom 25. Juli 1849 an Frau Marx gerichtet und zeigt den liebenswürdigen Charakter Engels’, die rührende Zurücksetzung seiner Person, wo Marx in Betracht kam, wieder von der schönsten Seite. Wie mit Bezug hierauf spricht auch sonst dieser Brief im besten Sinne des Wortes für sich selbst. Ebenso läßt Marx’ Brief an Engels vom 7. Juni 1849 ausgestandene Sorge um den Freund erkennen. Marx’ aus Paris datierte Briefe berichten von seiner Drangsalierung durch die französische Regierung, seinen literarischen Projekten und politischen Hoffnungen. Mit dem Brief Marx’ vom 23. August 1849, der die unmittelbare Übersiedlung nach London anzeigt, endet der Briefwechsel dieser Epoche. Es beginnen die Jahre des Londoner Exils.
1844 bis 1849
1844
1
[Barmen], Ende September 1844.
Lieber Marx!
Du wirst Dich wundern, daß ich nicht früher schon Nachricht von mir gab, und Du hast ein Recht dazu; indes kann ich Dir auch jetzt noch nichts wegen meiner Rückkehr dorthin sagen. Ich sitze jetzt hier seit drei Wochen in Barmen und amüsiere mich so gut es geht mit wenig Freunden und viel Familie, unter der sich glücklicherweise ein halbes Dutzend liebenswürdiger Weiber befinden. An Arbeiten ist hier nicht zu denken, um so weniger, als meine Schwester sich mit dem Londoner Kommunisten Emil Blank, den Ewerbeck kennt, verlobt hat und jetzt natürlich ein verfluchtes Rennen und Laufen im Hause ist. Übrigens sehe ich wohl, daß meiner Rückkehr nach Paris noch bedeutende Schwierigkeiten werden in den Weg gelegt werden, und daß ich wohl werde auf ein halbes oder ganzes Jahr mich in Deutschland herumtreiben müssen. Ich werde natürlich alles aufbieten, um dies zu vermeiden, aber Du glaubst nicht, was für kleinliche Rücksichten und abergläubische Befürchtungen mir entgegengestellt werden.