Teils an Marx selbst und teils an jenes Komitee, an dessen Spitze Marx stand, sind die nächsten der hier vorliegenden Briefe gerichtet. In Paris, dem Stammsitz des Bundes der Gerechten, hatte Karl Grün, wohl der schriftstellerisch gewandteste Vertreter des oben geschilderten Gefühlssozialismus, unter den dortigen deutschen Arbeitern Einfluß gewonnen, so daß zu gewärtigen war, daß der Bruch mit Weitling für einen Teil der Mitglieder des Bundes der Gerechten nur einen Wechsel vom Regen der Utopisterei unter die Traufe eines kompaßlosen Radikalismus bedeuten werde. Dieser Gefahr entgegenzuwirken, war Engels im Juli 1846 nach Paris gegangen, und wie er sich erfolgreich seiner Mission entledigte, schildern unter anderem drei Briefe, die er selbst mit dem Bemerken Komiteebrief I, II und III versehen hat.
Die Briefe geben ein bezeichnendes Bild davon, in welch kleinen Kreisen sich damals die Bewegung abspielte, und erklären so, warum allerhand kleinliche Dinge in ihr einen unverhältnismäßig großen Platz in Anspruch nehmen konnten. Aus den Mitteilungen über die Gruppierung und die Zusammenkünfte der deutschen Arbeiter in Paris ersieht man unter anderem, wie das in den Briefen von Engels und später auch von Marx häufig für Arbeiter gebrauchte Wort „Straubinger“ zu verstehen ist, nämlich als Bezeichnung für entweder noch stark zünftlerisch denkende Handwerksgesellen oder für solche Arbeiter, die jedes größeren geistigen Weitblicks entbehrten und nur Männer der schwieligen Faust als ihnen zugehörig anerkannten. Die „Barriere“ ist die Zollmauer von Paris; in den vor ihr gelegenen Wirtschaften hatten schon in den vierziger Jahren große Gewerksversammlungen französischer Arbeiter stattgefunden.
Hinsichtlich der Personen, die Engels in den Briefen erwähnt, konnte leider nicht ermittelt werden, wer der intelligente Gesinnungsgenosse „Junge“ war, der erst nur mit dem Anfangsbuchstaben bezeichnet wird. Der Russe Tolstoi war in der Tat ein Agent der russischen Regierung. Ein ehemaliges Mitglied des Geheimbundes der Dekabristen und Freund des berühmten Dichters Puschkin, hatte er sich insgeheim der Regierung verkauft, während er in revolutionären Kreisen noch volles Vertrauen genoß. Er ist mit dem russischen Steppengutsbesitzer identisch, von dem dessen Landsmann Annenkow 1883 in seinem Artikel über Marx erzählt hat, daß er diesem 1846 in Brüssel die feierlichsten Angelobungen gemacht, nach Rußland zurückgekehrt aber alles schnell vergessen und sein Leben als feuriger Junggeselle bis zu seinem Ende fortgesetzt habe. Über die Persönlichkeiten des Brüsseler Kreises berichtet Franz Mehring in der Vorbemerkung zum siebenten Abschnitt seiner Veröffentlichung „Aus dem literarischen Nachlaß von Karl Marx, Friedrich Engels und Ferdinand Lassalle“. Ergänzungen wie auch sonstige Personalnotizen findet der Leser im Register zu diesen Briefen. Die Mitteilungen über Heinrich Heine und über die Polemiken der Franzosen sprechen für sich selbst.
Im übrigen geht aus diesen Berichten und einigen in dieselbe Zeit entfallenden Briefen von Engels an Marx hervor, daß die beiden und ihre Gesinnungsfreunde schon stark daran waren, die Grundlagen für die Organisation einer eigenen Partei zu schaffen und als Mittel dazu die Erweiterung der von ihnen zwanglos herausgegebenen lithographierten Zirkulare zu einer regelmäßigen Korrespondenz planten, für die an den verschiedenen Orten kleine, nur aus ganz zuverlässigen Personen zusammengesetzte Komitees tätig sein sollten.
Wir glauben bei den Lesern dieses Briefwechsels Kenntnis der vorerwähnten Mehringschen Veröffentlichung voraussetzen und deshalb von einer Wiederholung der dort zu findenden Angaben über den deutschen Sozialismus der vierziger Jahre absehen zu dürfen. Es versteht sich von selbst, daß die scharfen Äußerungen, die in diesen Briefen gelegentlich über Leute wie Otto Lüning, Hermann Püttmann, Joseph Weydemeyer usw. fallen, nicht allzu wörtlich oder als endgültige Urteile aufzufassen sind. So geht es Weydemeyer hier recht schlecht, später aber wird er einer der treuesten Kampfgenossen von Marx-Engels, wenngleich auch dann in ihren Briefen manchmal über ihn gewettert wird. Er war, scheint es, eine etwas schwerfällige Natur, einer jener Menschen, die Zeit brauchen, sich in eine neue Auffassung hineinzuleben und in einer neuen Situation sich zurechtzufinden. Bei ihm wie bei seinen engeren Landsleuten Kriege, Lüning usw. kommt noch die Rückwirkung einer wirtschaftlich sehr unentwickelten Umgebung hinzu. Fast allen deutschen Sozialisten der Epoche außer Marx-Engels passierte es, daß, wenn sie sich literarisch-propagandistisch an ein größeres Publikum wandten, die proletarische Auffassung in die Brüche ging, weil das Proletariat, dem sie gepaßt hätte, entweder gar nicht oder nur in sehr schwachen Anfängen existierte. Es war eben dann unvermeidlich, daß die einen mehr, die anderen weniger, die einen unversehens, die anderen mit Berechnung die sozialistische Lehre anderen Gesellschaftsschichten mundgerecht zu machen suchten und dadurch genötigt waren, ihr einen verschwommenen Charakter zu geben. Das mußte aber Marx-Engels um so verwerflicher erscheinen, als sie wiederum zwar sich bewußt waren, daß ein Proletariat, wie es ihre Theorie voraussetzte, in Deutschland erst als Ausnahme existierte, aber doch auch für hier eine raschere Entwicklung der Dinge annahmen, als sie tatsächlich ausfiel. Selbst in England und Frankreich, die ihnen als historische Wegweiser galten, war die Arbeiterklasse in Wirklichkeit viel weniger entwickelt, als wie sie damals ihnen und anderen erschien. Kurz, es bewirkten Unterschiede in der Schärfe des Denkens mit solchen der Anschauung der Dinge zusammen, daß den beiden Freunden der Gegensatz zwischen ihrer Auffassung und der der bezeichneten deutschen Sozialisten stärker erschien als jenen, und sie sogar für deren Bereitwilligkeit, von ihnen zu lernen, manchmal nur Spott hatten.
Noch ein Wort über die wegwerfende Behandlung, die Moses Heß in den Berichten und den nun folgenden Briefen von Engels erfährt. Heß war zwar als Sozialist älter als Marx-Engels und hatte sogar zeitweise in Brüssel sich an ihren Arbeiten gegen Feuerbach, Stirner usw. beteiligt, aber gerade dabei hatte sich immer deutlicher gezeigt, daß seine Art zu philosophieren und argumentieren ganz und gar nicht die ihrige war, daß es ihm nicht möglich war, sich aus den Schlingen einer recht sterilen Begriffsspekulation völlig herauszuarbeiten. Er merkte nicht einmal, daß die Ausfälle von Marx-Engels über diese Philosophie auch gegen ihn gingen. So sank er denn immer tiefer in ihrem Ansehen, und da sie ihm das nicht vorenthielten, ward seine Empfindlichkeit schwer gereizt. Er war ein Gemisch von Eigensinn und Gutmütigkeit, in seinen sozialistischen Gesinnungen fest, aber launenhaft in seiner Betätigungsweise, und so gab es, wie damals zwischen ihm und seiner Braut und späteren Frau, auch zwischen ihm und Marx-Engels abwechselnd Krieg und Waffenstillstand. Für immer aber war er ihnen, wie dies aus Engels’ Bemerkungen hervorgeht, eine wesentlich komische Figur geworden.
In die Zeit der Abfassung der Briefe an das Komitee entfällt auch ein undatierter Brief von Engels an Marx, der Ende September oder Anfang Oktober 1846 geschrieben wurde. Er eröffnet mit charakteristischen kritischen Bemerkungen über Feuerbachs in dem Sammelwerk „Die Epigonen“ erschienene Abhandlung „Das Wesen der Religion“. Es handelt sich um die Frage, ob diese Schrift noch in dem Werk über die nachhegelsche deutsche Philosophie, das Marx und Engels in Brüssel zusammen verfaßt hatten, berücksichtigt werden müsse, und die Bestimmtheit, mit der Engels dies verneint, sowie die Begründung seines Urteils lassen den Gegensatz ihrer Geschichtsphilosophie zur Feuerbachschen aufs schärfste hervortreten. Des weiteren ersieht man aus diesem Brief und aus entsprechenden Stellen späterer Briefe, wie viel Mühe Marx und Engels es sich kosten ließen, einen Verleger für ihre philosophische Arbeit zu finden, und auf welche Hindernisse die Versuche stießen, das nach ihrer Schätzung fünfzig Druckbogen umfassende Manuskript unterzubringen. Die Ratschläge, die Engels mit Bezug hierauf dem Freunde gibt, lassen große geschäftliche Umsicht erkennen. Andere Bemerkungen beziehen sich auf die Polemik mit dem von Feuerbach her zum Sozialismus gekommenen Hermann Kriege, der nach Amerika gegangen war, in New York ein Blatt, „Der Volkstribun“, herausgab, worin er einen verschwommenen Liebeskommunismus predigte, und, kaum daß Marx-Engels und Freunde ein Rundschreiben gegen seine Verfaselung des Sozialismus erlassen hatten, in Wilhelm Weitling einen Verbündeten gegen jene fand. Der von Engels so ironisch behandelte „große Mäurer“ (das „Zigarrenmännlein“) ist der Dr. German Mäurer, eines der ältesten Mitglieder der Pariser Emigration.
Zu den Briefen dieser Epoche gehört ferner ein undatiertes Brieffragment, das sich dem Datum nach genau nicht einordnen ließ, und von dem auch nicht mit Sicherheit festgestellt werden konnte, wer die Urheber des darin kritisierten Projekts einer Verlagsgenossenschaft waren. Man wird es wohl in die Zeit zu verlegen haben, wo Engels wiederholt sich in Paris aufhielt und Marx in Brüssel wohnte, also zwischen August 1846 und Ende 1847. Und klar ist, daß es sich um einen Verlag für radikal-demokratische und sozialistische Publikationen handelte.
Engels’ Brief an Marx vom 23. Oktober 1846 rekapituliert und ergänzt im wesentlichen nur kurz die Mitteilungen des dritten Briefes an das Komitee. Die vom 2. November 1846 datierte Anschrift an einen Brief des C. Fr. Bernays an Marx handelt von zwei verschiedenen Manuskripten. Das eine scheint das Manuskript irgend einer Abhandlung des Bernays gewesen zu sein, die Marx vielleicht durchgesehen hatte, mit dem anderen ist das Manuskript der Kritik der Nachhegelianer gemeint. Jenny war ein Verlagsbuchhändler in Bern. Den Brief des Bernays an Marx mit abzudrucken lag kein Anlaß vor. Der Inhalt ist völlig interesselos und läßt den Schreiber durchaus als das erkennen, als was ihn Engels später charakterisiert, nämlich als ein Gemisch von Sentimentalität und Berechnung. Der undatierte, aber offenbar von Ende 1846 herrührende Brief erklärt sich im wesentlichen selbst. Mit „die Londoner“ waren zweifellos führende Mitglieder des Londoner deutschen kommunistischen Arbeitervereins gemeint, die wohl irgend eine Absage oder die Androhung einer solchen nach Brüssel hatten gelangen lassen. Auch der Brief vom 15. Januar 1847 bedarf keiner besonderen Erläuterung; es geht aus ihm hervor, daß Marx um jene Zeit einen Besuch in Paris plante. Aus der Broschüre gegen Proudhon, die Engels erwartete, wurde, wie man weiß, das Buch „La Misère de la Philosophie“; die Briefe von Engels zeigen, wie sehr diese Streitschrift durch die Agitationen veranlaßt war, die Karl Grün unter deutschen Arbeitern für Proudhon entfaltete. Wir werden noch sehen, daß Marx es keineswegs bei der französischen Ausgabe bewenden lassen wollte. Wenn er mit ihr den Anfang machte, so wird wohl der Umstand mitbestimmend gewesen sein, daß selbst für das Manuskript gegen Stirner und Genossen ein Verleger noch nicht gefunden war. Daß es sich aber bei diesen Schriften nicht nur um literarische Kämpfe handelte, sondern um unmittelbare Zwecke der praktischen Agitation, zeigt der nun folgende, vom 9. März 1847 datierte Brief. Es galt nicht nur, Widersacher aller Art zu entwaffnen, es war auch der schriftstellerische Tatendrang von Leuten abzuwehren, die sich für Parteigänger hielten oder ausgaben. Was aus den zwei Broschüren geworden ist, die Engels laut diesem Brief damals abgefaßt hat, war nicht zu ermitteln. Ebenso bleibt es Sache der Vermutung, auf welche dieser Broschüren sich die Bemerkung von Marx in dessen Brief vom 15. Mai 1847 bezog.
Einen neuen Abwehrkampf schildert der nächste Engelssche Brief. Es ist mehr als ein halbes Jahr verflossen, in London hat die Konferenz des Bundes der Gerechten stattgefunden, auf der eine Umgestaltung der Organisation und, als Wahrzeichen der Preisgabe des utopistischen Grundzugs der alten Doktrin des Bundes, die Umwandlung von dessen Namen in Bund der Kommunisten beschlossen worden war. Marx ist zur Abwicklung einer Geldangelegenheit nach Deutschland gereist, und in seiner Abwesenheit versuchen in Brüssel lebende deutsche Arbeiter und Sozialisten, die mit dem Verlauf der Dinge unzufrieden waren oder sich zurückgesetzt fühlten, einen Gegenschlag zu führen. Es ist von geringem Belang, ob ihre Absichten genau auf das hinausgingen, was der für die Zeit der Abwesenheit von Marx nach Brüssel übersiedelte Engels auf Grund der ihm erstatteten Berichte und von Ausplaudereien der Beteiligten folgerte. Jedenfalls lag ein Versuch vor, den Einfluß ihrer Richtung in der Arbeiterschaft und bei den belgischen Sozialisten und Demokraten zurückzudrängen. Das aber mußte schon im Hinblick auf den bevorstehenden Bundeskongreß, der die endgültige Entscheidung bringen sollte, um jeden Preis verhindert werden, und es ist interessant, zu vernehmen, mit welcher Energie Engels sich ins Zeug legt und wie begeistert er vom Sieg und der Haltung „unsrer Jungens“ spricht, worunter zweifelsohne die Brüsseler Mitgliedschaft des Bundes der Kommunisten gemeint ist.