Seine nächste Wirkung war jedoch ein Sturm der Entrüstung in den Reihen der Radikaldemokraten gegen seine Verfasser, die auch von einem Teile der Mitglieder des Kommunistenbundes und selbst von Mitgliedern der Zentralbehörde des Bundes geteilt wurde. Insbesondere scheint August Willich starken Anstoß an dem Artikel genommen zu haben, wie denn Willich, nachdem der von Karl Schurz befreite Kinkel im November 1850 nach London gekommen war, auf längere Zeit dessen Kollege in der Leitung des Komitees für die Vorbereitung der erwarteten neuen Revolution wird. Auf Willich-Kinkel und ihre Unternehmungen bezieht sich ein großer Teil des Briefwechsels zwischen Marx und Engels aus den Jahren 1850/51 und 1852, und die Sprache, die in bezug auf jene beiden dort geführt wird, kann geringschätziger kaum gedacht werden. Indes hat, was Willich anbetrifft, Marx später wiederholt Gelegenheit genommen, dessen Tüchtigkeit in seinem eigentlichen Beruf, als Militär, ausdrücklich anzuerkennen, und aus der Denkweise seines Berufs werden wir Willichs Irrtümer und Mißgriffe uns zu erklären haben. Er war der radikale Offizier des Vormärz gewesen, durch die Revolution, in der er sich mutig und als umsichtiger Truppenführer gezeigt hatte, aus seiner Sphäre geworfen, und konnte sich nun schwer in die neue politische Situation hineindenken, nur schwer begreifen, daß die Revolution die Geister in Deutschland anders zurückgelassen hatte, als sie sie in den Märztagen vorgefunden. Daß er politisch ein unkritischer Kopf war, hebt Engels schon in dem Briefe vom 29. Juli 1849 hervor, wo er sonst so freundschaftlich von ihm spricht. Er charakterisiert ihn dort als Gefühlssozialisten, der der Auffassungsweise nach in die Kategorie der sogenannten wahren Sozialisten gehöre, und so war es im Grunde fast eine innere Notwendigkeit, daß Willich bei der ersten Gelegenheit sich wieder von Marx-Engels trennen und der breiten Allerweltsdemokratie zuwenden sollte. Daß er obendrein noch etwas spießbürgerlich sentimental war, zur Anstandsdame neigte und dann doch den kleinen Menschlichkeiten seinen Tribut abstattete, wird man nachträglich nicht allzu pharisäisch beurteilen. Aber man wird darum nicht minder vergessen, daß in der eingeengten Welt, in der sich das Leben der Flüchtlinge abspielte, wo Zwischenträgerei hinüber und herüber lief, sich manches davon sehr unangenehm empfindbar machte und darin den bitteren Hohn erklärt finden, mit dem Marx in seinen Briefen an Engels den Gegensatz von Phrase und Wirklicher bei Willich schildert.
Kinkel hatte die Hauptfehler Willichs in verstärktem Maße. Er war, was man eine theatralische Natur nennt, ein Exemplar jener Gattung Menschen, die sich so lange am Klange tönender Deklamationen berauschen, bis ihnen die Deklamation zur Natur geworden ist. Damit ist dann schon von selbst gegeben, daß sie, wenn das Reden über sie kommt, gewöhnlich mehr sagen, als sie sagen wollten. Es ist gar nicht ausgeschlossen, daß selbst in seiner Rastatter Verteidigungsrede Kinkel so das Opfer seiner von ihm sehr hoch eingeschätzten Rhetorik geworden war. Seine ganze politische Laufbahn ist ein wiederholtes überschlagen nach der einen oder anderen Seite. Freiligrath hat das zu einer Zeit, wo er wieder mit Kinkel verkehrte, in einem Briefe an Arnold Ruge etwas malitiös, aber zutreffend mit den Worten geschildert: „Der Treffliche kann nicht anders als auf Stelzen gehen, auch wenn er schreibt. Und daher sieht man dann seine Plattfüße erst recht.“ Das war im Jahre 1866. In der Zeit, um die es sich hier handelt, ging Kinkel auf ultrarevolutionären Stelzen, ohne dabei den platten Biedermann einer kleinen deutschen Universität verleugnen zu können, der nie seine materiellen Interessen vergißt. Das mußte in noch viel höherem Maße den Spott herausfordern, noch viel mehr reizen, so daß auch Revolutionäre und Flüchtlinge, die durchaus nicht auf Marx’ Seite standen, sich schließlich von Kinkel lossagten. Mit diesen Fehlern verträgt sich natürlich recht gut eine gewisse Bonhommie, und anerkannt soll werden, daß Kinkel nach Beendigung seiner überschläge sich gewöhnlich immer wieder mit leidlichem Anstand im Lager der kämpfenden Demokratie einstellte und am Abend seines Lebens mit der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung Fühlung hielt. Es machte auf den Schreiber dieses einen etwas komischen Eindruck, hatte aber doch auch sein Versöhnendes, wenn in den schlimmsten Tagen des Sozialistengesetztes der alte gefeierte Demokrat den jungen unbekannten deutschen Sozialdemokraten in Zürich in seiner pastosen Manier auf der Straße laut anredete: „Nun, lieber Herr Bernstein, was machen unsere Genossen im Reiche?“
Eine wesentlich geschlossenere Natur als der rheinische Lyriker Kinkel war der pommerische Philosoph Arnold Ruge, der im Sommer 1849 als Emigrant nach England gekommen war und in der Flüchtlingsschaft ebenfalls eine Rolle spielte. Die von ihm 1848 in Leipzig ins Leben gerufene und dann nach Berlin verlegte Reform war eine der besten demokratischen Tageszeitungen Berlins gewesen, und in der Zeit, von der dieser und die nächsten Abschnitte handeln, hat Ruge den Mächten des Tages keine Zugeständnisse gemacht. Dagegen hat er dem Kitzel nicht widerstehen können, mit Gleichgesinnten selbst eine Macht spielen zu wollen, ohne mehr hinter sich zu haben als Phantasieregimenter. Mit Ledru-Rollin, Mazzini und etlichen anderen bildete er einen „Zentralausschuß der europäischen Demokratie“, der die Welt von Zeit zu Zeit mit Revolutionsmanifesten und ähnlichen Kundgebungen beschenkte, die für kein Land mehr bloße Kuriosa waren als gerade für Deutschland. Dabei gab es jedoch zwischen ihm nebst Gesinnungsfreunden und Kinkel-Willich mit ihrem Anhang allerhand Rivalitäten und zeitweise heftige Kämpfe, die literarisch vorwiegend in der deutschen Presse der Vereinigten Staaten ausgefochten wurden. Darüber und über die Vereine der Streitenden geben die Briefe von Marx an Engels sehr ausführliche Einzelheiten, wobei indes bemerkt werden muß, daß Marx auf Grund mündlicher Berichterstattung von Parteifreunden schreibt, von denen einige nicht über den Verdacht erhaben sind, gelegentlich stark aufgetragen zu haben.
Nach der erfolgten Spaltung in der Zentralbehörde des Kommunistenbundes und dem Austritt von Marx-Engels und ihrem Kreis aus dem Londoner Kommunistischen Arbeiterbildungsverein zogen sich die beiden Freunde selbst vollständig von der Agitation in London zurück. Engels hatte nach dem Willen seines Vaters, der ihn möglichst weit vom heißen Boden der Londoner Emigration zu wissen wünschte, eine Stelle in Kalkutta annehmen sollen, sie aber entrüstet zurückgewiesen. Jetzt jedoch übersiedelte er nach Manchester, um dort eine kaufmännische Stelle im Bureau der Großspinnerei Ermen & Engels anzunehmen, zu deren Teilhabern sein Vater gehörte. In welcher Absicht er es tat, geht aus seinen Briefen hervor. Bei seiner fabelhaften Arbeitskraft wäre es dem ledigen, in der Blüte seiner Jahre stehenden Manne nicht schwer gefallen, sich als Schriftsteller sein Brot zu erwerben. Aber es war ihm Bedürfnis, so viel als möglich Marx beistehen zu können, dessen materielle Lage sich immer drückender gestaltete. Marx hatte sich, wie man unter anderem aus dem Briefe seiner Frau an Joseph Weydemeyer vom 20. Mai 1851 (abgedruckt in der Neuen Zeit, XXV, 2, S. 18 ff.) ersieht, durch Übernahme und Deckung der Schulden der Neuen Rheinischen Zeitung des größten Teiles des kleinen Vermögens entäußert, über das er verfügte, und saß, da die Revue Neue Rheinische Zeitung nur Arbeit kostete, aber kaum ihre Kosten einbrachte, bald mit Frau, drei unerwachsenen Kindern und der treuen Helene Demuth ohne alle Barmittel in London da. Die Möbel und fast ihr ganzes Silberzeug hatten Marx und Frau veräußert; was ihnen vom letzteren verblieben, war ins Pfandhaus gewandert und hatte lange Zeit für sie nur die Bedeutung, daß sie durch die Pflicht erneuter Zinszahlung aus das geliehene Geld an es erinnert wurden. Aus der ersten Wohnung, die sie in London genommen hatten (in Chelsea), wurden sie in brutalster Weise exmittiert; die zweite war eine Interimswohnung, dicht am Leicestersquare, und dann zieht die Familie nach Deanstreet im Sohoviertel, wo sie sich in engen Räumen behelfen muß und auch für diese oft die Miete fehlt. Die Versuche Marxens, sich durch schriftstellerische Arbeit zu ernähren, begegnen allen möglichen Schwierigkeiten. In Deutschland scheuen die Verleger ängstlich davor zurück, größere Arbeiten von Marx in Verlag zu nehmen, und diejenigen deutschen Zeitungen, die regelmäßig Korrespondenten zahlen können, sind Marx verschlossen oder werden von ihm als Blätter betrachtet, mit denen man sich nicht einläßt. Auch in den Vereinigten Staaten, wo es damals eine radikale deutsche Presse gab, die mit den Revolutionären sympathisierte, war gerade für Marx keines der größeren dieser Blätter zugängig. Es wäre zudem in den Augen von Engels eine Sünde gewesen, wenn ein Mann von der Bedeutung Marx’ sich für kleine Tagesschriftstellerei hätte abarbeiten sollen, statt in erster Reihe wissenschaftlichen Arbeiten nachzugeben. So veranlaßt er Marx, sich vor allem an die Vorarbeiten für das große ökonomische Werk zu machen, das Marx damals plante, und den unmittelbaren Broterwerb in zweite Linie zu stellen. Es ist nicht nur der Freund, der dem Freunde hilft, es ist der Parteimann, der der Partei eine erste geistige Kraft erhalten und dafür sorgen will, daß diese Kraft sich in der ihren Neigungen und den Interessen der Partei dienlichsten Weise entfalten kann. Es spricht alles dafür, daß unter solcher Begründung Engels seinem Freunde Marx seine dauernde Hilfe angeboten und Marx sich entschlossen hat, sie anzunehmen.
Er würde indes doch weniger auf sie haben zurückgreifen müssen, wenn ihn nicht unter anderem immer wieder sehr bösartige Haut-, Darm- und Lebererkrankungen heimgesucht hätten, die meist wochenlang ihn ganz oder halb invalide machten. Ungemein viel Zeit nehmen ihm im Jahre 1852 die Verhaftung der Kölner und anderer Mitglieder des Kommunistischen Bundes und der gegen die Verhafteten eingeleitete Umsturzprozeß fort. In den Bemühungen, für die Angeklagten Entlastungsmaterial herbeizuschaffen, sieht er sich oft von Parteigenossen, die mehr Zeit und weniger zu sorgen haben als er, nur ungenügend unterstützt, was ihm gelegentlich recht bittere Reflexionen entlockt. Marx war eben nicht, wie die Kinder im Märchen, ausschließlich von Engeln umschwebt, sondern hatte Parteifreunde von recht verschiedenem Temperament und Charakter um sich; die einen, darunter namentlich Wilhelm Wolff, tüchtig und zuverlässig – echtes Gold mit nur wenig Schlacken –, andere aber wenig gefestete Naturen, die ihm mehr zu schaffen machten, als sie etwa sein Leben erleichterten. Marx hat zum Beispiel dem jung verstorbenen Konrad Schramm im „Herr Vogt“ ein rühmendes Andenken als dem „Percy Heißsporn“ der Partei gesetzt. Aber in der ersten Zeit seines Londoner Exils hat ihm dieser Hitzkopf durch leichtfertiges Handeln viel Ärger bereitet und nutzlose Arbeit verursacht. Ähnlich Ernst Dronke und der Philologe Wilhelm Pieper.
Auch der Verkehr mit den nahestehenden Chartistenführern Julian Harney und Ernest Jones brachte allerhand Unangenehmes mit sich, viel Arbeit und wenig Entschädigung. Meistens waren die beiden recht schlecht aufeinander zu sprechen und griffen sich zeitweise sogar öffentlich auf das feindseligste an, und dann war es auch mit ihrem politischen Verhalten nicht immer nach Wunsch bestellt. Wir werden Harney in Phrasen machen sehen, wie keiner der von Marx-Engels bekämpften „wahren Sozialisten“ sie verschwommener formuliert hätte, und Jones – unzweifelhaft der Bedeutendere der beiden – sehr geneigt, Kompromisse irgendwelcher Art einzugehen, was sich wohl aus der schlimmen Lage des im Niedergang begriffenen englischen Chartismus erklärte, aber durchaus im Widerspruch stand mit der von Marx und Engels verfochtenen Haltung. Und dabei hatten diese noch Jones wie Harney mit Beiträgen für deren stets um Leben und Sterben ringende Blätter zu unterstützen. Auch das gehört zum Lebensbild, worüber uns nun der Meinungsaustausch unter den Freunden genauer unterrichtet.
Anfang August 1851 erhält Marx die Einladung des Charles A. Dana zur Mitarbeit an der New York Tribune und damit endlich den Ausblick auf einen auch geistig leidlich befriedigenden regelmäßigen schriftstellerischen Erwerb. Da er sich in der englischen Sprache nicht sicher fühlt, springt nun zunächst Friedrich Engels für ihn ein und teilt dann noch lange die Arbeit mit Marx. Im übrigen werden wir sehen, daß auch diese Verbindung für Marx mit allerhand Verdruß verbunden war, daß der biedere Dana mit den Korrespondenzen von Marx in der willkürlichsten Weise verfährt, sie nach Belieben verstümmelt, sie als Artikel benutzt, aber nicht als solche honoriert, sie mit Zusätzen ausstattet, die Marx’ Ansichten auf den Kopf stellen und was dergleichen Annehmlichkeiten mehr sind, die einen Schriftsteller, der auf seinen guten Namen hält, zur Verzweiflung bringen können. Immerhin war die Tribune ein Blatt, das sich neben den besten der damaligen Zeit sehen lassen konnte, und die Arbeit für sie bot Marx zu einer Zeit, wo ihm alle sonstigen Wege dazu abgeschnitten waren, die Möglichkeit, als Schriftsteller zu Zeitgenossen zu sprechen, und den Anlaß zu Studien, die im Rahmen des Gebiets seiner wissenschaftlichen Hauptbeschäftigung lagen und somit ihm auch geistige Genugtuung gewährten. Marx hat in der Tribune sehr bedeutsame Beiträge zur allgemeinen Geschichte wie zur Wirtschaftsgeschichte der neueren Zeit veröffentlicht.
Auch unter dem Gesichtspunkt des Erwerbs wurde die Mitarbeiterschaft an der New York Tribune für Marx nicht das, was er zuerst von ihr erwartete und mit gutem Grunde zu erwarten berechtigt war. Der Honorarsatz von 2 Pfund Sterling für den Brief oder Artikel war für einen Mann von der Bedeutung eines Marx mäßig genug, aber er wurde dadurch noch sehr wesentlich verringert, daß die Tribune Marx nicht die Beiträge oder Artikel bezahlte, die er lieferte, sondern nur diejenigen, welche die Redaktion abzudrucken für gut befand. Und da die Redaktion von dem ihr zukommenden Rechte der Sichtung im Laufe der Zeit Marx gegenüber zeitweise einen wahrhaft unanständigen Gebrauch machte, kam es vor, daß Marx manchmal knapp den dritten Teil der Artikel bezahlt erhielt, die er einsandte, und sein Honorar faktisch auf das unbedeutender Zeilenreißer herabsank. So gern die Redaktion der Tribune mit den Artikeln prahlte, die sie von Marx oder von Engels im Namen von Marx erhielt, hielt dies sie nicht ab, Marx die Bitterkeiten des taglöhnernden Schriftstellers gründlich auskosten zu lassen. Was Bezahlung nach dem Stücke heißt, hat Marx in der schlimmsten Form an sich selbst erfahren und furchtbare Wirklichkeit erhielten unter diesen Umständen immer wieder für ihn Freiligraths Worte:
Er auch ist ein Proletar,
Ihm auch heißt es: darbe, borge!