»Ob ein Küchelchen, von einer Ente aus einem Hühnerei gebrütet, diese oder das alte Huhn als seine Mutter zu erkennen habe.«
»Ob eine böse Frau oder ein rauchendes Kamin schlimmer sei etc.«
Was mir besonders lobenswerth bei allen diesen Verhandlungen erschien, war der Ernst, mit dem sämmtliche Anwesende oft dem baarsten Unsinn lauschten, besonders wenn ein Jüngerer sprach; er mochte schwatzen was er wollte, so lachten sie nie, ausgenommen die Sache gehörte an und für sich zu den komischen. Sie gehen dabei von dem ganz richtigen Grundsatz aus, man müsse die jungen Leute nicht abschrecken und sie den Muth verlieren machen.
Der Nutzen, den diese Freundlichkeit und Nachsicht gewährt, ist augenscheinlich, besonders in den westlichen Staaten, wo ich junge Leute, die sonst schüchtern und ängstlich schienen, bei politischen Versammlungen habe auf irgend einen abgehauenen Baumstumpf treten, und lange, wenn auch nicht tief durchdachte aber doch durch kein Stocken unterbrochene Reden halten sehen; schon die Schulkinder üben sich auf diese Art unter einander.
Das Verhältniß zwischen Lehrer und Schüler ist ebenfalls in Amerika ein ganz anderes, als in den europäischen Ländern. Jene Freiheit und Gleichheit, die alle Stände mit einander verbindet, dehnt sich auch auf diesen aus, und so ernst und streng der Lehrer in der Schule sein mag, so ungezwungen beträgt er sich außerhalb derselben oder in den Zwischen- und Erholungsstunden gegen seine Schüler. Selten spielen diese ein Spiel oder halten einen Wettlauf, an dem er nicht Theil nimmt, und oft ist er der ausgelassenste des ganzen Haufens, nie aber auch weiß ich, daß Knabe oder Mädchen, in den Backwoods nämlich, einen Schlag von dem Lehrer erhalten habe; durch Ehrgeiz treiben sie schon einander selbst zum Lernen an, und dieses wöchentliche Zusammenkommen zum Debattiren und Buchstabiren ist gewissermaßen ein eben so oft wiederholtes Examen, bei dem Eltern und Freunde gegenwärtig sind, und der junge Amerikaner möchte um die Welt nicht am schlechtesten bestehen, denn er würde ja zu Hause damit geneckt werden und in der Classe nicht unter den ersten sein, auch würden ihn die Mädchen auslachen (Knaben und Mädchen theilen stets dieselben Stunden), und das wäre doch zu entsetzlich. Mit regem Eifer drängt ihn also schon sein innerer Trieb zum Lernen, und von dem Augenblick an, wo er die Schule betritt, denkt er fast nicht mehr an Spielen und Umherrennen, sondern sitzt ehrbar und andächtig mit seiner Schiefertafel in der Ecke und malt seine Buchstaben und Zahlen.
Das kindliche Leben aber, die fröhlichen Spiele der Jugendzeit, das Alles kennt der Amerikaner auch nur dem Namen nach; von dem Augenblick an, wo er allein gehen und sich ankleiden kann, gehört er nicht mehr sich selbst, sondern seinen Eltern und beginnt mit Hand anzulegen an der großen Aufgabe des Lebens. Ist es ein Knabe, so muß er mit in's Feld und kleine Büsche zusammentragen, auf einen Haufen werfen und später anzünden und verbrennen, Späne und trockene Rinde für Mutter oder Schwester zum Kochen herbeischleppen und tausend andere kleine Handreichungen thun; wird er etwas stärker, so holt er den Mais aus dem »Corncrib« und füttert Pferde und Schweine, haut Brennholz und hilft mit im Kornfeld die Maishügel anhacken. Ist es ein Mädchen, so lernt es schon, wenn es kaum auf den Tisch sehen kann, das Geschirr auswaschen und Brodteig anrühren, und wird es nur ein klein wenig älter, spinnen und weben. Puppen kennt es kaum dem Namen nach, mit andern Kindern kommt es auch, der weiten Entfernung der auseinanderliegenden Farmen wegen, selten oder nie in Berührung und wird schon mit dem achten oder neunten Jahre »an old woman« (eine alte Frau), wie es sich gern nennen läßt.
Oft zwingt freilich auch die Nothwendigkeit die armen Kinder zu einer Thätigkeit, welche ihren Jahren keineswegs angemessen ist. So starb am Richland, in den Ozarkgebirgen, die Frau eines Farmers am Nervenfieber (der arme Mann hatte keinen Arzt und keine Medicin bekommen können, und der Leidenden nur immer Calomel gegeben, bis sie todt war); sie hinterließ sechs Kinder, von denen das älteste ein Mädchen etwa neun Jahre alt, das jüngste noch ein Säugling war, und der Vater konnte sich, da er seinen Mais pflanzen mußte, wenn er das kommende Jahr etwas für sich und seine Familie zum Leben haben wollte, gerade in dieser Zeit gar nicht um die Wirthschaft zu Hause bekümmern. Da fiel dann die ganze Arbeit, die ganze Sorge, nicht allein für sämmtliche Kinder, sondern auch für die Wirthschaft, auf das arme Mädchen, selbst noch ein Kind, das vorher schon Monate lang die kranke Mutter hatte pflegen müssen, und alle lebten in einem kaum eine Hütte zu nennenden Blockhaus, mit nicht ausgefüllten Spalten zwischen den Stämmen, ohne Diele und fast ohne Bett; der Vater mußte sich wenigstens Nachts mit seinen drei Knaben Rinde auf die Erde vor das Kamin breiten und auf darüber gelegten Hirschfellen und mit wollener Decke gegen den Wind geschützt, der überall das Gebäude durchzog, vor dem wohlunterhaltenen Kaminfeuer förmlich lagern, während die übrigen vier Kinder sich auf zwei Betten zusammenkauerten, wenn man nämlich dünne, mit ungereinigten Truthahnfedern gestopfte Matratzen und eine leichte Steppdecke wirklich ein Bett nennen kann. Und doch waren die Kinder zufrieden, sie wußten es nicht anders, und ich erinnere mich, daß sie uns mit Jubel empfingen, als wir, mein alter Jagdgefährte und ich, dort eines Abends Schutz gegen ein heraufsteigendes Unwetter suchten und einen gewaltigen wilden Truthahn mitbrachten, den ich geschossen.
In den östlichen Staaten und Städten verbessert sich freilich das Schulwesen mit jedem Tage; die Ansiedlungen liegen dort dichter; breite, gute Straßen setzen die verschiedenen Wohnungen miteinander in Verbindung, und nicht jeder herumstreifende Krämer oder Yankee wird angenommen, sobald er den Wunsch zu erkennen giebt, der Lehrer ihrer Kinder zu sein. In Cincinnati besonders entstanden schon 1841 drei Freischulen, in denen nicht allein Rechnen, Lesen und Schreiben, sondern auch Englisch und Deutsch, wie Geographie und Geschichte gelehrt wurde, und auch in St. Louis, wie überhaupt im Norden der Vereinigten Staaten, hat das Erziehungswesen bedeutende Fortschritte gemacht. Besonders sind in Louisville ausgezeichnete Schulen, und hierher werden vorzüglich die jungen Indianer aus dem Westen von Arkansas gebracht, um in den Künsten und Wissenschaften der Weißen unterrichtet zu werden.
Was das Schulwesen unter den Indianern anbetrifft, so versehen dieß bis jetzt noch einzig und allein die Missionäre; die civilisirten Stämme natürlich, als Chacktaws, Cherokesen, Shawnees und einige andere, dicht an den Grenzen der Weißen lebende Nationen ausgenommen, die, wenigstens für die Anfangsgründe, ihre eigenen Lehrer haben. Den amerikanischen Missionären liegt aber keineswegs das Seelenheil ihrer Beichtkinder allein am Herzen, die Amerikaner sind ein zu sehr speculirendes Volk, um der Religion jedes andere Interesse nachzusetzen. So kommt es denn, daß, wie dieß besonders im Oregongebiet deutlich wird, einzelne fromme Männer sehr ehrbar und eifrig mit der Religion anfingen, bald aber, nachdem sie die rothen Söhne der Wildniß bekehrt und ihren Willen gebeugt hatten, den Yankee hervorsteckten und unter dem Vorwande, sie mit dem Segen des Ackerbaues bekannt zu machen, für sich selbst große Farmen anlegten und dann, wenn sie erst einmal eine eigene Heimath gegründet, damit zufrieden waren, die Wilden zu belehren und zu bessern, welche sich gerade in ihrer Nachbarschaft befanden, oder mit denen sie zufällig in Berührung kamen. Aus den Missionären wurden so nach und nach Farmer, und das religiös zugeschnittene Kleid wich dem bequemern Jagdhemd.