Von Sechingen, der sich lange danach gesehnt, einmal seine Kraft an den Riesen des Waldes zu versuchen, griff freudig nach der schweren Axt, und seine Schläge – als ihm der Farmer erst gezeigt hatte, wie er das Werkzeug am vortheilhaftesten halten müsse – suchten sich bald ihr Echo in den nahen Hügeln.

Klingelhöffer, der wohl gemerkt, daß dem jungen Mann die Romantik des Waldlebens noch zu sehr im Kopfe lag, und der ihn daher gern zu der derben, hausbackenen Wirklichkeit zurück führen wollte, schritt, still vor sich hinlächelnd, dem eigenen Hause wieder zu. Was er aber vorausgesehen, traf auch und zwar in sehr kurzer Zeit ein; Sechingen hackte allerdings eine ziemliche Weile an dem gewaltigen Baum herum, das zähe Holz wollte jedoch seinen ungleich geführten Hieben nicht weichen, nur hie und da sprang ein, durch einen Kreuzhieb gelöstes Spänchen ab und er mußte sich endlich – todesmüde und die Hände voller Blasen – gestehen, das Wort urbarmachen klänge wohl ausgezeichnet und nehme sich auch sehr schön auf dem Papiere aus, passe jedoch in der Wirklichkeit ganz und gar nicht für ihn. So viel sah er ein, und wenn er den ganzen Tag hier stehen geblieben wäre – den Baum hätte er doch nicht umgebracht.

Klingelhöffer fand ihn ziemlich verstimmt am Fuß der Eiche sitzen, und so versunken schien er im Anblick seiner Blut unterlaufenen Hände, das er den Kommenden gar nicht hörte, bis er dicht neben ihm stand. Dieser aber suchte ihn nun auch über das noch nicht Glücken und Vorwärtsschreiten der Arbeit zu trösten und meinte, »es fiele kein Meister vom Himmel und gut Ding wolle Weile haben – solche Arbeit fände ein Jeder schwer, der erst in den Wald zöge, und selbst Leute, die ihr Lebelang Nichts gethan hätten als schwere Werkzeuge geführt, müßten sich an die Führung der Axt gewöhnen, ehe sie im Stande wären, etwas Tüchtiges zu leisten – er solle deshalb auch ja nicht muthlos werden, denn Lust zur Sache sei halb gewonnen Spiel, und wenn ein Mann einmal recht ernstlich wolle, so könne er es auch durchführen, trotz allen Schwierigkeiten und Hindernissen.«

Das waren eine Menge Thatsachen und unbestreitbare Wahrheiten, die Sechingen nicht gut wegläugnen konnte, das harte Eichenholz stand aber auch wieder auf seiner Seite als ein unfällbarer Beweis, und nur froh, für jetzt durch eine gute Ausrede der fatalen Arbeit enthoben zu sein, folgte er seinem freundlichen Wirth zum Haus, bestieg eines von den Pferden und ritt nun mit ihm in den Wald hinein.

Jetzt aber hatte auch das heitere Sonnenlicht all die dunklen, trüben Regenschatten verscheucht und seine behebenden Strahlen fielen frisch und fröhlich durch die glänzenden, glizernden Blätter der leise rauschenden Wipfel zur Erde nieder – der ganze Wald duftete so lieblich, der klare Himmel hing so rein und lächelnd über der wunderschönen Welt, daß Sechingen schon fast die überstandenen Mühseligkeiten vergaß und endlich auch seinem Begleiter nicht länger verschweigen konnte, welchen so ganz verschiedenen Eindruck der Urwald gestern und heute auf ihn gemacht habe.

»Das alte Lied,« lachte dieser, »bei trübem Wetter sehn wir auch die ganze Welt mit trüben Gläsern an, und scheint dann die liebe Sonne und zwitschern die muntern Vögel ihr Lied dazu, dann hängt der Himmel gleich wieder voller Geigen. Wir wollen die Mittelstraße wählen – ja – es ist schön hier im freien Wald, so schön, daß ich glaube, das Herz würde mir brechen, müßt ich ihm einmal wieder ade sagen, aber – er hat auch seine großen Schattenseiten, von denen Sie bis dahin allerdings erst sehr wenige kennen gelernt haben. Vollkommen ist jedoch Nichts auf der Welt, und so lange die guten Eigenschaften nicht von den bösen überdeckt werden, ei nun, so lange dürfen wir uns dann auch nicht sonderlich beklagen. Jetzt sehen Sie sich das Land erst einmal ordentlich von allen Seiten an, und dann können Sie sich nach bestem Urtheil frisch und frei entschließen, was Sie zu thun beabsichtigen.« –

Mehrere Stunden lang ritten die Beiden im Wald umher und Klingelhöffer gab sich besondere Mühe, dem neuen Ankömmling die verschiedenen Landarten und die Vegetation, durch welche sie sich unterscheiden, zu zeigen; dieser aber, der sich in seinem ganzen Leben noch nicht um Land oder Ackerbau bekümmert hatte, widmete dem Gegenstand keineswegs die Aufmerksamkeit, die er verdiente, und die jener zu finden erwartete, sondern sah sich jetzt vielmehr fortwährend nach Wild um und kam dadurch nicht selten in die unangenehmsten Berührungen mit vorstehenden Ästen und niederhängenden Schlingpflanzen. Dabei übersprang sein kleines muthiges Pferd alle Augenblicke vor ihnen liegende Stämme und Äste, oder Wassergräben und Sumpflöcher, und brachte den Reiter mehrere Male sogar aus allem Gleichgewicht, daß er sich kaum noch im Sattel erhalten konnte.

Die Mittagszeit rückte so heran, noch immer aber machte Klingelhöffer keine Anstalt heimzukehren, denn er behauptete, und auch ganz mit Recht, sie wären nun doch einmal draußen im Wald und es sei nicht allein für den Fremden gut, das Land und die Vegetation kennen zu lernen, sondern er selbst wolle auch die Gelegenheit gleich benutzen, nach seinem Vieh zu sehen, das hier in der Nähe seine Weideplätze hätte, denn apart deswegen hierherzureiten, nähme ihm zu viel Zeit weg.

Sechingen hatte nach und nach einen merkwürdigen Hunger bekommen, und die Glieder schmerzten ihn ebenfalls von der so ganz ungewöhnlichen Bewegung, Klingelhöffer schien aber von dem Allen Nichts zu spüren, ritt durch tiefe Gräben, die steilen Ufer hinab und herauf, wich keinem Dickicht aus, gallopirte an Stellen, wo Sechingen lieber abgestiegen wäre und das Pferd geführt hätte und zeigte sich hier in dem wilden pfadlosen Walde so zu Hause, als ob er in seiner eigenen Stube umherginge.

Da – er hatte eben davon gesprochen, den Heimweg anzutreten, und der müde Reiter athmete schon hoch auf – schlugen nicht weit von ihnen entfernt die Hunde an und der Farmer, sich hoch dabei im Sattel emporrichtend, horchte den, ihm so wohl bekannten Tönen mit der gespanntesten Aufmerksamkeit. – Mehre Secunden lang war jetzt Alles still – da plötzlich ertönte der Lärm auf's Neue und der Farmer, der jetzt wußte, daß seine Hunde irgend etwas im Walde gestellt oder wenigstens aufgejagt hatten, fühlte im Nu den alten Jagdeifer in sich erwachen.