»Hurrah!« rief er, und wandte sich im Sattel nach seinem Begleiter um – »die Hunde sind fleißig, wir wollen die Pferde einmal laufen lassen, das Bischen Bewegung wird ihnen Nichts schaden.« Und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, drückte er dem eigenen Thiere die Sporen in die Seite und dieses, der Aufforderung nur zu gern Folge leistend, flog in muthigen Sätzen der Richtung zu, aus der das Bellen und Toben der Hunde jetzt immer deutlicher zu ihnen herüberschallte. Sechingen mußte, wollte er hier nicht allein im fremden Wald zurückbleiben, folgen und sein eigenes Pferd, das schon ungeduldig den Kameraden hatte davon gallopiren sehen, fühlte kaum den leichten, fast unwillkührlichen Schenkeldruck, als es fröhlich wiehernd hinten ausschlug und nun in tollen, unaufhaltsamen Sätzen den Spuren des Vorangegangenen folgte.

Nun war Sechingen zwar ein geübter Reiter, und saß besonders schön und kunstgerecht im Sattel, verstand auch die Behandlung eines zugerittenen Pferdes aus dem Grunde, durch solch wildverwachsenen Wald aber zu gallopiren und noch dazu mit allem möglichen Schieß- und Jagdgeräth behangen, das war mehr als er je versucht hatte, und bald blieb er mit dem locker befestigten Pulverhorn, bald mit dem Griff seines Hirschfängers, bald mit dem Gewehrriemen in den Zweigen und Schlinggewächsen hängen, und endlich wurde er gar bei einem schnellen Seitensprung des Pferdes, das einer vor ihm liegenden Schlange auszuweichen suchte, unter einen vorragenden Ast gerissen und – mit Blitzesschnelle aus dem Sattel gestreift. »Das Roß, des Reiters ledig,« schien weiter gar keine Notiz von ihm zu nehmen, und von Sechingen befand sich bald darauf, als auch das Bellen der noch fernen Hunde nachgelassen hatte, mitten im Wald, ohne Weg, ohne Steg – jeder Richtung, jeder Himmelsgegend unkundig – allein.

Eine volle Stunde wohl irrte er jetzt, mit immer steigender Angst und jenem entsetzlichen beengenden Gefühl, das sich stets des Verirrten bemächtigt, in der Wildniß umher – seine feine Tuchpikesche war in den scharfen Dornen zerrissen, die Pulverhornschnure abgesprengt und das Pulverhorn verloren, den Hirschfänger hatte ebenfalls wahrscheinlich irgend eine Ranke erfaßt und herausgerissen – die Scheide hing ihm leer an der Seite – die Mütze mochte Gott weiß wo sein, Gesicht und Hände bluteten ihm und die Rippen thaten ihm alle mit einander im Leibe weh. Erschöpft warf er sich endlich unter einer alten Eiche nieder – er konnte nicht mehr vorwärts, er mußte erst ausruhen.

»Und hier soll man den Urwald sehen?« rief er endlich in vollem Unmuth aus – »hier wo man den Kopf nicht heben darf, ohne mit dem Gesicht in irgend einem verwünschten Dornenbusch hängen zu bleiben – und die Bäume – großer Gott, es nähme ja ein Lebensalter, um nur ein halbes Dutzend von diesen Kolossen umzuwerfen; und dann ist die Erde hier so mit Wurzeln verwachsen, daß man kaum einen Stock hineinstoßen, geschweige denn einen Pflug hindurchziehen könnte. Nein – ich passe nicht zu solchem Geschäft – ich habe mir das viel romantischer gedacht. Blüthenbäume – blumige Ranken – duftenden Wald – zum Himmel strebende Riesenstämme – hol' sie alle mit einander der Teufel – ich will Gott danken, wenn ich erst wieder an einem gedeckten Tisch sitze, und eine heiße Tasse Kaffee trinken kann – und jetzt gar verirrt – in dieser fürchterlichen Wildniß. –«

Er sprang in aller Verzweiflung wieder auf, um nur wenigstens einen gangbaren Pfad zu finden, der ihn zu einer menschlichen Wohnung führe; da hörte er plötzlich, nicht weit von sich entfernt, das laute »Hallo« Klingelhöffers. Vor lauter Freude schoß er rasch die Büchse ab, das verhinderte ihn aber nicht auch seiner, leider schon sehr angegriffenen Kehle, noch eine letzte, außerordentliche Anstrengung zuzumuthen, um ja die Stelle anzudeuten, wo er sich befinde.

Klingelhöffer stand bald an seiner Seite, und wenn er auch im ersten Augenblick nicht umhin konnte, recht herzlich über das tragikomische Aussehen seines etwas arg mitgenommenen Gastfreundes zu lachen, so that ihm dieser doch auch wieder, da er ja fremd und ein Neuling im Walde war, leid, und er bot nun Alles, was in seinen Kräften stand, auf, um ihn zu trösten und ihm Muth einzureden.

Es war ein erster, wenn auch etwas böser Anfang, wie er sagte, und hatte wenigstens das Gute, ihn alles Nachkommende so viel leichter und bequemer ertragen zu lassen. Von Sechingen schien übrigens gar nicht geneigt, irgend etwas Nachkommendes abzuwarten, und zum Tode matt ließ er fast willenlos mit sich geschehen, daß ihn der Farmer auf sein eigenes Pferd setzte. Er hatte, seiner Versicherung nach, keinen ganzen Knochen mehr im Leibe, dafür aber Hunger wie ein Wehrwolf, Kopf- und Zahnschmerzen und noch außerdem verloren, was an seinem Körper nicht niet- und nagelfest gewesen.

In Klingelhöffers Wohnung endlich angelangt, stärkte er seinen ermatteten Körper durch Speise, Trank und Ruhe. Nichts in der Welt hätte ihn aber am nächsten Morgen vermögen können, eine zweite Tour zu unternehmen, um erstlich die verlorenen Sachen wieder zu suchen und dann auch, wie der Farmer lächelnd bemerkte, »das Land noch etwas besser kennen zu lernen.« Er verschwor sich hoch und theuer, vom Lande mehr zu wissen, als ihm lieb sei, und war, als der Morgen graute, fest entschlossen nach Little Rock zurückzukehren. Als Ausrede meinte er zwar, er wünsche erst die östlichen Städte und den Osten überhaupt zu bereisen, ehe er sich ganz fest im Walde niederlasse; was aber die Ursache dieser schnellen Sinnesänderung gewesen, ließ sich wohl leicht genug erkennen.

Weiteres Zureden blieb auch nutzlos, und Klingelhöffer erbot sich also, ihn wenigstens mit einem Handpferd eine Strecke auf der Countystraße hin zu begleiten, damit er nicht die ganze Strecke, etwa 44 englische Meilen, zu marschiren hätte. Nach Mittag, als sich sein Gast von den erduldeten Strapatzen ein wenig erholt, brachen sie auf, und der wackere Farmer ritt so weit mit ihm, daß er eine, am Wege liegende deutsche Ansiedelung noch bequem vor Dunkelwerden erreichen konnte, und nahm erst dann, den Dank des Fremden für die ihm gewordene so freundliche Aufnahme und Gastfreundschaft leicht übergehend, herzlichen Abschied von diesem.

»Leid thut mir's nur,« sagte er, als er ihm noch vom Pferde herunter derb und gutmüthig die Hand schüttelte, »daß Ihre Lust zur Ansiedelung gleich beim ersten Anlauf einen solchen Stoß erhalten hat, aber – ich gebe noch nicht Alles verloren, suchen Sie den schönen Westen doch später einmal wieder auf. Von Deutschland gleich ohne weiteres nach Arkansas hineinzufallen, ist allerdings ein etwas zu großer Abstand, haben Sie sich aber erst einmal eine Zeitlang in den östlichen Städten herumgetrieben, so wird Sie's schon wieder in die gesunde Waldluft zurückziehen. Vergessen Sie dann nicht, daß Sie in meiner Hütte immer herzlich willkommen sind. So leben Sie denn wohl – grüßen Sie mir die Deutschen in Little Rock, und halten Sie sich nicht länger dort auf als Sie müssen – es giebt bessere Plätze in den Vereinigten Staaten.«