Damit hatte er den Zügel des Handpferds um seinen Arm geschlungen, winkte noch einmal einen letzten Gruß herüber, stieß dem eigenen Thiere die Hacken in die Seite, und trabte pfeifend waldeinwärts.
Von Sechingen blieb aber noch lange sinnend auf dem Wege stehen und sein Auge ruhte schweigend auf den grünen Waldesschatten, hinter denen sein Gastfreund soeben verschwunden war. Kopfschüttelnd dachte er dabei an Alles, was er in so kurzer Zeit erlebt, zurück.
»Das also,« sagte er endlich tief aufseufzend, »das ist das stille freundliche Farmerleben – das ist die patriarchalische Zurückgezogenheit der Wälder. Kaum zweimal vier und zwanzig Stunden bin ich drin, und wie seh ich aus? Meine Kleider sind zerfetzt, den alten Hut, den mir Klingelhöffer zum Nothbehelf gegeben hat, würde bei uns zu Hause kein Lumpensammler aufheben, und ich muß noch froh sein, daß ich ihn nur habe und nicht im bloßen Kopfe zu rennen brauche; Hirschfänger – Taschentuch, Pulverhorn, Zündhütchenaufsetzer – Alles bin ich losgeworden, im Gesicht und an den Händen sehe ich so zerkratzt aus, als ob ich die Nacht in einer Dornenhecke geschlafen hätte. Dazu schmerzen mich alle Knochen – ich habe einen fürchterlichen Schnupfen, und von dem harten Lager Hühneraugen am ganzen Leibe. Nein, guter Sechingen, so viel merk' ich, für den Wald paßt Du nicht – ja, der Urwald sieht sich recht gut an – wenn man sich nicht gerade Bäume zum Umhacken aussucht – es liest sich auch recht gut darüber, schläft sich aber nur höchst mittelmäßig darin, und was das Reiten anbelangt, so soll mich Gott vor einem zweiten Versuch bewahren. Nein, Du mußt ja kein Farmer werden – Du kannst Coopers Romane lesen, für Indianer schwärmen – wenn Dir Dein Schuster nicht die Ideale verdirbt – und kannst auch meinetwegen – heißt das im Geist – den wilden Bär und Büffel verfolgen – so lange es aber keine Chausseeen und Hotels hier giebt, gehe ich nach New-York oder Philadelphia.«
»Und meine jetzige Reise?« fuhr er leise murmelnd in seinem Selbstgespräch fort, als er sich langsam dabei wandte und auf der Countystraße hinschritt – »ih nun – es war doch immer eine ganz gute Erfahrung und – wenn weiter Nichts – ein Versuch zur Ansiedelung.«
Cincinnati.
Cincinnati, »die Königin des Westens,« wie sie in den Vereinigten Staaten von Nordamerika allgemein genannt wird, liegt in der südwestlichen Ecke Ohio's, dessen schönste und bedeutendste Stadt sie ist. Erst seit einigen sechzig Jahren entstanden (denn noch leben Männer, welche 1791 die erste Blockhütte dort bauen halfen), zählt sie jetzt schon über 100,000 Einwohner und hat im Westen dieselbe Bedeutung erlangt, deren sich New-Orleans im Süden und New-York im Osten rühmt. Da Ohio selbst schon seit etwa 30 Jahren besonders von deutschen Auswanderern angebaut wurde, so breitete sich auch Cincinnati immer mehr und mehr aus, vertheilte nicht allein von dort die den Mississippi und Ohio heraufkommenden Fremden in dem Staat, sondern ward auch zum Mittelpunkt des Binnenhandels, der die Producte des Nordens, als Mais, Mehl, Whiskey, eingepöckeltes Schweinefleisch, getrocknete Früchte, Kartoffeln etc., nach dem Süden versandte und dafür die Erzeugnisse der wärmeren Landstriche, als Zucker, Baumwolle, Tabak, Seesalz, Kaffee und die übrigen Früchte der Tropenländer in Empfang nahm. Zur Erleichterung dieses Zweckes stand es nicht allein durch den Ohio, einem großen, schönen Strom, mit dem Osten, sondern auch durch den westlichen Canal mit Buffalo und den nördlichen Seen, Erie, Michigan und Ontario in Verbindung, und gute, nach europäischer Art angelegte Chausseen zweigten sich durch das ganze Land. Durch die Erbauung eben dieser Wege und Canäle, wie durch die gesunde Lage des Ortes selbst, wurde eine sehr große Menge von Deutschen, meistens aus den ärmern Classen, veranlaßt, die blühende Stadt aufzusuchen und sich in ihr oder wenigstens in der Nähe derselben eine Existenz zu gründen.
Besonders strömten von Norddeutschland, Oldenburg und Hannover dem Eldorado des Westens Schiffsladungen voll Auswanderer zu. Die natürliche Folge aber war, daß, wo so viele zusammentrafen, die den Platz nur in der Hoffnung aufgesucht hatten, nicht allein »Geld zu verdienen,« sondern auch »reich zu werden,« der größte Theil derselben sich getäuscht sehen und entweder unter nicht gerade glänzenden Verhältnissen ausharren, oder weiter westlich einen geeigneteren Wirkungskreis suchen mußte.
Natürlich war ein solcher Zusammenfluß von Menschen, die meistentheils von allen Hülfsmitteln entblößt in Cincinnati eintrafen und nun, da sie ihre Hoffnungen nicht realisirt, sich selbst obdach- und hülflos fanden, sehr wenig dazu geeignet, den Amerikanern einen guten Begriff von Deutschen und durch diese von Deutschland selbst zu geben, daher denn auch wohl mancher, der mit dem schönen Glauben das fremde Land betritt, schon durch sein Vaterland allein, wenn nicht freundlich angenommen, doch geachtet zu werden, seinen Irrthum einsehen wird, wenn er findet, daß der Name »Dutchman« nicht bloß bei den niedern Classen ein Spott-, ja oft Schimpfname geworden. Das kann übrigens nur von den Städten gelten, wo sich die rohe Hefe des Volkes concentrirte, im Lande selbst ist der deutsche Landmann wegen seines eisernen, unermüdeten Fleißes geschätzt und geachtet, wie denn auch die deutschen Ansiedlungen in den nördlichen Staaten fast stets die bessern sind. Und doch muß eben der Deutsche, selbst wenn er im alten Vaterlande den Ackerbau getrieben hat, in Amerika wieder von vorn zu lernen anfangen, indem nicht allein Boden und Erzeugnisse, sondern auch Ackergeräthschaften, wie die in jenem Lande nöthigen Behandlungsarten der Felder ganz verschieden von den unsern sind. Da die Arbeit dort aber leichter, der Humus selbst, besonders in den westlichen Staaten so viel vorzüglicher als in den alten, seit langen Jahren angebauten Landstrichen ist, so unterzieht sich der Deutsche auch stets mit Lust und Liebe einer Lehrzeit, die einen so reichhaltigen Erfolg verspricht, und sieht seinen Fleiß und seine Ausdauer, welche letztere dem Amerikaner gänzlich fehlt, in kurzer Zeit durch blühende Felder und üppige Vegetation belohnt.
Der Amerikaner, d. h. der nördliche Amerikaner (denn der südliche Pflanzer in den Sklavenstaaten ist wieder ein ganz anderer Mensch), ist auch fleißig, und arbeitet mit einer Schnelle und Gewandtheit, in der ihm der Ausländer vergebens gleichzukommen sucht, aber nur kurze Zeit hält er aus, das Gleichförmige ermüdet ihn, eine schlechte Ernte macht ihn gegen sein Land mißtrauisch; er hört von fruchtbarerem, ergiebigerem Boden, von besserer Weide, üppigerer Vegetation und augenblicklich führt er den schnell entworfenen Plan aus. Gerade in dem Zeitpunkt, in welchem der ruhige Deutsche anfängt, die Früchte seines Fleißes zu ernten, verkauft der Amerikaner den Platz, der seine Heimath war, packt sein bewegliches Eigenthum auf Karren und Wägen, treibt sein Vieh zusammen und zieht gen Westen.