Der Staatsanwalt versuchte jetzt ihn durch Kreuzfragen zu verwirren, Mac Ferson war aber nicht der Mann, der sich, wenn wirklich schuldig, durch einen Advokaten außer Fassung bringen ließ – er blieb dabei, das an der Jacke gefundene Blut sei von einem Hirsch, und man sah sich gezwungen, ihn aufzufordern, die Männer zu der Stelle hinzuführen, wo er den Hirsch geschossen habe. Der Ire war auch gern bereit dazu, aber erst seit kurzer Zeit in Amerika, behauptete er mit dem Wandern im Walde nicht recht vertraut zu sein, indem er nie genau wisse, nach welcher Richtung er sich wenden solle, sobald er einmal mitten zwischen den Bäumen sei, den Ort also auch nicht wiederfinden könne, wo er das Wild erlegt und aufgebrochen hätte. Er bat daher die Richter nur, in dieser Gegend herum mehrere Männer zu postiren, die dann bald aus dem Flug der Aasgeier erkennen könnten, nach welcher Richtung zu die im Walde zurückgelassene Beute läge.
Er war dabei so ernst und ruhig, blieb sich in allen seinen Antworten so gleich, und widersprach sich nicht ein einziges Mal, so daß die Männer, die sein Urtheil sprechen sollten, wirklich anfingen, trotz allen vorliegenden und fast unumstoßbaren Beweisen, an seine so fest betheuerte Unschuld zu glauben und den Bitten des Gefangenen willfahrten. Vergebens aber blieb ihr Suchen; alle Bussards und Adler schienen die Gegend verlassen zu haben, und erst am dritten Tag, als man auch noch ein kleines Scalpiermesser bei ihm gefunden hatte, was der Ermordete an demselben Abend, wo er erschlagen worden, in dem nächsten kleinen Laden aus der Scheide gezogen, um Brod damit abzuschneiden, glaubte man hinlängliche Beweise (circumstantial proofs) zu besitzen, ihn auch ohne sein Eingeständniß zum Tode durch den Strang zu verurtheilen.
Er lauschte dem Spruch ruhig und ohne eine Miene zu verziehen, nur nahm sein Gesicht eine fast noch bleichere, leichenähnlichere Farbe an und er sagte dann, sich mit leiser aber doch deutlich klingender Stimme an die Geschworenen wendend, »daß er sie nicht tadeln könne, sie haben ihre Schuldigkeit gethan, Alles scheine gegen ihn zu sprechen und die Menschen müßten ihn wohl für schuldig halten, Gott aber wisse, wie er schuldlos sei, und wenn es mit seinen weisen Rathschlüssen übereinstimme, so werde er ihn auch wohl noch zu retten und seine Unschuld dazuthun wissen.«
So rückte der letzte Abend heran, und seine Frau, der man den Zutrit zu ihm natürlich gestattete, blieb mehrere Stunden in der engen Zelle, hielt sich aber sehr gefaßt und ruhig und sprach ihm sogar Muth ein – Gott werde ihn schon nicht in dem fremden Lande verlassen – er solle nur auf ihn bauen. Mac Ferson verlangte dann nach dem Priester; es war aber in der ganzen Ansiedelung kein katholischer Geistlicher, und der Ire bat dann, ihm einen Prediger der Baptisten zu senden, da er sich nach dem Trost der Religion sehne, wenn dieser auch aus einem nicht katholischen Munde käme.
Das freute die Baptisten ungemein und machte ihm ihre Herzen sehr geneigt. Der Prediger der kleinen Schaar, ein kleiner hagerer Mann, mit einem etwas abgetragenen blauwollenen Frack, sehr eingefallenen Wangen und etwas stieren gläsernen Augen, auf der scharfgebogenen Nase eine gewaltige Brille, säumte denn auch nicht lange, und versicherte ihm nach kurzer Unterredung, daß er, sei er nun des angeklagten Verbrechens schuldig oder nicht, in wenigen Stunden am Throne des Höchsten Verzeihung für seine Sünden und Gnade in den Augen des Allerbarmers finden würde.
Mac Ferson betete wohl bis zwölf Uhr in dieser Nacht mit dem frommen Manne, beichtete ihm alle seine Sünden, gestand auch, wie er schon, seit er das freie Land Amerika betreten, gewünscht habe dem katholischen Glauben zu entsagen und sich den Baptisten anzuschließen, deren einfache Formen ihm stets am meisten zugesagt, und bewies sich so zerknirscht, so weich und religiös, daß der Prediger diesen Augenblick nicht ungenützt vorüber lassen zu dürfen glaubte, und dem Verurtheilten noch einmal dringend an's Herz legte, das letztverübte Verbrechen zu gestehen, damit er vor Gott Nichts habe, was noch einen schwarzen Schatten auf seine Seele werfen könne. Hier blieb der Unglückliche aber verstockt und behauptete nur, der liebe Gott wollte ihn durch diesen unverschuldeten Tod für all' seine früheren Sünden und Laster strafen, an dem vergossenen Blute sei er jedoch unschuldig und der Kentuckier müsse von einem Anderen erschlagen sein.
»Ich habe einen Verdacht,« sagte er dann wie überlegend nach kurzer Pause, »aber er ist zu weit hergeholt, zu unwahrscheinlich, als daß ich es gewagt hätte, ihn vor den Geschworenen zu äußern; es würde meine Sache vielleicht noch verschlimmert haben.«
»Aber mir könnt Ihr ihn entdecken, armer Mann,« sagte der Prediger – »meinem Herzen könnt Ihr ihn vertrauen; wer weiß, ob nicht vielleicht dadurch noch Rettung für Euch möglich ist.«
»Ach nein, ehrwürdiger Herr,« erwiederte der Ire – »der Verdacht ist zu wild, zu oberflächlich, doch Ihr sollt ihn hören. Erst vorgestern äußerte der Kentuckier – wie auch allenfalls meine Frau bezeugen könnte, denn wir saßen zusammen am Tisch – daß er glaube einen Menschen hier in der Gegend gesehen zu haben, der seinen Wohnort umschliche, und dessen Anwesenheit er eigentlich fürchten solle, da er ihn früher einmal tödtlich beleidigt habe. Damals achteten wir nicht sonderlich auf die Worte, jetzt aber, da der Unglückliche erschlagen ist, kann ich kaum umhin zu glauben, daß jener Fremde die That verübt hat.«
»Aber weshalb erwähntet Ihr diesen so wichtigen Umstand nicht bei Euerem ersten Verhör?« rief der Prediger aus. »Man hätte in der benachbarten Gegend nachforschen und den Mörder, wenn es wirklich jener Fremde war, vielleicht auffinden können.«