Jetzt sind freilich diese schönen Träume größtentheils in ihr ursprüngliches Element Luft zurückverschwommen, und ein allein und einsam stehendes Farmhaus kündet die Wohnung des »Letzten der Senekaner,« der hier, allen früheren Plänen und Hoffnungen von gepflasterten Straßen und Gaßbeleuchtung entsagend, gar ehrsam Ackerbau und Viehzucht treibt.

Noch vor zwölf Jahren aber, und in derselben Zeit, von der ich hier erzählen will, befand sich Alles in seiner Blüthe; mehre Wirthshäuser waren angelegt, ein Gerichtshaus und ein Gefängniß standen fertig aufgerichtet und wurden auch schon benutzt, denn es fehlte nur noch das Dach zu beiden, mehre kleine Stores oder Läden waren etablirt, in denen der fleißige Städter Whiskey beim Quart und Kaffee, Zucker und Kattun, wie Schuh und Stiefel, Ackergeräth, Kochgeschirr etc. etc. etc., kaufen konnte, und zwei Schul- und Kirchengebäude, das eine den Presbyterianern, das andere den Baptisten gehörig, standen zum frommen Dienst bereit und wurden von der gottesfürchtigen Gemeinde gar häufig benutzt.

Wie es nun aber stets bei so neuerrichteten und gegründeten Städtchen geht, so sammelte sich auch dort ein buntes Gemisch von allerlei oft recht wunderlichen Leuten, und wo viel gute und ordentliche Menschen sind, da bleibt es fast nie aus, daß sich auch ein parr rauhe, wilde und nichtsnutzige Gesellen mit einschwärzen, die dann so lange mit der übrigen Bevölkerung auf einem Fuß stehen und mit ihr gleiche Achtung und gleiche Rechte genießen, bis sie entweder selbst sehen, daß die Zeit naht, wo sich jeder brave Mann von ihnen fern hält und sie ihr Wesen nicht länger treiben können, oder die Gemeinde auch fest und entschlossen auftritt und sie ausstößt.

Ein solcher Bursche, zu allem Schlechten fähig und zu nichts Gutem zu gebrauchen, war ein junger Kentuckier, Hills, der sich eine Zeitlang auf dem Monongahelafluß als Flatbootmann herumgetrieben hatte, und nun einmal versuchen wollte, ob er's nicht schneller und bequemer »in der Stadt« zu etwas bringen könne.

Er lebte oder »boardete« wie man dort sagt, im Hause eines Irländers, eines braven fleißigen Mannes, der mit seiner jungen Frau erst kürzlich aus dem alten Vaterlande herüber gekommen, und von einem der sogenannten Landhaye in New-York auch gleich beredet worden war, sich hier in Seneka, der künftigen Königin aller westlichen Städte anzukaufen und niederzulassen. Hills aber, der an nichts Heiliges, weder im Himmel noch auf Erden glaubte, fand Gefallen an der jungen Irländerin und suchte sich ihr, wenn ihr fleißiger Mann sein kleines Grundstück bearbeitete, zu nähern und sie sich geneigt zu machen. Diese aber wies ihn ernst und strenge zurück und drohte endlich, als Alles das nichts half, ihren Mann von dem nichtswürdigen Betragen seines Hausgenossen in Kenntniß zu setzen.

Eine Zeit lang schüchterte das den Kentuckier ein, denn der Irländer war ein kräftiger Gesell und verstand sicherlich, was seine Hausrechte betraf, keinen Spaß; eines Abends aber, als er der jungen Frau im Walde begegnete, die gerade eine kranke, nicht sehr entfernt wohnende Freundin besucht hatte, und nun zu Hause zurückkehren wollte, schloß er sich ihr an und wurde nach wenigen miteinander gewechselten Worten so frech und zudringlich, daß sie ihm mit lauter Stimme drohte, um Hülfe zu rufen, wenn er sich nicht gleich entferne, als plötzlich mit zorngerötheten Wangen und finster zusammengezogenen Braunen ihr Mann aus den benachbarten Büschen sprang und im nächsten Augenblick neben dem erbleichenden Kentuckier stand.

Was an jenem Abend weiter vorgefallen hat nie ein Mensch erfahren, am nächsten Morgen aber fand man, durch Blut in der Straße aufmerksam gemacht, den Kentuckier mit zerschmettertem Schädel im Gebüsch liegen. Er schien schon mehrere Stunden todt, und jede Hülfe kam zu spät. Noch an demselben Abend wurde er begraben.

Wüthend durchtobten aber indessen die Freunde des Ermordeten die kleine Ansiedlung und forschten nach dem Mörder; ja selbst der stillere Theil der Bevölkerung, die Baptisten und Presbyterianer, waren entrüstet, daß in ihrer ruhigen und frommen Gemeinde so etwas vorgefallen war. Durch einen kleinen Knaben ward endlich der Verdacht auf den Irländer gelenkt, denn dieser hatte ihn noch spät Abends mit seiner Frau zu Hause kommen gesehen, und zwar gerade aus jenem Weg, neben welchem die Leiche lag und der kleine Bursche behauptete dabei steif und fest, der Irländer sei blutig im Gesicht gewesen.

Man forschte jetzt genauer nach, durchsuchte das Haus und fand – sorgfältig hinter einer großen Kiste versteckt, eine baumwollene Jacke, an welcher noch frische Blutflecken nicht zu verkennen waren. Zwar behauptete Mac Ferson (der Name des Iren), einen Hirsch erst an dem Nachmittag erlegt und den Kentuckier wohl gesehen, aber keinen Streit mit ihm gehabt zu haben; in seinem ganzen Wesen ließ sich aber dabei eine gewisse Verlegenheit nicht verkennen, und weder seine Betheuerungen »er sei unschuldig,« noch die Bitten seiner Frau halfen ihm etwas; er wurde gebunden und in das Gefängniß – ebenfalls ein aus starken Stämmen errichtetes Blockhaus – abgeführt.

Dort blieb er den Tag seinen einsamen Betrachtungen überlassen, und wurde am nächsten Morgen, da gerade Gerichtstag im Städtchen war, vor seine Richter, vor die Geschworenen gestellt. Hier aber schien leider Zeugniß auf Zeugniß gegen den armen Teufel auftauchen zu wollen, denn außer dem blutigen Kleidungsstück hatte man noch ganz nahe bei seiner Wohnung einen ebenfalls mit Blut befleckten schweren Knittel gefunden, und mehrere Einwohner sagten dabei aus, Mac Ferson habe sich mehre Male gegen sie geäußert, er glaube, seine Frau gefalle dem Kentuckier, und er wolle sich nur erst Beweise verschaffen, ehe er ihn fühlen lasse, was es heiße, den Rechten eines Irländers zu nahe zu treten. Mac Ferson leugnete dies auch nicht, blieb aber bei seiner Behauptung, an dem Nachmittag keinen Streit mit dem Kentuckier gehabt, ja kein einziges Wort mit ihm gewechselt zu haben und betheuerte nur in einem fort seine Unschuld.