Eine kleine hellrothe Fahne, über der Thür aufgesteckt, zeigt am Tage den Ort an, wo Abends mit dem Glockenschlag sieben der Ausverkauf beginnen wird, und Kauflustige oder Neugierige treiben sich, einander ablösend, fortwährend vor und in diesen Localen herum, um die am Abend vorkommenden Waaren zu betrachten und zu prüfen; mit einbrechender Dämmerung jedoch, wo die blutrothe Flagge übersehen werden könnte, stellt sich irgend ein Mann oder Knabe, sehr häufig ein besonders hierzu gemietheter Neger, mit einer Handglocke vor das Auctionslocal, und läutet pausenlos auf eine ohrenzerreißende Art, um die Bevölkerung von Cincinnati darauf aufmerksam zu machen, daß die Versteigerung bald beginnen werde. Es sind wohl zwölf bis funfzehn verschiedene Auctionen an jedem Abend, und hier kaufen besonders die umherziehenden Krämer ihre Waaren ein, mit denen sie später die Farmer im Innern des Landes beglücken.

Der Auctionator steht auf einer von dem Platz, welchen die Käufer einnehmen, getrennten hohen Bühne, die es ihm möglich macht, alle zu sehen, wie von allen gesehen zu werden, und die zu versteigernden Gegenstände werden ihm durch einen zweiten von innen hinausgereicht. Von dem Mittelpunkt dieser Bühne aus läuft ein schmaler, langer Tisch bis fast zur Thür hin, um auf diesem vorkommende Ausschnittwaaren aufzurollen und den Kauflustigen besehen zu lassen. Die Waaren selbst sind übrigens sehr gemischter Art – Tuche und Steingut, Bijouterien und Glaswaaren, Kattune und Bücher, eiserne Geräthschaften und Porzellan, Schuhe und Hüte, Weine, Liqueure, eingemachte Früchte und Austern, alles wird wild durcheinander feil geboten, wobei sich der Auctionator durch eine fast fabelhafte Zungenfertigkeit auszeichnet, mit welcher er das ausbietende und aufmunternde going, going, going, going, ruft, daß das Ohr dem Klange kaum zu folgen vermag, bis ein entscheidendes »gone!« den Bietenden entweder erschreckt oder erfreut.

Allerdings hat man öfters die Gelegenheit auf diesen Auctionen Waaren zu einem Spottpreis einzukaufen, im Ganzen ist es aber doch sehr gefährlich, denn entweder wird der mit den Gebräuchen nicht Bekannte angeführt, oder kauft, durch den anscheinend billigen Preis bestochen, eine Masse von Sachen, die er mit gutem Gelde bezahlen muß und nachher nicht gebrauchen kann.

Kleiderladen

sind in Amerika, wo alles so zauberhaft schnell geht und die Menschen sich fast stets unterwegs befinden, unentbehrlich – wie hätte der Amerikaner Zeit, sich einen Rock anmessen und nachher machen zu lassen. Oft Hunderte von Meilen verreisend, nimmt er gewöhnlich als einziges Gepäck ein kleines Felleisen mit, in welchem er ein Hemd und mehrere reine Vorhemdchen und Kragen führt, das ist das einzige, was er waschen läßt, alles übrige wird, sobald getragen oder zerrissen, neu angeschafft. Kleiderläden, in denen man jedes zum Anzug Nöthige antrifft, findet man daher auch in jeder Stadt und besonders gleich an den Dampfboot-Landungen in großer Anzahl, die fast alle, sei es nun im Norden oder Süden, New-York oder New-Orleans, St. Louis, Cincinnati, Buffalo oder Charlestown, von deutschen Juden gehalten werden. Wie die Yankees den fast alleinigen Uhrenhandel an sich gerissen haben, so verhält es sich mit den Israeliten und Kleiderläden, in keiner Stadt aber mehr als in Cincinnati, das gewissermaßen den Mittelpunkt bildet, von welchem sie sich in die ganzen westlichen Staaten zerstreuen, um als wandernde Krämer mit Tragekasten oder Lastpferd ihre Waaren feilzubieten, oder auch in der Stadt selbst bleiben und am Werft wie in den Hauptstraßen vor ihren Läden förmlich auf die Vorbeigehenden lauern. Gnade Gott dem armen Teufel, der mit etwas schäbigen Kleidern und einem sehnsüchtigen Blick auf die zur Schau ausgehängten Anzüge vorüber geht, er ist unrettbar verloren; der Verkäufer, ein auf das Eleganteste angezogener Jüngling, der nie deutsch spricht, außer da, wo er sieht, daß der, mit dem er es zu thun hat, auch kein Wort englisch versteht, stürzt auf ihn zu, faßt ihn um die Taille, und zieht ihn unter den zärtlichsten Vorwürfen, daß »so ein hübscher Mensch solch abgerissenes Zeug trage,« in den Laden; hat dieser dann noch hinlänglich baares Geld, und sei es nur genug, um ein Taschentuch zu kaufen, bei sich, so kommt er selten ohne irgend einen aufgedrungenen Artikel fort.

Freilich laufen diese Ladenjünglinge auch manchmal der unrechten Person in den Weg und ernten Grobheiten oder gar Ohrfeigen für ihre Zudringlichkeit; was thut's aber, sie leiden ja für die heilige Sache, und der nächste Vorüberwandernde entgeht darum seinem Schicksal doch nicht.

Durch die in den Zuchthäusern gefertigten Schuhe und Kleidungsstücke, wie durch den geringen, wahrhaft grausamen Preis, welchen arme Nähmädchen für eine Tagesarbeit bekommen, sind Kleidungsstücke, was nicht Seide oder Tuch ist, erstaunlich billig geworden, so daß man jetzt selbst in New-Orleans ein baumwollenes Hemd mit leinenem Vorhemd und Kragen für Einen Dollar kauft, ebenso recht gut aussehende Schuhe und Beinkleider, Jacken und Westen für Einen Dollar das Stück. Wie nachlässig übrigens diese Sachen gefertigt sind, kann man sich denken; es soll aber alles schnell gehen, die Dauer und Solidität der Arbeit kommt nicht in Betracht. So z. B. kündigte eine Wäscherin (Mulattin) vor mehreren Jahren in Cincinnati, in Mainstreet, durch ihr Aushängeschild an, daß sie jedes ihr anvertraute Kleidungsstück »in einer Stunde wasche und trockne;« auf welche Art der Stoff dabei behandelt wurde, läßt sich denken.

Der wunderbare Traum.

Im Staat Pensylvanien, dicht am nordwestlichen Fuß der Alleghanies, liegt oder lag vielmehr das kleine Städtchen Seneka, das damals, als man es gründete, von Ansiedlern fast überschwemmt ward; denn jeder Einzelne hoffte goldene Berge in dem neu entdeckten Eldorado zu finden und Seneka bald als den Brennpunkt des Staates zu sehen, nach dem sich aller Verkehr, wie die Blumen zur Sonne, hinwenden müsse.