Das war Alles, was ich wollte – Büffel – und welche Fährten fand ich? ein alter Bull besonders mußte ein unmenschlich starker Bursche sein. Natürlich hoffte ich die Heerde, die, meiner Ansicht nach, nicht weit konnte gewandert sein, in kurzer Zeit beim Äsen zu erwischen, und schnell, aber so geräuschlos als möglich, folgte ich den breit ausgetretenen Fährten eine Strecke am Fluß hinunter, und dann wieder, westlich von diesem ab, als ob sie nach ihrem gewöhnlichen Sammelplatz, den »Cash-« Sümpfen, hinüber gewollt hätten; auf einmal aber änderte sich ihre ganze Richtung und sie waren wieder nordwestlich hinaufgerannt und zwar diesmal, wie es schien, in wilder Eile.
Erst konnte ich mir dieses schnelle Wenden nicht erklären, fand aber bald die Auflösung in einer Masse Wolfsfährten, die wahrscheinlich die Heerde, in der Hoffnung, ein Junges zu fangen, angefallen und zerstreut hatten, obgleich sich der Büffel sonst nicht besonders vor dem Wolf fürchtet. Jetzt ging auch für mich ein viel beschwerlicherer Marsch an, denn da sich die schweren Thiere vereinzelt hatten, mußte ich mir selbst meinen Weg hinter ihnen her bahnen. Unglücklicher Weise war ein Schilfdickicht von ihnen durchbrochen worden und die Folge daher erschrecklich beschwerlich gemacht, denn nichts ist dem Bärenjäger hinderlicher, als eben diese Schilf- oder Rohrbrüche, in die sich besonders der Bär augenblicklich flüchtet und nur zu oft dadurch gerettet wird; denn wer einen solchen Bruch nie gesehen hat, kann sich unmöglich einen richtigen Begriff davon machen. Das Schilf selbst ist hart wie Holz, wird bis anderthalb und zwei Zoll im Durchmesser stark, und oft dreißig und vierzig Fuß hoch, steht auch in dem fruchtbaren und sumpfigen Thalland so dicht, daß man sich kaum dazwischen hindurchdrängen kann; ein Fortschreiten in diesen Dickichten wird aber nur zu häufig durch die Unmasse dorniger Schlingpflanzen, die mit einem festen Gewebe ganze Strecken eng verbinden, fast unmöglich gemacht, wenn der Jäger sich nicht, in der Rechten das schwere, breite Jagdmesser, Bahn haut; kommt er aber zu einem in diesem Gewirre umgestürzten Baum (und die umgestürzten Bäume liegen nicht etwa selten darin), so ist an ein Weiterdringen in gerader Richtung gar nicht zu denken; junge Bäume, Schlingpflanzen, Rohr und Dornen bilden dann eine Masse, durch die man sich nicht einmal Bahn hauen kann, und man muß den Platz umgehen.
Wie langsam aber in einem solchen Schilfbruch ein Vorrücken möglich ist, habe ich einst im Mississippi-Thal erfahren, wo ich drei Stunden zu einer Strecke von etwa 500 Schritt brauchte. Hier ging es jedoch etwas besser, die Büffel hatten mir, wenigstens ein wenig, Bahn gebrochen, und mit dem Messer nachhelfend folgte ich erträglich rasch. Der Tag war aber auch jetzt sehr weit vorgerückt und die hereinbrechende Dämmerung überraschte mich keineswegs angenehm. Das Schilf wollte gar kein Ende nehmen; wenn ich daher auch, beim hellen Schein des Schnees, der Spur in der Nacht hätte folgen wollen, so wäre dies schon wegen des dicken Rohres nicht möglich gewesen, das, nach allen Richtungen hinaus stehend, die ganze Aufmerksamkeit des Hindurchdringenden am hellen Tage in Anspruch nahm, indem man sich bei jedem Schritt die Augen aus dem Kopfe stoßen konnte; daher zündete ich ein Feuer an, was mit Hülfe des Tomahawks und etwas trockenen Schwammes sehr bald gelang, reinigte einen Platz vom Schnee und hatte mich bald behaglich genug eingerichtet.
Ich lag gerade auf einer kleinen Erhöhung, mitten im Schilf, so daß ich gegen den kalten Nordwind ziemlich geschützt war; der Platz hatte aber das Unangenehme, auch nicht die mindeste Aussicht zu gewähren, nicht zwei Schritte weit konnte ich sehen und fühlte mich durch die Nähe des Dickichts, von dem ich förmlich umschlossen lag, beengt; die Sache ließ sich jedoch nicht ändern, eine offene Stelle auszuhauen, dazu fühlte ich mich zu ermüdet, Wirthshäuser waren auch nicht in der Nähe, also machte ich gute Miene zum bösen Spiel und bekümmerte mich mehr um mein Feuer als um das Dickicht.
Weil ich doch noch nicht recht schläfrig war, holte ich, nachdem ich mein frugales Abendbrod verzehrt hatte, den Compaß vor, und denselben gerade in eine der Büffelfährten an meiner Seite stellend, vertrieb ich mir damit die Zeit, zu rathen, auf welchem ganz genauen Strich nun die Heimath läge, und dabei zu überlegen, wie mich hier, von diesem Punkt aus, das Abweichen eines 32stel Zolles zur Rechten oder Linken, entweder in die Wüste Sahara oder nach Sibirien hinaufbringen könnte. Diesem Gedanken gesellten sich andere zu – was sie jetzt wohl zu Hause machten, ob sie auch an mich hierher dächten und noch viele, viele Dinge – so daß ich endlich vom vielen Denken müde wurde und einnicken wollte. – Da krachte ein kleiner Zweig – dicht neben mir; – zwar war der Laut gedämpft – der Zweig mußte unter dem Schnee gelegen haben, ich hatte es aber deutlich gehört und hob schnell den Kopf, um wenigstens den kleinen Raum, in dem ich lag, übersehen zu können; auch war ich in der Richtung noch ungewiß, instinktartig hatte ich aber das Messer aus der Scheide gezogen.
Eine Weile blieb Alles ruhig und ich konnte das Schlagen meines Herzens hören – da krachte es wieder, ganz nahe; – was es auch immer sein mochte, es konnte sich keine zwölf Fuß von mir befinden; deutlich vernahm ich auch jetzt die leisen Schritte im Schnee, wie das Thier trap – trap – trap – trap – mich langsam umschlich. O wie ich mir damals einen Hund wünschte.
Eine Zeit lang schien es still zu stehen, dann hörte ich es wieder in der anderen Richtung, deutlicher noch als vorher. All' meine Sinne waren aber jetzt auf das Peinlichste gespannt, denn jeden Augenblick erwartete ich irgend eine Bestie, ob Panther oder Wolf konnte ich nicht wissen, aus dem Dunkel hervorblinzen und mich anschnüffeln zu sehen. In dieser angenehmen Hoffnung hatte ich nun freilich den Hahn der Büchse aufgezogen, aber auch diesmal starb das Geräusch hinweg und das frühere, lautlose Schweigen herrschte.
Aus allem Vorhergegangenen mußte ich nun nach wohl Stunden langem Harren vermuthen, daß mich mein Nachtbesuch verlassen habe, doch war ich zu aufgeregt, um gleich einschlafen zu können und blieb noch lange wachend liegen, indem ich einen vor mir stehenden alten Baum betrachtete, der ein gar eigenthümliches Aussehen hatte. Es war ein ungeheuerer Sassafrasstamm, der, von einem dichten Gewebe von Schlingpflanzen umgeben, seiner Äste und Zweige beraubt, wie eine riesenmäßige Säule gegen den dunkeln Nachthimmel emporstarrte. Eine hohe, breite Schneekappe krönte den Gipfel. Im Sommer, wenn die Schlingpflanzen ihre grünen Blätter bekommen, sehen diese Baumleichen herrlich aus, denn dann ist von der alten, vertrockneten Rinde auch nicht die Spur mehr zu erkennen, und nur die grüne, lebendige Säule steht wie ein Denkmal vergangener Zeiten da, wo noch der Indianer die Wildniß durchzog, die jetzt nur sein Grab umschließt. – Ich schlief bald darauf ein und der Morgenruf der Eulen weckte mich erst wieder.
Vor allen Dingen untersuchte ich aber jetzt, wer mein nächtlicher Besuch gewesen war, und fand auch dicht am Lager, einmal sogar bis auf drei Schritte, die Spuren eines ziemlich starken Wolfes, was mich um so mehr befremdete, da der Wolf sonst sehr menschenscheu ist und einem Lager selten gern naht; – später übrigens habe ich oft Beweise vom Gegentheil erhalten, denn einmal, zwei Jahre darauf, holte mir eine solche Bestie das Jagdmesser fort, das dicht neben mir lag und zerkaute den schweißigen Griff; ich hatte erst an demselben Nachmittag einen Hirsch damit aufgebrochen.
Mit neuen Kräften verfolgte ich nun die jetzt wieder vereinigten Fährten, die an manchen Stellen, wo kein besonderes Futter sie aus der Bahn lockte, eine förmliche Straße bildeten; aber wie ich auch spähte, immer noch konnte ich nicht das ersehnte Wild selbst entdecken, hundertmal wohl ließ mich ein niederbrechender Ast, oder ein aufgescheuchter Hirsch ihre Nähe hoffen, stets sah ich mich aber getäuscht. Meine einzige Hoffnung blieb jetzt, als die Sonne wieder blutigroth am Horizont verschwand, die Nacht; der Wald war offener als am vorigen Abend, ich gedachte daher meinen Weg fortzusetzen, da die Büffel auf keinen Fall nach einbrechender Dämmerung weiter wandern würden. Das wäre auch recht gut gegangen, denn hell genug leuchtete der Schnee, um die Fährten zu verfolgen, wieder aber stellte sich mir ein solch unglückseliges Schilfdickicht in den Weg, dazu umwölkte sich der Himmel und ich wurde auf's Neue gezwungen »beizulegen.«