Das Leben in den amerikanischen Urwäldern hat aber stets einen geheimnißvollen Reiz für den Europäer gehabt; schon der Name klingt romantisch, man denkt dabei an die gewaltigen, riesigen Bäume, an das schaurige Rauschen der mächtigen Wipfel, an die Schlingpflanzen und an den wilden Wein, der in schweren, dunklen Trauben von den Ästen herniederhängt, an das Wild, das leisen, bedächtigen Schrittes hindurchzieht, an den finstern Bären, den stattlichen Hirsch, die zahlreichen Völker wilder Truthühner, vielleicht gar an einen in den Zweigen lauernden Panther; ja das ist Alles sehr schön und gut – existirt auch wirklich, nur ist es schlimm, daß die Sache, so recht in der Nähe, aus der Mitte heraus, betrachtet, sehr, sehr viel an Reiz und romantischem Zauber verliert. – Es ist damit gerade so, wie mit einer weidenden Heerde.

Welch einen lieblichen Anblick gewährt es, wenn man, auf einem Hügel gelagert, in der Ferne, auf grüner blumiger Wiese eine Heerde weiden sieht, wo die einzelnen buntscheckigen Kühe nach dem duftigen Futter umhersuchen, wo der Hirt, dessen Hund ihn spielend umspringt, an seinem Hirtenstabe lehnt; wenn man das melodische Läuten der Glocken, das weiche Blöken des Viehes selbst, das freundliche Klaffen des Hundes hört – ein unendlicher Zauber liegt über dem anmuthigen Bilde; – steigt man aber von dem Hügel herunter und kommt in die Nähe, so wird aus der blumigen Wiese ein mit ganz anderen Gegenständen als Blumen bedecktes Brachfeld, die Glocken klingen nicht rein, die eine besonders, die einen Sprung hat, und die man in der Ferne nicht hören konnte, vernichtet den ganzen günstigen Eindruck. Der Hund läuft Einem schon von weitem entgegen und weist knurrend die Zähne – und kommt man nun gar noch näher – riecht erst die Heerde – und den Hirten – ja dann ist's mit dem idyllischen Wesen vorbei – der Zauber schwindet und wir haben eine Heerde Rindvieh, mit Jürges Gottlieb, der daneben steht und an einem außergewöhnlich schmutzigen Strumpfe strickt.

Nun ist es freilich nicht ganz so arg mit dem Urwald; das einzelne Schöne, aus dem er besteht, bleibt immer, ja gewinnt sogar noch in der Nähe an Großartigkeit, wenn man es nämlich blos anzusehen brauchte; muß sich aber der Jäger durch die Schlingpflanzen mit Messer und Tomahawk Bahn brechen, dann findet er zu seinem Schrecken, daß jene malerischen Geflechte voll Dornen und giftiger Blätter sind, die, wenn ihr Saft die Haut berührt, Blasen ziehen und das Fleisch entzünden; der mit Blumen und Kräutern bedeckte Boden giebt nach, und zäher Schlamm umschließt Fuß und Knöchel, umgestürzte Riesenstämme versperren den Weg und sie zu umgehen, ist unmöglich, denn in ihrem Sturz haben sie alles Danebenstehende mit niedergerissen und undurchsichtige Brombeerhecken sind aus den Wurzellöchern aufgewachsen; – Schaaren von Mosquitos stürmen auf den Geplagten ein, zahllose Holzböcke peinigen ihn auf eine fast unerträgliche Art, und ist er im flachen Lande – (denn nur dort findet er den Urwald noch in seiner ganzen Majestät, da in den Hügeln das dürre, trockene Laub zu oft angezündet wird, was die jungen Bäume tödtet und die älteren im Wachsthum hindert), so darf er den Blick kaum zu den herrlichen Stämmen aufheben, weil er fortwährend fürchten muß, auf eine der zahlreichen Schlangen zu treten, die überall dort, wo die Sonne durch's dichte Laubdach bricht, zusammengerollt liegen und dem Unvorsichtigen leicht gefährlich werden können.

Im Winter fallen nun allerdings eine Menge dieser Übelstände weg, die giftigen Schlingpflanzen sind unschädlich, die Insekten fort, die Schlangen liegen in Erdlöchern und hohlen Bäumen; – das ist etwas; – damit aber der deutsche Jäger einen Begriff davon bekommt, wie ein amerikanischer Urwald im Winter beschaffen ist, so will ich hier ein Paar Tage, freilich nicht die angenehmsten, aus meinem Jagdleben, aus den Niederungen von Arkansas, beschreiben.


Im Januar 1840 hatte ich den Theil dieses Staates wieder aufgesucht, der östlich vom Mississippi und westlich vom Whiteriver, zwischen diesen beiden Strömen einen wohl hundert englische Meilen breiten und viele hundert langen Landstrich einschließt und von zahlreichen anderen, aber kleineren Flüssen durchschnitten wird. Wild gab es in den mächtigen Wäldern genug, das entsetzlich ungesunde Klima aber hatte mich im Sommer aus den Sümpfen getrieben, wo ich das kalte Fieber nicht los wurde, jetzt jedoch, bei Frost und Schnee, war das nicht mehr, wenigstens nicht anhaltend, zu befürchten, und ich beschloß, wo möglich eine Büffeljagd auf meine eigne Hand anzustellen, denn dort ist der einzige Platz in den vereinigten Staaten, wo sich noch Büffel aufhalten.

Nun waren die Aussichten zur Jagd freilich nicht die lockendsten, denn ich bekam die letzten Tage des Januar gar Nichts zu schießen und mußte halb verhungert, als ich endlich nach einer glücklichen Schneenacht einen Hirsch erlegte, den mich von meiner Beute trennenden, schmalen Fluß durchschwimmen um diese zu erreichen, wo ich dann ein paar Tage krank oder wenigstens unwohl im Schnee liegen blieb; das ist aber immer noch nicht das Schlimmste aus jener Zeit, ich hatte wenigstens ein gutes Feuer, eine wollene Decke und Hirschwildpret – was will ein Jäger mehr?

Am 2. Februar endlich brach ich auf, warf meine Decke zusammengerollt, über den Rücken, und schritt südlich in den mächtigen Wald hinein, oder besser gesagt, darin fort, denn ich war schon recht eigentlich im strengsten Sinne des Worts darin. Bald kreuzte ich mehrere Hirschfährten; das war aber das Wild nicht, dem ich zu begegnen wünschte, und ich verfolgte meinen Weg.

Der Wald war in dieser Gegend wahrhaft großartig, die gewaltigen Riesenstämme, größtentheils sechzig bis achtzig Fuß vom Boden gerade emporsteigend, ehe sie auszweigten, boten mit den schneebedeckten Wipfeln einen wundervollen Anblick. Es hatte zu schneien aufgehört, und eine heilige Stille herrschte rings umher, die nur dann und wann durch das Herunterbrechen irgend eines zu schwer mit Schnee beladenen Astes, oder das heisere Krächzen eines Raben unterbrochen wurde. Es ließ sich auch sehr gut marschiren; lange schmale Streifen hohen Landes liefen zwischen den zahlreichen Bächen und dem überschwemmten Boden der Niederung hin, und auf diesem standen die meisten Schlingpflanzen und Dornen; da es aber jetzt stark gefroren und geschneit hatte, so hielt ich mich fortwährend auf dem Eis und wanderte so leicht und ungehindert wie auf einer geebneten Landstraße darauf fort, denn der Schnee hinderte mich wenig, da ich damals noch meine alten, deutschen Wasserstiefeln trug. Mehre Male kreuzte ich auch die Spur von Wölfen, sah mich jedoch nicht einmal darnach um, denn ich würde keinen Wolf geschossen haben, selbst wenn er mich darum gebeten hätte, weil ich Pulver und Blei mehr zusammen halten mußte. In einer Gegend, wo man seine Ammunition nicht wieder ersetzen kann, geht man gewiß haushälterisch damit um; ich verließ mich daher auch auf meine Stücken Hirschwildpret und zog an ein paar Völker Truthühner ruhig vorüber, wobei diese ebenfalls sehr wenig Notiz von mir zu nehmen schienen.

Nach einigen Stunden vorsichtigen Pürschens jedoch, wobei ich immer noch nicht die stille Hoffnung aufgab, einem alten Bären zu begegnen, der seine Winterwohnung einmal verlassen haben konnte, obgleich dazu eigentlich wenig Hoffnung war, erreichte ich plötzlich einen Platz, wo in der vorigen Nacht etwa zwanzig Büffel gelagert haben mußten. Die Betten waren vom Schnee entblößt, die Zweige der Büsche ringsumher abgenagt und die Fährten sahen noch so frisch aus, als ob sie eben erst der weißen Schneedecke eingepreßt worden wären.