»Nein, nein, William, ich habe Dich zu tausendmal getragen. Damals warst Du freilich noch kleiner und ich war stärker, Du bist aber jetzt krank und ich will Dich schon vorsichtig fortbringen.«

Ohne eine weitere Antwort abzuwarten, beugte er sich nieder, hob leise und sanft den Verwundeten auf, nahm ihn in seine Arme und wanderte mit starken Schritten heimwärts, fortwährend in das bleiche Antlitz seines Sohnes schauend, das bei jedem Fehltritt, bei der geringsten Erschütterung schmerzhaft zusammenzuckte und dessen Farbe mit jedem Augenblicke fahler und bleicher wurde. Zwei Meilen mochte der alte Lobston den Sohn wie ein krankes Kind also getragen haben, als dieser flehend bat ihn nieder zu legen und ruhen zu lassen, er könne es nicht mehr aushalten. Der Vater willfahrte der Bitte und legte ihn in's Gras, und brachte ihm in seinem Blechbecher, den er am Gürtel trug, zu trinken; dann aber trieb er auch um so mehr, das schützende Obdach des Hauses zu erreichen, aus der Nachbarschaft dort weibliche Pflege herbeizuholen.

Sanft nahm er den Verwundeten wieder auf und trug ihn mit unendlicher Mühe durch die Unzahl hochaufwachsender Cypressenwurzeln, die den Weg überall unterbrachen. Ängstlich vermied er dabei auch die kleinste Erschütterung, während keiner von ihnen weiter ein Wort sprach, bis der Vater endlich das, ihm peinlich werdende Schweigen brach und, sich zum Sohne niederbeugend, lispelte:

»Nur noch eine Viertelstunde, mein William, nur noch eine Viertelstunde, dann lege ich Dich sanft auf Dein Bett und rufe Nachbar Spellens Anna. Die soll Dich pflegen und dann wird Dir bald wieder besser werden. Zu Hause nehmen wir auch die blutigen Kleider ab und – aber William,« unterbrach er sich ängstlich, indem er still stand.

Der Sohn schlug noch einmal die Augen zu ihm auf, öffnete den Mund, als wenn er reden wollte, streckte sich und athmete tief auf, während ein tiefer Schmerz ihm durch das Antlitz zuckte.

»William!« rief der Greis entsetzt, »William! so antworte doch – thue ich Dir weh? –«

Der Sohn antwortete nicht mehr – er war todt.

Der Vater legte den Körper in's Gras, rieb ihm die Schläfe, nahm seinen Kopf auf den Schooß, erfaßte seine Hände; es war nutzlos, sein Kind war todt.

Da übermannte ihn einen Augenblick sein Gefühl; er warf sich auf den Leichnam und schluchzte laut; dann aber, sich gewaltsam sammelnd, stand er ruhig auf, nahm die Leiche wieder in seine Arme, und trug sie, so sorgfältig als er das verwundete Kind gehalten hatte, dem jetzt nur noch wenige hundert Schritte entfernten Hause zu. Dort angekommen, legte er die Leiche auf das Bett, rückte einen Sessel daneben und des Kindes Hand in die seinige nehmend, legte er seinen Finger auf dessen Pulsader, um den leisesten Schlag derselben zu vernehmen, das unbedeutendste Zucken seiner Augenlider zu bemerken. Es war die letzte Hoffnung des Vaters, dem starren unerbittlichen Tode gegenüber.

Ruhig und geduldig, ja vielleicht ohne sie zu bemerken, hielt der Greis die Stiche von ganzen Schaaren Mosquito's aus, die ihn umschwärmten, beobachtete sogar mit fieberhafter Spannung die einzelnen der kleinen Blutsauger, wenn sie sich auf das Gesicht der Leiche niederließen, zu entdecken, ob noch nicht aller Lebenssaft aus den Adern des einzigen Kindes gewichen sei. Die Mosquito's aber senkten ihren Stachel in die Haut und tauchten umsonst mit der langen Spitze desselben nach der warmen Nahrung, zogen ihn wieder heraus, versuchten an einer anderen Stelle und verließen dann, summend und unmuthig, den blutlosen Leichnam.