»Aber ich weiß ja nicht –«
»Du sollst es gleich erfahren« unterbrach sie der junge Franzose – »ich bin des Seefahrens, ja überhaupt des Herumschweifens satt. Zehn Jahre lang habe ich mich nun in der Welt und in allen Welttheilen umhergetrieben, und bin nicht im Stande gewesen etwas für ein reiferes Alter zu thun – es liegt auch das eigentlich nicht im Blut meiner Landsleute. Hier aber, glaub ich, ist der Zeitpunkt gekommen wo ich etwas Besseres ergreifen kann, doch allein will ich das nicht thun. – Willst du mir helfen, Polly? willst du – mein Weib werden?« flüsterte er leise, sich zu ihr niederbeugend und ihr einen heißen Kuß auf die Stirn drückend.
»Do'nt – do'nt«, bat das Mädchen flüsternd, und suchte sich von ihm loszumachen. Es war ihr aber nicht recht Ernst damit, denn Jean konnte sie leicht zurückhalten; doch dringender bat er jetzt.
»Antworte mir, Polly. – Von dir hängt es ab ob ich in Sydney – in Australien bleiben soll oder nicht. – Sagst du ja, dann sollst du einmal sehen wie tüchtig ich arbeiten kann, und haben wir uns etwas verdient, dann kehren wir nach meinem schönen Frankreich zurück. – Es soll dir schon gefallen in der Provence. – Aber du sagst ja kein Wort, und ich weiß doch, daß du dich in den Verhältnissen hier nicht glücklich fühlst, nicht glücklich fühlen kannst.«
»Glücklich?« sagte das Mädchen leise und schüttelte wehmüthig mit dem Kopf – »es ist ein schreckliches Leben fortwährend dem wüsten Trinken und Treiben zuzusehen. – Aber was soll ein armes Mädchen anderes thun – und es ist doch immer ein ehrlicher Unterhalt.«
»Und sagst du ja, Polly?« bat der junge Mann dringender, und küßte die jetzt nicht mehr widerstrebenden rosigen Lippen – »sagst du ja?«
»Komm nur erst an Land«, flüsterte Polly, und ehe er es sich versah, war sie ihm unter den Händen fort und ins Haus geschlüpft. Mit leuchtenden Augen folgte ihr aber Jean, und war auch gar nicht böse darüber, daß sie seinen suchenden Blick im Anfang vermied und sich mit ihrer Arbeit eifrig beschäftigte, während sie Mrs. Mac Carther ausschalt, was sie draußen herumzustreifen habe, indessen in der Stube alles drunter und drüber ging.
In derselben Zeit übrigens, in der Jean draußen zu einem Entschluß gekommen war, hatte sich auch in der Stube selber manches geändert. Die beiden Polizeidiener, welche Mrs. Mac Carther ebenso gut kannte als ihr Mann das Vorsichtszeichen mit dem klirrenden Glas, waren, als sie sahen, daß sie weiter nichts Besonderes hören und erfahren konnten, weiter gegangen. Dafür aber war ein neuer Besuch gekommen, und zwar der Steward vom Pelican, der früher mit einem der Engländer auf ein und demselben Schiff gefahren, und heute Abend noch einmal in die Stadt gemußt hatte, mehreres Vergessene an Gemüsen und Früchten für das morgen früh in See gehende Schiff einzukaufen. Er wußte wo die Leute vom Boreas heute zusammenkamen, und schien sie dort aufgesucht zu haben. Als Jean hereinkam, waren sie im eifrigsten Gespräch. – »Und ich sage Euch«, behauptete der Steward auf einen der Gegeneinwürfe Bills, »daß ich heute morgen mit meinen eigenen Ohren und aus dem eigenen Munde Eures Capitäns gehört habe, wie er morgen früh um sechs Uhr mit dem kleinen Dampfschiff The Brothers in die Bay hinauslegen will. – Dasselbe Boot soll ihm auch dann am Montag Morgen die noch fehlenden Pferde hinausbringen und dann geht er auch wahrscheinlich noch den Montag Mittag in See. Euer Capitän war heut zweimal bei uns an Bord – das erstemal that er furchtbar dick, das zweitemal schien er sich aber doch besser besonnen zu haben, und will Euch vor allen Dingen in Sicherheit bringen. Ihr seht also daß Ihr keine Zeit mehr zu verlieren habt.«
»Seeschlangen und Schildkröten!« brummte der eine Engländer – »das wäre ein verdammter Streich. Deshalb wollte uns also der alte schlaue Fuchs morgen erst das Geld geben. Nachher hatte er uns alle sicher an Bord, und setzte uns am Ende gar noch ein paar von den Polizeiknechten oben drauf.«
»Und Ihr wißt uns einen Platz, Mac Carther«, sagte der eine von den Franzosen, »wo Ihr uns sicher unterbringen könnt? – Wahrhaftig ich komme heute Abend mit Sack und Pack an Land.«