»Wie hoch? nun unter vier Pfund Sterling per Mann auf keinen Fall, wahrscheinlich aber sechs, und wie viel sind es gleich – vier, sieben – neun, nicht wahr?«
Das Mädchen sah zu ihm auf und schüttelte verschmitzt mit dem Kopf – die Falle war ein klein wenig zu plump gewesen. Charles mochte das auch wohl fühlen, denn er wurde bis über die Ohren roth, sagte aber gleich darauf lachend – »bitt' um Entschuldigung, ich hatte ganz vergessen, daß du gar nichts davon weißt. Doch genug für jetzt. Mir liegt selber nichts daran, daß wir sie heut Abend erwischen sollten, und sind sie in der Nähe, so thäten sie sehr wohl sich ein wenig von den Straßen oder aus den öffentlichen Trinkhäusern zu halten, sie könnten sich sonst leicht morgen an einem Orte finden, auf den sie Heute schwerlich gerechnet haben. Also good bye, Polly, sei ein gut Mädchen und halte die Augen offen.«
Damit trat er mit ihr in den dunklen Gang zurück, zog sie etwas näher an sich und – doch es war zu dunkel etwas weiter zu erkennen. Als aber gleich darauf die Thür aufging, stand Charles vorn im Haus, und Polly kam, allem Anschein nach eben vom Hof, und trat in die Schenkstube.
Als Charles wieder in die Stube kam, hatten die beiden Steuerleute schon die Zeche bezahlt und sich zum Fortgehen gerüstet. – Sie hielten sich erst einmal vor allen Dingen nach der Rowson oder Rosenstraße hinüber, wo ein freier eingezäunter Platz die eine Reihe Straßen begrenzt und die Matrosen, in der Nähe zahlreicher verrufener Häuser gern umherschlendern. Obgleich sie aber manchen von diesen begegneten, und alle scharf ins Auge faßten, war doch keiner der rechten darunter. Einmal freilich glitt eine dunkle Gestalt rasch und flüchtig vor ihnen hin, verschwand aber auch gleich darauf durch die dort hohe Pallisadenfenz, in eine kleine Thür, die sich hinter ihm schloß. Es war dies kein öffentliches oder Kosthaus, und der Polizeimann hätte erst einen »warrant« ausnehmen müssen, ehe er ein Privathaus untersuchen durfte. Oft blieb Charles aber eine kurze Strecke zurück, und flüsterte hie und da mit einer, im Schatten irgend eines niedern Hauses, neben einem erleuchteten Fenster stehenden weiblichen Gestalt – er schien mit allen Winkeln und Höhlen der ganzen Stadt bekannt zu sein.
Es war etwa neun Uhr als sie nach Pittstreet zurückkamen; hier hatte sich indessen manches verändert, und die im Anfang noch ziemlich öde Straße wimmelte jetzt, besonders in der Nähe des Theaters, von Menschen. Dem Theater gerade gegenüber sind eine Anzahl kleiner Spelunken oder Trink- und Tanzhäuser nur von liederlichen Dirnen besucht, zu denen sich die Menschen förmlich drängten. Unsere drei Wanderer traten ebenfalls ein, und zwar zuerst in das bedeutendste, das sogenannte »Shakespeare Haus.«
Unten befand sich die sogenannte Bar – ein Schenktisch mit den dazu gehörigen Vorräthen von Flaschen und Gläsern; dahinter ein kleines Zimmer für solche die ruhig ein Glas Bier trinken wollten. Beide Locale waren aber fast leer von Gästen, und doch sollte dies Haus ungemein großen Absatz haben. Außer diesen beiden Zimmern hatte es aber auch noch andere Räume. Gleich neben der Bar, von dieser nur durch eine Mauer getrennt, und mit einem aparten Eingang von der Straße, ging eine schmale Treppe in die erste Etage hinauf, wo der ganze Raum in zwei große Locale getheilt war. Das eine war ein hoher Saal, dessen äußerstes Ende ein statuenartig und lebensgroß gemaltes Bild Shakespeare's zierte.
Der große Dichter stand aufrecht da und überschaute mit einem merkwürdigen Zug unendlicher Gleichgültigkeit das ganze wilde Treiben um sich her. Der Maler hatte in diesem Bild sicher eine schwere Aufgabe gelöst, und Shakespeare wenigstens an Gestalt, Kleidung und Gesichtszügen kennbar, zugleich aber auch mit einem so nichtssagenden faden Gesicht hingestellt, daß man dem Bild, da der Maler gerade nicht bei der Hand war, die erste beste Flasche hätte an den Kopf werfen mögen. Rings an den übrigen Wänden waren Scenen aus Shakespeare's Werken, colorirt, dargestellt, mit gerade solchen Gesichtern als sie der Shakespeare geschaffen haben würde. – Der Sturm und Romeo und Julie, König Lear und Fallstaff hatten besonders dazu herhalten müssen, und auf einem Bild stand eine lange schwarze Figur mit einem Barrett auf dem Kopf und einer Kegelkugel in der Hand, und sah ums Leben aus, als ob sie eben im Begriff wäre alle neun zu schieben. – Das sollte Hamlet sein.
Es war noch ziemlich leer im Saal; in der äußersten linken Ecke stand ein altes, abgepauktes Pianino wie ein Luftspringer auf einem Dorfe, der sich auf die Hände stellt und mit den Füßen an der Wand hinaufreicht. – Vor diesem saß ein junger Mann, der Horn an den Fingern haben mußte, denn er schlug unablässig eine alte Polka von vorn bis hinten durch, und fing, wenn er hinten fertig war, vorn wieder an. Neben ihm stand ein kleiner Junge mit einer Violine, der ihn zu begleiten suchte, aber nicht mit kommen konnte. Allerdings hielt er ziemlich Tact mit ihm, aber er konnte ihn nur nicht einholen. – Der Schweiß stand ihm auf der Stirn, die Augen traten ihm aus dem Kopf, die Finger gingen in rastloser Hast auf den gequälten Saiten auf und nieder, aber vergebens – zwei Noten war er regelmäßig hinter ihm. Hätte der Clavierschläger nur eine Secunde gewartet – nur den Gedanken einer Secunde – aber nein – vorwärts, unaufhaltsam vorwärts ging es, wie die wilde Jagd – kein Rückblick, außer für die, denen das Gesicht auf den Nacken gedreht war – und der Violinspieler gab die Verfolgung endlich in Verzweiflung auf.
Rings an den Wänden hin standen Bänke und Sophas; unter der Shakespearestatue der beste, und auf diesem lag lang ausgestreckt ein junges wunderhübsches Mädchen in einem seidenen, oben hochanschließenden Kleid, unter dem die kleinen zierlichen Füße nur eben mit den Spitzen hervorschauten. Ihre Beschäftigung war, wie sich das unter einer Shakespearestatue auch gar nicht anders denken läßt, eine rein geistige – sie schlürfte ein Glas Brandy und Wasser, und stellte das Glas als sie es ausgetrunken der Bequemlichkeit wegen vor sich auf die Erde nieder.
Auf den anderen Sophas und Bänken saßen viele andere Mädchen und junge Leute – von den ersteren einige sehr elegant gekleidet, mit Hüten und Schleiern und großen Shawls, andere wieder mit schlicht zurückgekämmten Haaren und kattunenen Kleidern. Ebenso großer Unterschied war bei dem männlichen Geschlecht, von dem feingekleideten Stutzer bis, in einzelnen Fällen, zum einfachsten Matrosen herunter, so standen, saßen und lehnten sie in den buntesten und verschiedenartigsten Gruppen umher. – Nur der eine Unterschied war doch wohl, daß die Mädchen alle einem bestimmten jugendlichen Alter angehörten, während sich unter den Männern auch sogar einige aus dem »besten« befanden, die mit noch recht jugendlichem Anstand scheinbar theilnahmlos hin- und herwanderten, oder an einem der Tische ihren »Portwein St. Gris« sippten.