Bill war übrigens viel zu klug, nicht mit einem einzigen Blicke seine ganze Gefahr zu übersehen, denn er wußte recht gut daß der Steuermann hier in dies Local nicht allein hereinkommen würde, ohne jedenfalls noch Hülfe, am Ende gar Polizei, bei sich zu haben. Dabei hatte das Zimmer nur eine Thür, und war die – und wie konnte es anders sein, besetzt, so befand er sich hier allerdings in einer Falle die ihn umsomehr ärgerte, da ihn sein eigener fabelhafter Leichtsinn hineingeführt. – Für den Augenblick ließ sich noch dazu gar nichts thun, seine Lage auch nur im Geringsten zu verbessern. – Er konnte seine Hände nicht einmal aus der Tasche bekommen, so drängte das Volk um ihn her, denn der Kampf nahte sich seinem Ende: Nelly hatte schon ein, Sally zwei blaue Augen und die letztere empfing gerade unter dem beifälligen Hurrahschrei der Masse einen letzten entscheidenden Schlag, der sie wie todt zu Boden warf. Nelly war ein sehr nervöses Mädchen, d. h. sie hatte ausgezeichnete Nerven und Muskeln.
Bill interessirte sich aber nicht im mindesten mehr für den Kampf; seine eigene Lage nahm seine Aufmerksamkeit viel zu sehr in Anspruch, und rasch warf er den Blick umher, jede nur irgend günstige Gelegenheit zu seinem Vortheil zu benutzen.
Der Mate hatte indessen mit Charles eine Art telegraphischer Depesche unterhalten, worin er ihm bemerkbar machte, daß Einer der gesuchten Leute hier in der Mitte des Zimmers sei. Zugleich gab er ihm dabei zu verstehen, daß er einen großen Bart habe. Bill sah das alles selbst mit an. So gern er aber auch seinen Feind mit eigenen Augen kennen gelernt hätte, wagte er doch nicht den Blick dorthin zu wenden, und wäre am liebsten in dem Meer von Köpfen, das ihn umgab, untergetaucht, wenn er sich auch nur einen Zoll hätte bewegen können. Aber fest eingekeilt stand er da, und der Mate warf dem Polizeidiener einen triumphirenden Blick zu. Bill war ihm sicher.
Gerade in diesem Augenblick machte Nelly noch einen Ausfall auf die schon gefällte Feindin. Das aber war zu unritterlich, als daß es die Umstehenden hätten zugeben sollen, und sie warfen sich zwischen sie. Dadurch bekam Bill wenigstens so viel Luft, die Hände aus den Taschen zu ziehen und sich selber niederzuducken. Zu gleicher Zeit nahm er einen verzweifelten Anlauf gegen die Beine der ihn Umdrängenden – es blieb ihm kein anderer Ausweg mehr als mit Gewalt durchzukommen, wußte er doch recht gut, daß jeder versäumte Augenblick seine Gefahr nur immer noch vergrößern mußte. Wie ein unter Wasser Fortschwimmender hielt er dabei geraden Cours auf die Thür zu, obgleich er das Schlimmste von den draußen stationirten Constablern fürchtete. Er konnte aber nicht anders und vertraute jetzt nur seinem guten Glück.
So wie aber der Mate diese Bewegung des Flüchtlings bemerkte, von der er augenblicklich den richtigen Grund errieth, schrie er dieses dem Polizeidiener zu, und da er wohl merkte, daß der in dem Heidenlärm kein Wort verstehen konnte, suchte er ihm die Absicht ihres Opfers pantomimisch begreiflich zu machen. Aber auch dies hatte seine Schwierigkeiten, denn er mußte sich mit einer Hand am Fenster festhalten, und durfte sich auch nicht tief bücken, sonst konnte ihn Charles nicht sehen. Durch diese unbequeme Stellung wurde er gezwungen die wunderlichsten und entsetzlichsten Bewegungen zu machen, so daß Charles ganz erstaunt zu ihm hinübersah, und gar nicht begreifen konnte – oder wollte, was das alles eigentlich zu bedeuten habe.
Das rettete Bill – gerade in diesem Augenblick glitt er wie eine Schlange, obgleich unbewußt, an den Beinen seines gefährlichsten Gegners vorbei, der schon die Handschellen für ihn gefaßt hielt, und war im nächsten Moment auf der Straße – in Kingstreet, Kingstreet hinauf in alle kleinen Quergassen die er auftreiben konnte, und spornstreichs nach seinem Versteck zurück; fest entschlossen, dieses von jetzt an mit keinem Schritt wieder zu verlassen.
Der Steuermann vom Boreas wollte erst gar nicht glauben, daß ihnen der Matrose entgangen sein konnte; es war aber doch so, und er tröstete sich zuletzt damit, er habe sich am Ende gar getäuscht, und Bill sei das gar nicht gewesen. Es war auch nicht wahrscheinlich, daß sich dieser so öffentlich und allein herauswagen sollte – und doch hatte er ihm erstaunlich ähnlich gesehen.
Von hier aus gingen sie noch einmal in das Shakespeare Haus zurück. Hier schien indessen alles in vollem Gang; das Theater war gerade aus, und zu den jetzt vereinigten Tönen des Claviers und der Violine – die wunderbarerweise zusammenstimmten – drehten sich die flüchtigen und mitunter auch sehr graciösen Paare in Quadrillen und Contratänzen. Alle Sophas waren besetzt, alle Stühle und Tische von Menschen beiderlei Geschlechts in Beschlag genommen, und eine ungeheure Quantität von Brandy und Portwein wurde verzehrt. Shakespeare sah dabei noch mit demselben nichtssagenden Gesicht auf die bunten Gruppen nieder, und Hamlet war noch immer am Schub.
Für ihren Zweck fanden sie aber nichts, weder hier noch nebenan, und verließen bald darauf Pittstreet, um zuerst einmal ein Stück in Georgestreet hinaufzugehen, wo sie ein besonderes Haus an der Ecke von George- und Kingstreet im Auge hatten.
Es war dies ebenfalls ein Schenkhaus, aber zugleich mit einer Art Abendunterhaltung. Sie gingen durch die Schenkstube und ein paar Stufen hinauf in ein anderes saalartiges Zimmer, sehr einfach mit hölzernen Bänken und Tischen meublirt, und im Hintergrund mit einer Art schmaler Bühne, in dessen einer Ecke ein Clavier traurig auf drei Beinen stand und von einem jungen Virtuosen in einem abgetragenen blauen Frack »beschlagen« wurde. Diese musikalische Abendunterhaltung war aber nicht zum Tanz eingerichtet, sondern hatte einen höheren, geistigen Zweck, der sich ihnen bald offenbaren sollte.