Auf die Bühne trat eine Gestalt in einem Charakteranzug, für die Person aber jedenfalls höchst passend gewählt. Sie war in einen zerrissenen Frack, an dem bedenklichsten Theil stark beschädigte Beinkleider und einen eingedrückten Hut nebst schiefgetretenen Schuhen gekleidet, und sang ein komisches, sehr langes und sehr unanständiges Lied, das bei dem Publicum den unbegränztesten Beifall fand. Das Letztere bestand zur einen Hälfte aus Matrosen und Handarbeitern aus der Stadt, und zur anderen aus liederlichen Dirnen, die wie in all den anderen derartigen Häusern hierherkamen ihre Cigarre zu rauchen, ihren Brandy zu trinken und Bekanntschaften anzuknüpfen. Es waren widerliche, freche, ekelerregende Geschöpfe.

Auch hier fanden sie keinen ihrer Leute. Gerade aber als sie wieder aus der Thür auf die Straße traten, rannte in ziemlicher Eile ein junger Bursch gegen den Mate des »Phönix« an und wollte eben mit einer Entschuldigung ausweichen, als dieser sein Gesicht zu sehen bekam und rasch zugriff –

»Hallo Smith«, rief er dabei aus, »ich bin höllisch froh dich hier so zufällig zu finden; habe schon einen langen Spaziergang dir zu lieb gemacht. Hr. Charles, ich möchte Sie einmal um ihre Handschellen bemühen.« Charles war rasch damit bei der Hand, der arme Teufel von Matrose aber, der hier so plötzlich dem Feind gerade in den Rachen gerannt war, wollte wenigstens noch einen letzten Versuch machen zu entwischen. Sich deshalb auf seine schnellen Beine verlassend, riß er sich rasch von dem Mate, der daran gar nicht mehr dachte, los, und sprang Kingstreet hinauf. Die Straße war aber hier hell erleuchtet und an den Ecken von King- und Kentstreet stand ein wahres Nest von Constablern. Der Alarmschrei wurde gegeben, die Straße war augenblicklich besetzt, und fünf Minuten später befand sich Smith in den Händen und Handschellen des Polizeidieners Charles von der Sidney Wasserpolizei.

Es war indessen schon ziemlich spät geworden, und Charles ging mit seinem Gefangenen zu seiner Station hinunter. Die beiden Steuerleute wollten aber erst noch einmal zu dem besprochenen Sammelplatz hinauf, wo sie weiteres von den übrigen Dienern der Gerechtigkeit und ihren eigenen Cameraden über den Verlauf und das »Glück« des Abends hören sollten.

Dicht vorher, ehe sie das in Pittstreet ihnen bezeichnete Haus erreichten, und oben zwischen Druitt und Bathurststreet, kamen die Beiden an einem kleinen niedern Schenkhaus vorbei, wo sie ebenfalls Lärm hörten. Die Thür stand offen und sie traten ein.

Es war eines der gewöhnlichen Branntweinhäuser geringerer Classe, und es schien hier an diesem Abend schon wild hergegangen zu sein. Eine Masse Gläser standen ungespült mit Löffeln und Zuckersatz auf dem Schenktisch – andere lagen zerbrochen auf der Erde. Unter einem der Tische lag ein trunkenes menschliches Wesen, das weibliche Kleidung trug, auf dem anderen Tisch lehnte mit dem Kopf ein Mann und schnarchte schwer. Hinter der Bar stand der Wirth, der auch der Flasche bös zugesprochen zu haben schien, denn er konnte die kleinen dickgeschwollenen Augen nicht mehr offen halten, und schlief im Stehen.

Die scheußlichste, aber auch interessanteste Gruppe bestand aus fünf Frauen und Mädchen, zwei noch jung, dem Anschein nach wenigstens nicht mehr als zwanzig bis einundzwanzig Jahr, und vielleicht noch jünger, denn das wüste Leben altert vor der Zeit, die anderen aber schon über die dreißig hinaus, mit widerlichen, schmutzigen, geschwollenen Gesichtszügen und alle betrunken. Den ungemischten Brandy gossen sie in die ausgebrannten Kehlen, und lachten und schrieen sich die rohsten, wüstesten Sachen zu. Es hörte aber schon keine mehr was die andere sprach.

Abgesondert von allen übrigen stand ein einzelnes Mädchen, vielleicht achtzehn Jahre alt – das Haar hing ihr wild um die Schläfe, die Schminke war ihr zum Theil von den Wangen gelaufen und die bleiche schmutzige Haut sah darunter vor. – An Stirn und Schläfen trug sie dabei Zeichen eines kürzlich bestandenen Kampfes, das geronnene Blut klebte dort noch an mehrern Stellen. Das Zeug hing ihr unordentlich und zerrissen am Körper, an der linken Seite war es ihr vollkommen aufgeschlitzt und eine volle weiße Brust quoll hindurch. Mit der linken Hand hielt sie aber ein halb mit Brandy gefülltes Glas – sie hatte schon einen Theil desselben getrunken und sang jetzt mit leiser wunderbar melodischer Stimme eines jener so zum Herzen sprechenden irischen Volkslieder – »oh no, we never mention her

Keiner hörte aber auf sie, der Wirth schlief, die anderen Weiber hatten zu viel mit sich selber zu thun, und die Singende schien ihrer auch wenig zu achten. In wilder heftiger Tonart hatte sie das Lied begonnen, wie sie aber weiter und weiter hineinkam, schienen andere, vergangene Scenen vor ihr aufzutauchen – Ihre Stimme wurde weicher und weicher, und bei den letzten Worten »if he has loved, as I have loved, he never can forget« – ließ sie auf einmal das Glas fallen, das am Boden zersplitterte, warf sich auf die ihr nächste Bank nieder, barg das Gesicht in den Händen und schluchzte laut.

»Nine pence für das Glas, sixpence für den Brandy«, sagte der Wirth noch halb im Schlaf – »macht einen Schilling drei Pence – wer war das?« fuhr er dann aber plötzlich in die Höh und blinzte unter den kurzen borstigen Augenlidern schläfrig vor.