Neuntes Capitel.
Hans.
Am vierten Tag ging der Wind wieder mehr nach Süden herum und wurde schwächer. Dadurch legte sich die See allerdings in etwas, der Boreas kam aber nun auch wieder platt vor den Wind und hiermit in so viel stärkere Bewegung. Nur in Ballast geladen, mit den Pferden im unteren Raum, das Heu in das Zwischendeck gestaut, und sogar noch mit einem Dutzend Wasserfässern oben an Deck, war er etwas kopfschwer geworden, und lief allerdings ziemlich ruhig, sobald er von dem mehr schräg einstehenden Winde auf einer besonderen Seite gehalten wurde. War das aber nicht mehr der Fall, so schlingerte[6] er so herüber und hinüber, daß die Raanocken manchmal fast die Wogen berührten. Es sah oft aus, als ob er sich im Leben nicht wieder aufrichten würde.
Den Pferden bekam dies noch schlechter als das Stampfen des Schiffes. – Noch an dem nämlichen Tage crepirte ein viertes, und zwei hatten sich die Brust, mit der sie fortwährend gegen die Querbalken geworfen wurden, vollkommen aufgescheuert.
Capitän Oilytt war wüthend darüber; er stieg selber in den unteren Raum hinunter, und als er den Zustand sah, in dem sich einige der Thiere befanden, fluchte und lärmte er auf eine entsetzliche Weise und schwur, er wolle den letzten Mann von der »Räuberbande«, die er jetzt an Bord habe, zu Tode – oder aus seiner Haut hinauspeitschen lassen, wenn auch noch einem seiner Thiere nur »das Fell geritzt würde.«
Capitän Oilytt hatte eine andere Tugend an sich – er trank. Nach dem Mittagstisch nahm er seinen »Verdauungstropfen«, wie er es nannte – ein Bierglas halb mit Brandy, halb mit heißem Wasser gefüllt und mit etwas Zitronensaft versetzt – er verschmähte Zucker. Dabei blieb es aber nicht. – Dem »Verdauungstropfen« folgte ein anderer und noch einer, bis sein Gesicht glühte und manchmal ordentlich Funken zu sprühen schien und in solchem Zustand sah er sich gewöhnlich nach ein wenig »Sport« oder Vergnügen, wie er meinte, um, und stieg auf Deck oder zu den Leuten hinunter. Gnade dann Gott dem, der ihm dort verkehrt in den Weg kam, oder Ursache zu Mißfallen gab. Er verschmähte es oft nicht, selber Hand anzulegen, und da er ein breitschultriger, schwerer Gesell und überdem Capitän des Schiffes war, also vor Gericht stets das Recht auf seiner Seite hatte, hüteten sich die Leute auch wohl, wo sie das nur irgend vermeiden konnten, mit ihm anzubinden, und gingen ihm lieber aus dem Wege.
Es war am achten Tag ihrer Ausfahrt von Sydney. Der Wind wehte ziemlich stetig aus SSO und der Boreas lief, jetzt einen Nord zu West Cours haltend, an der Küste Australiens vor einer herrlichen Brise hinauf. Der Capitän hoffte am nächsten Tag in Sicht der Riffe zu kommen, zwischen denen hinein er durch die Torresstraße seine Bahn suchen wollte.
Die Torresstraße ist jene, an Flächenraum ziemlich breite Straße, die im Süden von der nördlichen Küste Australiens, im Norden durch die große noch fast unbekannte Insel Neu-Guinea gebildet wird, aber dermaßen mit Inseln und Sandklippen überstreut und von Korallenriffen durchwachsen ist, daß die Passage, selbst bei günstigem Wetter, immer gefährlich bleibt und die größte Umsicht erfordert; bei stürmischem Wetter aber selten oder nie gewagt wird. Hierzu kommt daß gerade in dieser Gegend, vielleicht durch die vielen Inseln und die nahe so heiße australische Küste hervorgerufen, das Wetter höchst unbeständig ist, und Nebel und plötzliche Böen etwas sehr gewöhnliches sind, vor denen sich die Schiffer dann natürlich nicht genug hüten können.
Die Riffe selbst haben einen ebenso eigenthümlichen als gefährlichen Charakter. Sie bestehen einzig und allein aus Korallenfelsen; steigen aber nicht selten und besonders an diesem Theil der australischen Küste, über tausend Fuß steil und schroff, manchmal bis an die Oberfläche, manchmal diese nicht ganz erreichend, empor, nie aber so weit über dieselben emporragend, daß mehr als das Schäumen der auf ihnen überstürzenden Brandung sichtbar wäre, und dem Schiffer die Nähe seines gefährlichen Feindes verriethe. Hie und da nur lauscht zu Zeiten eine schwarze Felsspitze aus dem weißen Gischt des erregten Wassers empor, und kündet die Gränze irgend eines in einem schmalen Streifen vielleicht weit auszweigenden Riffs, während dicht davor, ja vielleicht selbst in dem Bogen den das eigentliche Riff umschließt, das ganz dunkelblaue Wasser die fast unergründliche Tiefe zeigt. An vielen Stellen ragen die Korallen bis zur Oberfläche empor, während dicht daneben und keine 20 Schritt davon entfernt, über 260 Faden, also 1560 Fuß, Tiefe sind.
Mit der australischen Küste von Süden nach Norden gleichlaufend, zieht sich nun eine förmliche Mauer dieser theils mehr, theils minder steil aufschießenden Riffe bis nach Neu-Guinea hinauf, und nur hie und da laufen schmale gewundene und natürlich höchst gefährliche Eingänge in diese Riffe hinein, an denen sich das Meer in seiner östlichen Strömung mit aller Kraft und Stärke bricht. In einigen Meilen Entfernung gesehen bieten sie dem Auge auch nichts als eine einzige, ununterbrochene Kette weißen Schaumes, die sich von Süden nach Norden in schneeiger, beweglicher Linie hinaufzieht, und erst dicht hinanfahrend entdeckt der Schiffer von seiner Vorbramraae aus hie und da einen schmalen dunklen Eingang, der zwischen den milchigen Massen hin auf die innere spiegelglatte und stille Fluth führt.
Macht aber wirklich das Schiff diesen schmalen Eingang, so ist immer noch nicht gesagt daß es darin auch weiter kann, daß dieser nämlich eine förmliche Durchfahrt in die tiefere innere Bay gestattet. Eine starke, gewöhnlich nach Nordwesten setzende Strömung droht ihm zugleich fortwährend in dem engen Fahrwasser, mit den nördlich von ihm liegenden Klippen, während er, dicht von Riffen eingeschlossen, sich vielleicht auf einer Tiefe befindet, in der seine beiden aneinander gesteckten Ketten nicht einmal Ankergrund erreichen würden.