Der Capitän war an dem Tage besonders mürrisch gewesen. Er hatte sich mit dem zweiten Steuermann, irgend einer Kleinigkeit in den Provisionen wegen, gezankt, oder diesen vielmehr einer Sache beschuldigt, die sich nachher als unwahr herausstellte, und aus Aerger darüber schien er mehr als seine gewöhnliche Zahl Verdauungstropfen zu sich nehmen zu wollen. Da fiel ihm aber möglicherweise ein, daß er an dem zweiten Mate doch vielleicht noch einen andern Haken finden könne, da dieser ja auch die Aufsicht über das Füttern und Halten der Pferde hatte. Er beschloß deshalb, einmal selber in den unteren Raum hinabzusteigen, und zu sehen wie sich seine Pferde befänden. Er rief den Steward, ihm mit einer Laterne zu folgen.
Jean stand am Ruder und Bill saß nicht weit davon auf dem Quarterdeck und besserte das dort ausgebreitete große Marssegel aus, das in der letzten Bö beschädigt worden war. Der zweite Mate, der bis jetzt daran mitgeholfen hatte, stand auf und ging nach vorn.
Hans und François, die beiden übrigen auf Wache, waren gerade im unteren Raum mit dem Füttern und Tränken der Thiere beschäftigt. Hans hatte sich wieder so weit erholt, daß er wenigstens herumhinken und die nothwendigsten Arbeiten mit verrichten konnte. Auch Jack war besser geworden, lag aber immer noch, zu schwach irgend etwas anzugreifen, zu Koje.
»Na, heut' Nachmittag wird's wieder was Schönes setzen«, meinte Jean mit halblauter Stimme zu Bill, der nicht weit von ihm saß, und nachdem er erst einen vorsichtigen Blick über Deck geworfen. – Der Mann am Ruder darf mit niemandem sprechen und von niemandem angeredet werden, damit er seine Aufmerksamkeit ungetheilt Compaß und Segeln zuwenden kann; »der Alte ist in vortrefflicher Laune, und wenn er erst noch ein paar »Tropfen« weggestaut hat, giebt's aller Wahrscheinlichkeit nach einen Wolkenbruch. Sollte mich gar nicht wundern, wenn er unten schon anfinge. – Dort hat er aber niemanden. François versteht nicht was er sagt wenn er schimpft, und Hans mukst nicht, und wenn er dem das Leder vollschlüge.«
»Das laß gut sein,« meinte Bill kopfschüttelnd, »Hans läßt viel mit sich machen; wenn es aber zum Aeußersten kommt, traut' ich ihm gerade weniger als jedem anderen. Er hat was im Auge was mir nicht gefällt, und muß seine ganz besonderen Gründe gehabt haben, in Sydney nicht mit fortzulaufen, denn aus Feigheit ist es wahrhaftig nicht geschehen.«
»Er hat Frau und Kind zu Haus,« entgegnete ihm Jean, »das wird der Grund gewesen sein.«
»Fällt ihm nicht ein,« meinte Bill kopfschüttelnd, »der hat so wenig eine Frau zu Haus wie ich und du. Nein, ich will dir sagen was er mir geantwortet hat, als ich ihn deshalb fragte – er meinte er hätte dem Capitän sein Ehrenwort gegeben an Bord zu bleiben, und das könne er nicht brechen.«
»Den Teufel auch?« rief Jean rasch und erstaunt – »das hätt ich Hans gar nicht zugetraut. – Es ist überhaupt ein sonderbarer Kauz, und so wenig er damit ausläßt, spricht er doch jedenfalls auch französisch. – Er versteht wenigstens alles, obgleich ich ihn nie zum Antworten bringen kann. Er weicht dann immer aus und meint die Zunge sei ihm zu schwer dazu. Ich glaub's aber nicht.«
»Manchmal kommt's mir vor als ob er gar kein Deutscher wäre,« sagte Bill. »Obgleich er sonst nur ganz gebrochen englisch spricht, sind ihm doch schon ein paarmal Worte herausgefahren, die mich ganz stutzig machten, und im Schlaf neulich will ich verdammt sein, wenn er nicht den einen Satz so rein englisch herausbrachte wie nur je Einer an den alten Kreideküsten Geborner. Nachher kam freilich eine Menge Kauderwälsch dazwischen das ich nicht verstand, wahrscheinlich »dutch.« – Hallo, da unten gehts los – hörst du's Jean?«
»Ich hab's mir vorneherein gedacht,« sagte dieser gleichgültig. – »Daß er dem Mate nichts anhaben konnte, war dem alten Höllenhund schon ein Dorn im Fleisch, und jetzt hat er denn richtig so lange herumgesucht, bis er sich ein anderes Vergnügen herausstöbern konnte.«