»Nun, laßt's Euch schmecken,« sagte der Mate, »und wenn Ihr das Fläschchen leer habt, steckt's hier in die Ecke, zwischen die beiden Balken hinein. Der Lump der Steward könnte wieder aufstehn und herunter kommen und wenn der's ausschnoperte, wüßte es der Capitän auch schon in den nächsten fünf Minuten.«
»Ist denn der Steward krank?« frug Hans erstaunt – »was fehlt ihm?«
»Alle Wetter, Ihr waret doch selbst mit unten und sollt ja das Pferd gerade auf ihn gehetzt haben, was ihn gebissen hat,« lachte der Mate leise.
»Oh, hat Ihn der Fuchs so derb gepackt gehabt« meinte Hans, kopfschüttelnd, »hm, hm – ja, Pferde beißen scharf, wenn sie einmal richtig zufassen – liegt er denn zu Bett?«
»Ja – aber ich kann jetzt auch nicht länger unten bleiben, ich habe die Wache an Deck, – also gute Nacht Hans« – und damit nahm er seine Laterne wieder in die Hand, und stieg die Leiter in die Höh, und Hans blieb im Dunkeln allein.
Am nächsten Morgen war der Wind ziemlich schläfrig geworden; das Schiff machte nur wenig Fortgang. Am vorigen Tag hatten sie dabei gar keine Observation bekommen, und auch heute verdunkelte sich gegen Mittag die Sonne. Der Logrechnung nach mußten sie allerdings dem südlichen Eingang der Riffe ziemlich nahe, d. h. fast auf einer Breite mit ihm sein. Wie aber der Wind jetzt stand, wäre es gefährlich gewesen zu nah an die Klippen anzulaufen, denn die Strömung setzte in dieser Jahreszeit stark dagegen. Befiel sie vor dem Eingang Windstille, so war die größte Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß sie gegen die Riffe getrieben werden mußten. Außerdem konnten sie dabei unter keiner Bedingung vor Anker gehen – mit ihrer längsten Lothleine hätten sie, dicht vor den Riffen, keinen Grund gefunden.
Der Morgen war so vorüber gegangen, ohne daß der Capitän auch nur ein Wort über den Gefangenen erwähnt hätte. Erst mit sechs Glasen (drei Uhr) gab er dem zweiten Mate den Befehl Hans an Deck zu bringen. In Süd-Westen stieg eine dichte Wolkenschicht auf, und es war jede Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß sie eine häßliche Nacht bekommen würden.
Hans war todtenbleich als er das Deck erreichte, aber vollkommen ruhig. – Er stieg durch die hintere Luke vor dem Mate die Zwischendeckstreppe hinauf, und blieb, auf ein Zeichen desselben, an der Nagelbank des großen Mastes stehen. – Hier aber, ob ihn sein Bein vielleicht noch schmerzte, oder er sich durch die Aufregung, in der er sich jedenfalls befand, erschöpft fühlte, aber er lehnte sich halb auf das neben ihm stehende Fleischfaß, und erwartete dort die Ankunft des Capitäns, der gleich darauf über das Quarterdeck herüber auf ihn zu kam.
Capitän Oilytt sah gerade das Gegentheil von Hans aus – er war glühend roth im Gesicht, und über der Stirn saß ihm ein breites und langes schwarzes Pflaster. Es war dieselbe Stelle, auf die ihn der jetzt in Eisen Geschlossene gestern getroffen. Seine Augen hafteten aber nur für kurze Zeit auf dem Gefangenen, der seinem Blick fest begegnete – er schaute unruhig über sein Schiff hinweg, nach den Segeln hinauf, nach den Wolken hinüber und befahl dann dem zweiten Mate mit heiserer fast nur halblauter Stimme all hands on deck zu rufen und aufs Quarterdeck zu bringen.
Die Leute kamen still und schweigend an und sammelten sich um Hans, Keiner aber, außer dem Zimmermann, ohne ihm nicht halb verstohlen und freundlich zuzunicken.