Fünf Minuten später rannten sie aber plötzlich fest. – Einzelne Korallenstämme stiegen hier überall aus der Tiefe auf, und der hinten am Steuer Sitzende konnte von dort aus solche Stellen auf dem blendenden Spiegel des Wassers nicht deutlich genug erkennen, sie zu vermeiden. François mit den englischen Ausdrücken nicht so vertraut, war auch nicht dazu geeignet und Hans nahm deshalb den Platz vorne, dicht am Bug ein, die nöthige Warnung zu geben, wenn irgend ein Hinderniß in ihrem Fahrwasser liegen sollte.
Sie mußten auch über eine halbe Stunde arbeiten von dem einzelnen Korallenbaum wieder abzukommen, der sie gerade in der Mitte unter dem Boot gefaßt hatte und festhielt, und so steil ringsum niederlief, daß sie mit ihren Rudern weder den Grund, noch ihr gerade unten befindliches Hinderniß erreichen konnten. Endlich gelang es ihnen den Bootshaken zwischen den Kiel und die Koralle zu bringen, und mit einem kurzen Ende Tau an der äußern Spitze der starken Stange hoben sie das Boot etwas, und konnten es seitwärts wieder in tief Wasser schieben. Hans paßte von da an sorgfältig auf, und sie näherten sich mehr und mehr dem tiefen Wasser des inneren Beckens.
Gerade an der letzten Wand oder Mauer die hier wieder zu einer beträchtlichen Tiefe niederschoß, hatten sie aber wohl den weitesten Canal verfehlt, denn hier starrten überall Korallenbäume empor. Sie mußten Segel bergen, daß sie nur langsam mit der Strömung hindurch liefen.
»Luff, Bill, Luff!« rief Hans, als sie auf diese »Barriere« (denn barrier reefs werden diese Felsen ja auch genannt) zuliefen, und sich hier von einem breiten Streifen gelbgrünen Wassers eingeschlossen sahen, aus dem überall oft wie dichtes Gebüsch, das zum Theil wunderlich geformten und verkrüppelten Bäumen glich, eine braune Korallenart emporschoß. »Luff, mehr noch, so halt, Steady jetzt – tiefer – tiefer – noch tiefer – Steady – Luff wieder – und nun Cours –« rief er, sich lächelnd nach Bill umdrehend, der sich die größte Mühe gab den so rasch wechselnden Befehlen zu folgen. »Allons, François, Segel wieder in die Höhe, wir sind jetzt sicher.«
»Donnerwetter, Hans, du jagst mich ja förmlich im Zickzack herum,« rief Bill, während er das Ruder von Steuer nach Backbord und wieder zurück brachte, »sind wir hinaus?«
»Frei und sicher in der Torresstraße eingelaufen« gab ihm Hans, viel fröhlicher, als er sich bis jetzt nur je gezeigt, zur Antwort. – »Wetter, Mann, als ich das letztemal hier war, dachte ich nicht, daß ich in einer Nußschale wie dies Ding hier, zurückkommen würde.«
»Bist du schon früher hier einmal durchgekommen?« frug Bill schnell und erstaunt.
»Dies ist das fünfte Mal, Camerad, und Ihr könntet keinen besseren Lootsen hier hindurch haben als mich. – Wäre der Capitän ein vernünftiger Mann gewesen, er hätte das Schiff da draußen nicht zu verlieren gebraucht – doch so ist's besser, und einmal flott, bekommen wir auch wieder festen Boden, oder was mir lieber wäre, ein anderes gutes Fahrzeug unter die Füße, mit dem wir weiter gehen können. Ist's aber nicht anders, so mögen wir auch getrost mit diesem kleinen Ding dem Monsun folgen. Wie die Jahreszeit jetzt hier ist, wollte ich in einem Canoe von hier nach Batavia oder Singapore laufen.«
»Hör' einmal Hans,« sagte aber jetzt Bill, der ihm die ganze Zeit schweigend zugehört hatte – »ich wollte dich schon lange – aber Wetter noch einmal, wo steuern wir denn jetzt hin? der verdammte Schuft von Capitän hat uns nicht einmal einen Compaß gelassen, und ich halte da immer ins Blaue hinein.«
»Hier ist einer,« sagte Hans und löste ein Band von seinem Nacken los, an dem eine kleine wunderzierlich von Kupfer gearbeitete und mit Gold eingelegte Kapsel hing – »gebrauch den so lange, er thut's wenigstens zur Noth und steuere nur einen Westsüdwest-Cours, bis wir Land in Sicht bekommen.«