»Desto besser,« erwiderte Hans, »dann schießen sie noch einmal, und die Schwarzen hier herum erfahren um so deutlicher, daß auf dem Wasser noch andere Weiße sind, die sich um ihre Landsleute bekümmern.«
Das Zeichen wurde deshalb nicht erwidert, die regelmäßige Wache aber mit jeder nur möglichen Vorsicht gestellt. Hans selber übernahm die Morgenwache, weil diese von den wilden Stämmen fast stets zur Zeit ihrer Angriffe gewählt wird, wenn sie überhaupt etwas Bösartiges und Feindliches im Sinne haben. Die Nacht verging aber, wirklich wider Erwarten, vollkommen ruhig. – Sie hörten das Ku-ih der Wilden wohl nach verschiedenen Richtungen hin in den Büschen, aber Niemand belästigte sie, und mit dem ersten Dämmerschein des jungen Morgens hatte Hans schon seine beiden Cameraden geweckt und munter, jedes Angriffs gewärtig.
Eine halbe Stunde hatten sie so zusammen gesessen und eben ihr Frühstück beendet, um mit vollem Tageslicht zum Aufbruch fertig zu sein. Der Tag war auch nicht mehr fern, denn der östliche Himmel deckte sich schon mit einem rothglühenden Schein. Da hörten sie plötzlich in einem kleinen Pandanusdickicht dicht bei, Schritte, und gleich darauf, die Gewehre im Anschlag und lautlos das Näherkommen des Gegners erwartend, trat keineswegs ein Feind, sondern niemand weiter als ein einzelner, nur mit seinem kurzen Speer und dem Wurfholz bewaffneter Schwarzer aus den nächsten Büschen. Dieser kam aber allem Anschein nach ganz unbekümmert um die Anwesenheit der Weißen, den Blick nur auf das Feuer gerichtet, auf sie zu, und stand wirklich schon zwischen ihnen, dicht vor den glimmenden Kohlen, ehe er nur einmal aufschaute. Die Wirkung aber war auch fabelhaft.
Einen Blick nur warf er umher. Dann aber, als er entdeckte in wessen Nachbarschaft, ja in wessen Gewalt er sich befand, vielleicht zur selben Zeit auch halb seiner Sinne beraubt, in dem einen entsetzlichen Gedanken dem Devil Devil, oder sonst einem anderen Ungethüm seiner Heimath in die Hände gerathen zu sein, lief er, wie es eine Katze unter ähnlichen Umständen gethan haben würde, in fast wunderbarer Schnelle an dem ihm nächsten Gumbaum empor, wo er in dem höchsten Wipfel desselben, und so weit wie ihn das Holz nur tragen konnte, regungslos stehen blieb.
Daß dieser Schwarze nichts Böses gegen sie im Schilde geführt, ja ihre Anwesenheit nicht einmal geahnt, und ihr Feuer für das seines eigenen Stammes oder seiner Bekannten gehalten, war natürlich, und die jungen Leute suchten ihn nun durch Zureden, durch Winken und Schwenken von Büschen zu überzeugen, daß er von ihnen nichts zu fürchten habe, und ruhig und ungehindert herunterkommen möge. Umsonst – wie eine aus schwarzem Marmor gehauene Statue stand er starr und regungslos oben in dem Baumwipfel. Kein Lärm der unten gemacht werden konnte, schien ihn zu bewegen auch nur das geringste Lebenszeichen von sich zu geben, und selbst als Hans jetzt sein Gewehr aufgriff, seine beiden Signalschüsse abzufeuern und Bill zugleich mit dem Boot zum Strand zu rufen, blieb er noch in seiner Stellung da oben, als ob er zu dem Baum gehöre, und mit ihm, als wunderliche Frucht, aus der Erde aufgewachsen sei.
»Hol' den Burschen der Henker,« rief François endlich ungeduldig – »wir wollen ihm doch zeigen daß wir ebenfalls klettern können, und im Stande wären ihn herunterzuholen, wenn wir ihn nur haben wollten« und damit lehnte er sein Gewehr gegen einen umgefallenen Stamm, und fing an den ihm nächsten Baum hinaufzuklimmen. Er war aber noch nicht seine eigene Länge vom Boden auf, als der Wilde plötzlich bewies, er sei weder taub noch stumm. Er schrie und »birrrrte,« ku-ichte und hallote und machte in der That jede Art von Spectakel, die er da oben möglicherweise machen konnte, und das alles mit solcher Energie, daß François erschreckt wieder niederglitt und zu ihm aufschaute.
»Der Bursche wird uns den ganzen Stamm über den Hals ziehen,« fluchte Jean – »ich glaube er schreit Beschwörungsformeln von da oben herunter, daß wir ihn nicht fressen sollen. – Seht nur wie er spuckt und prustet. – Es wird uns nichts übrig bleiben als ihm eine Kugel durch den Kopf zu schießen. Wer weiß überhaupt, ob er nicht mit zu den Schuften gehört, die gestern Morgen ihr Bestes versuchten uns zu ersäufen, und der Spectakel da oben nur die Folgen seines bösen Gewissens sind.«
»Horch – das war ein Antwortschuß vom Boot!« rief Hans dagegen. – »Kommt, laßt dem armen Teufel Raum vom Baum hinunter und ins Freie zu kommen; er hat Angst genug ausgestanden, und sein Tod könnte uns wenig nützen. Wir sind sicher nicht weit mehr vom Strand entfernt, und können ihm das Vergnügen, sich einmal ordentlich auszuschreien, schon gönnen.«
»Und unter der Zeit brüllt uns der Bursche die ganze Nordküste zusammen,« fluchte Jean.
»Nun, so laß ihn,« lachte Hans, »sind wir erst auf offenem Strand, wagt sich keiner der schwarzen Burschen an uns. Hier dagegen, wenn wir länger blieben, wären wir allerdings leichter einem Angriff ausgesetzt. Ueberdies wird das Boot jetzt so rasch herankommen, wie es Bills und Timors Ruder bringen können, und je eher wir das erreichen, desto besser.«