»So nehmen Sie eine ungeladene,« rief Dumfry, schon ungeduldig werdend – »Herr, Sie werden sich doch nicht vor einem leeren Stück Eisen fürchten?«

»Fürchten?« sagte Jener, »wer sagt Ihnen, daß ich mich überhaupt fürchte? ich fürchte mich vor gar Nichts, ich mag aber mit Gewehren Nichts zu thun haben, weil ich nicht damit umzugehen weiß – ist die auch wirklich ungeladen?«

»Nicht einmal ein Pfropf drin!« brummte Dumfry, »hier – nehmen Sie und machen Sie, daß wir fortkommen, die schöne Tageszeit vergeht sonst, und es ist besser, das wir noch vor Dunkelwerden wieder an Bord sind.«

»Nehmen Sie?« sagte der kleine Mann unwillig, »womit denn? sehen Sie denn nicht, daß ich beide Hände voll habe? kommen Sie, hängen Sie mir, wenn es denn absolut sein muß, das verwünschte Ding über den Hals, habe ich aber ein Unglück damit, so können Sie sich darauf verlassen, daß ich mich in Sidney auch an Sie halten werde.« Und er bog dabei seinen Kopf gegen Dumfry nieder, als ob er einen widderartigen Anlauf gegen ihn nehmen wollte. Dieser hing ihm denn auch ohne weiteres die keineswegs leichte Waffe mit dem Riemen über den breiten Nacken und sprang dann leicht und flüchtig in das Boot hinab, wo indessen zwei Matrosen – Bill, der Ire, und Ned, der Sträfling, Platz genommen und die dort liegenden Ruder ergriffen hatten.

Diese gewahrte der Capitän kaum, als er sie ärgerlich anfuhr:

»Hinaus mit Euch, Ihr Canaillen – wer hat Euch hier hergeschickt? mit hinüberfahren, eh? und dann nachher Fersengeld geben und neuseeländische Uniform tragen? so? ganz allerliebst abgekartet. Hinauf mit Euch, sag' ich, Hallunken, – die Ruder hingelegt.«

»Aber Master Tomson,« nahm Bill das Wort – »ist es denn nicht Bill und Ned hier, die ein Ruder zu führen wissen? und haben wir nicht, acushla machree, bloß aus besonderen –«

»Will die rothhaarige Bestie an Deck?« rief Tomson, in wilder Wuth auffahrend - »Alle an Deck hier!« schallte gleich darauf sein heftig gegebener Befehl bis in die entferntesten Theile des kleinen Fahrzeugs; »jetzt will ich den Hund sehen, der nicht gehorcht.«

Bill O'Leary war zu klug, jetzt noch einen Augenblick zu zögern, da er die Folgen der Widersetzlichkeit in solchem Falle nur zu gut kannte; er kletterte deßhalb rasch an Deck zurück. Auch Ned hielt nur noch einen Moment das schon ausgelegte Ruder krampfhaft mit beiden Händen fest, zog es dann, ebenfalls wie sein Gefährte, wieder herein, und folgte ihm, wo er von seinem Offizier mit Flüchen und Drohworten empfangen und überschüttet wurde. Deren schien er aber wenig zu achten, sondern schob nur die Hände in seine Jackentasche und trat mürrisch hinter die übrigen Seeleute, die sich jetzt, nach dem letztgegebenen Befehl, um ihren Führer gesammelt hatten. Es waren, mit dem Koch und Stewart, einem aus den vereinigten Staaten entflohenen Neger, zehn stattliche, kräftige Gestalten, größtentheils in blauflanellnen Hemden, weißen Segeltuchhosen und runden niederen Strohhüten; nur der Neger trug ein brennendrothes Hemd und Bill O'Leary und Ned, der Sträfling, der eine die gewöhnliche blaue, der andere seine gelbe Strafjacke.

»So, Ihr Seelöwen« – fuhr sie jetzt der Steuermann, nach einem wilden Blick auf die Schaar, an, die jedoch recht gut wußte, daß er es keineswegs so bös meine, und nur gesonnen sei, bei solcher Gelegenheit die nöthige Autorität zu zeigen. »Ihr bleibt jetzt hier ruhig vor Anker liegen, bis wir wieder zurückkommen – was hoffentlich noch vor Abend geschieht. Nach Dunkelwerden laßt kein Boot heran, ohne mein Zeichen. Ihr kennt es schon; auf Alles andere, was sich still und heimlich nähern will, gebt Feuer – verstanden? – Und Du Ned – hier vorneher, wenn ich mit Dir rede, Bursche – Du verhältst Dich ganz ruhig und muckst nicht, sonst freu' Dich, wenn wir wieder nach Sidney kommen. Solltest Du übrigens Lust haben, ein Bischen ans Ufer zu schwimmen, so steht Dir das ganz frei, ich möchte Dich nur darauf aufmerksam machen, daß Dir dann die Wahl bleibt, entweder von den Haifischen unterwegs – siehst Du, da drüben schwimmen schon ein Paar, oder von den Neuseeländern am Lande verzehrt zu werden; der ganze Unterschied bleibt nachher der, daß Dich die einen ohne und die anderen mit Salz fressen. Uebrigens« – wandte er sich plötzlich an den Zimmermann, der in Abwesenheit Tomson's gewöhnlich den Befehl führte – »schießt Ihr jeden Schuft ohne weiteres auf den Kopf, Bob, der Miene macht das Fahrzeug in meiner Abwesenheit zu verlassen; wir befinden uns hier an einer feindlichen Küste, und da gelten die Kriegsgesetze – verstanden?«