Der Platz schien auch wirklich völlig unbesucht, ja nach dem zu urtheilen, was man sehen und erkennen konnte, noch nie von menschlichem Fuß betreten; trafen sie also nicht gleich bei ihrem ersten Ausmarsch Wilde an, so ließ sich jetzt doch wenigstens mit Wahrscheinlichkeit vermuthen, daß sie dann, sollte ihre Ankunft auch später bekannt werden, ihren Plan ausführen und zu ihrem Fahrzeug zurückkehren konnten, ehe nur irgend Jemand ahnte, was sie wirklich beabsichtigten.
Dumfry hatte sich übrigens schon bei seinem ersten Betreten des festen Landes das Gesicht verhüllt und theilte ihnen jetzt mit wenigen Worten den Plan mit, den er zu befolgen gedachte. Zugleich machte er sie darauf aufmerksam, daß dieser Bach, in dessen Mündung sie eingelaufen – und der auch in dem Lehnsbrief unter dem Namen Ta-po-kaï aufgezeichnet stand – derselbe sei, welcher die nördliche Grenze des fraglichen Landstrichs bilde.
An diesem hinauf lag jetzt vor allen Dingen ihre Bahn, denn die westliche Linie war gerade die schwierigste zu bestimmen. Dumfry hatte deßhalb, wie er sagte, seinen Tomahawk mitgenommen, um einzelne Bäume selbst zu bezeichnen und es dem späteren Eigenthümer dadurch möglich zu machen, den Ort wiederzufinden und eine genaue Scheidungslinie zu ziehen. Ohne weiteres Zögern schritt er denn auch jetzt den beiden Männern voran, in den dunkeln, schweigenden Urwald hinein und dicht hinter ihm, den Hut fest in die Stirne gedrückt, eine der beiden schweren Pistolen in der Hand, die andere, mit der linken gehalten, im Gürtel, folgte Tomson. Van Broon, seine eigne Flinte auf dem Rücken, mit der er alle Augenblicke in den unzähligen Schlingpflanzen hängen blieb, bildete den Nachtrab, schien aber mit diesem Platz keineswegs einverstanden zu sein, denn es hatte ihm, wie er meinte, etwas Unheimliches, so ganz zuletzt zu kommen und gar nicht zu wissen, ob nicht irgend ein wilder Cannibale hinter ihm drein krieche und heimtückischer Weise mit irgend einem vielleicht gar vergifteten Pfeile auf ihn ziele. Ganz vorn zu gehn, wie es ihm Dumfry lächelnd anbot, lehnte er jedoch auch, und zwar auf das Bestimmteste ab, denn er betheuerte, nicht um noch so viele Schatzhebungen in jeden dunklen Busch hineinspringen zu wollen, ohne denselben vorher mit größter Genauigkeit untersucht und visitirt zu wissen. Es blieb also kein anderer Ausweg, als ihn in die Mitte zu nehmen, und auf solche Art setzten sie denn auch, immer dem Lauf des Baches folgend, ihre Bahn ruhig und ungehindert fort, ohne daß ihnen irgend etwas Auffallendes oder gar Gefährliches begegnet wäre.
Ihr Weg lag großentheils durch dichtbewaldete Niederung, und der buntbeschwingte Papagei und andere Arten kleiner Singvögel waren ihre einzigen Begleiter und füllten den hohen Waldesdom mit ihrem heiteren sonnigen Leben. Endlich erreichten sie höher gelegenes Land, und hier schien auch die Vegetation weniger üppig zu sein; auf jeden Fall fanden sie dann und wann offene Waldstellen, die ihnen erlaubten schneller vorzurücken. Dafür aber trafen sie jenes kräftige, der Insel eigenthümliche Farrenkraut, das an manchen Orten wirklich gürtelhoch wuchs und Dumfry blieb plötzlich, am Rand einer kleinen Prairie, die mit Nichts als solchem Kraut bedeckt war, stehen und erklärte, daß sie hier den Bach verlassen und dem Hügelkamm folgen müßten, den sie jetzt erstiegen hätten. Von hier aus begann die westliche Linie des verkauften Landstrichs und einige mit dem Tomahawk rasch gefällte junge Bäume, die eine niedere, breitwüchsige Palme umstanden, sollten für spätere Jahre das Erkennungszeichen sein.
Dieser Hügelkamm aber, dem sie von jetzt an folgen mußten, war üppig mit dem unvermeidlichen Farrenkraut bedeckt, und dieses wuchs und wucherte an einigen Stellen so hoch und dicht, daß sie es im Anfang kaum durchdringen konnten und mehrmals Orte fanden, die sie förmlich umgehen mußten, bis sie endlich einen schmalen indianischen Pfad trafen, der ganz dieselbe Richtung zu laufen schien, die sie zu nehmen beabsichtigten. Dumfry mußte ihn auch gekannt haben, denn er hatte vorher, ohne jedoch seinen Begleitern etwas davon zu sagen, in einem rechten Winkel wirklich danach gesucht.
Das Land hob sich hier nicht unbedeutend, und obgleich sie gerade keinen bestimmten Berg erkennen konnten, da vor ihnen wieder ausgedehntere Waldungen sichtbar wurden, so kamen sie doch jetzt zu immer steileren und schroffer aufsteigenden Abhängen, von denen sprudelnde Wasser dunkle Schluchten hinab schäumten und sprangen. Schweigend verfolgten sie jedoch ihre Bahn den schmalen Pfad entlang, und hatten eben wieder eine etwas größere Farrenkrautfläche erreicht, die hier die Kuppe des einen, rings von Thälern umschlossenen Berges zu bilden schien, als Tomson einen lauten Ruf ausstieß und Van Broon im nächsten Augenblick, da Dumfry plötzlich stehen blieb, heftig und erschreckt gegen diesen anrannte.
Dumfry, der in der letzten Zeit, und hier wohl keinen Beobachter fürchtend, die Matte von seinem Gesichte zurückgeschlagen hatte, fuhr zusammen, verhüllte sich rasch den Kopf wieder und riß, als ob, trotz allen seinen Betheuerungen vom Gegentheil, eine Gefahr hier doch nicht zu den Unmöglichkeiten gehöre, die Flinte empor. Vergebens blickte er aber forschend nach allen Seiten umher, es ließ sich Nichts erkennen und nur Tomson stand, die eine seiner Sattelpistolen gespannt vor sich hinhaltend, da, und schaute aufmerksam in das Farrenkraut hinein.
»Was giebt's, Sir?« rief ihn da Dumfry ungeduldig an, »haben Sie irgend Verdächtiges gespürt oder gehört?«
»Es fuhr mir etwas dicht in meinem Fahrwasser über den Pfad!« erwiederte der Seemann, ohne jedoch den Blick von der Stelle zu verwenden, wo das unbekannte Wesen verschwunden sein mochte.
»War es ein Mensch?« frug Dumfry schnell.