Als sich Tomson und Van Broon, die auch in der That schnell genug wieder auf die Füße sprangen, von ihrem Fall erholt hatten und jetzt überrascht umherschauten, war Dumfry verschwunden und sie selbst standen, keines Weges kundig, allem Anschein nach aber von Gefahr umgeben, und wie Van Broon fürchtete, schon von einer unbestimmten Anzahl grimmer Menschenfresser umringt, in der öden Wildniß da.
Was jetzt thun? den Führer erwarten, oder ohne weiteres das Boot wieder aufsuchen und entfliehen? Van Broon stimmte unbedingt für das letzte, Tomson entschied sich dagegen für das erste und behauptete nicht mit Unrecht, sie könnten vielleicht, wenn wirklich Feinde in der Nähe lauern sollten, den Verdacht derselben gerade durch einen voreiligen Rückzug erregen, und es war dann fast gewiß, daß sie, des Waldes unkundig, abgeschnitten würden, ehe sie im Stande wären ihr Boot zu erreichen.
Hier jedoch, mitten im Wald, wo ihr Blick nicht einmal zwei Schritte weit ins Dickicht drang, und der Feind sich leicht bis dicht an sie anschleichen und seine tödtlichen Pfeile aus sicherem Hinterhalt auf sie abfeuern konnte, ruhig stehen zu bleiben, schien fast ebenso wenig rathsam, und Tomson wandte schon, nur bei dem bloßen Gedanken daran, unruhig den Kopf, welcher Bewegung denn Van Broon blitzesschnell folgte, als ob er nichts Geringeres erwartete, wie seine entsetzlichsten Befürchtungen verwirklicht zu sehen.
Da raschelte es wieder im Dickicht; während jedoch der Seemann, fest entschlossen, sein Leben so theuer zu verkaufen als möglich, die indessen wieder geladene Pistole dorthin gerichtet hielt, traf der leise, wohlbekannte Pfiff Dumfry's sein Ohr, und gleich darauf glitt die verkleidete Gestalt desselben gerade da wieder in den Pfad, wo sie vorhin so rasch und unerwartet verschwunden war.
Er hatte die Matte wieder zurückgeschlagen, und sein Antlitz sah bleich und angegriffen aus, ohne aber auch nur einen Augenblick Zeit zu verlieren, ja selbst ohne eine einzige, der an ihn gerichteten Fragen zu beantworten, winkte er den Gefährten, ihm zu folgen und schritt, so rasch es die dichten Strauchbüsche erlaubten, in dem schmalen Pfad voran. Es dauerte übrigens nicht mehr lang, so erreichten sie den Waldrand wieder und verließen damit wenigstens die hemmenden Farrenkräuter, obgleich umgestürzte Bäume, dornige Cyanen und dichtes Unterholz ihren Fortgang dennoch sehr aufhielten. Aber auch diese lichteten sich endlich, als sich Dumfry jetzt plötzlich einer kahlen Steinfläche zuwandte, und von dieser aus eine schroff und fast kahl emporsteigende Bergspitze rasch emporkletterte. Tomson und Van Broon schienen erst unschlüssig, ob sie ihm da hinauf folgen sollten; sein ungeduldiger Wink rief sie aber bald nach, und sie standen wenige Minuten nachher auf einem schmalen, wunderlich geformten und von allen Seiten fast schroff empordämmenden Felskegel, der sie über dem riesigen Wuchs des Urwalds erhob, und von dem sie, wenigstens einen kleinen Theil der Insel, wie das sie umgürtende Meer überschauen konnten.
Der Anblick war wundervoll; das dunkle Grün der Bäume, nur hie und da von dem lichten Grau einzelner Farrenstrecken durchbrochen, deckte wie mit einer festen, undurchdringlichen Masse das Land, und dicht hinangeschmiegt, und von dem klaren funkelnden Sonnengestirn überstrahlt, lag das blaue, ätherreine Meer. Unfern der Küste aber, von dem weißschäumenden Streifen der Korallenriffbrandung eingeschlossen, schaukelte der »Kasuar,« während weiter hinter ihm, und hie und da die einförmige Stille des Horizonts unterbrechend, einzelne Segel sichtbar wurden, die mit der frischer wehenden Briese rasch und lautlos dahinglitten.
Der Himmel war rein und wolkenlos, nur im Süden lagerte auf den düsteren Waldschichten ein durchsichtiger, rosenfarbener Nebel, der von einem etwas dunkleren Hintergrund begrenzt schien.
Der Felskegel selbst war kahl, nur an seinem einen Rand hing ein dichtes Gewirr von wildverschlungenen Blumen, aus denen einzelne niedere, aber dichtbelaubte Sträucher emporstiegen und nach dieser Richtung hin die Aussicht gegen die im Innern gelegenen Berge zu abdämmte.
Wenn nun aber auch unsere drei Freunde, sobald sie die höchste Kuppe erreicht hatten, forschend und aufmerksam die Blicke nach allen Richtungen hinschweifen ließen, so schien doch Keinen, obgleich Alle von verschiedenen Gefühlen bewegt wurden, die Scenerie selbst zu interessiren, wenigstens verrieth kein Laut der Bewunderung, kein einziger Ausruf, kein Wort der Mittheilung, daß sie sich des wunderherrlichen, sie umgebenden Panoramas auch nur bewußt waren. Van Broon suchte nur rings umher ihre nächste Umgebung zu erforschen, ob sie nicht unmittelbare Verfolger zu fürchten hätten, und Dumfry, der im Anfang seinen Blicken folgte, seine Untersuchung aber deßhalb schneller beendete, da er genau die Gegend wußte, in der ihnen Gefahr drohen konnte, schaute weiter aus, und schien sich mit den nächsten auf ihrer Bahn liegenden Landmarken vertraut zu machen, indessen Tomson gar nicht auf das Land achtete, sondern nur mit den Augen den Horizont überflog, zuerst sein eigenes kleines Fahrzeug beobachtete, wie es ruhig und friedlich mit den scharf gezeichneten Masten in der Bai lag, und dann aufmerksamer, als es der Gegenstand zu verdienen schien, nach dem Nebel sah, der von Süden aus nach West und Ost in kleinen, dunstigen Strahlen hinüberstrebte.
»Tomson – sehen Sie dort drüben jene dunkle Bergkuppe?« brach Dumfry endlich das Schweigen – »gleich links von dem helleren Grün jener einzeln stehenden Palmengruppe?«