»Ungehindert?« rief er trotzig, und schaute mit wildem und doch besorgtem Blick nach dem südlichen Horizont hinüber – »seht dort das aufsteigende Wetter an, und sagt dann noch einmal, daß es ungehindert geschehen wird. Seeschlangen und Eisbären! wenn der Sturm dort unser kleines Fahrzeug an jenen verdammten Riffen überrascht, möchte ich keinen Schilling für Alles, was an Bord lebt, geben.«
»Will Euch Euer Gott strafen, daß Ihr den Frieden dieses Landes gebrochen,« sagte der Wilde ruhig, »was kümmert das mich. Ich war es nicht, der Euch hierhergerufen.« Und ohne die Gefangenen weiter eines Blickes zu würdigen, wechselte er einige Worte mit seinen Leuten, und schritt diesen langsam voran in das Dickicht, wohin ihm die Schaar, die Gefangenen in der Mitte, folgte.
Die Sonne sank – im Westen deckten nur leise, purpurne Dunstschleier den Horizont, düster aber und schwarz von dem Wiederglanz der scheidenden Strahlen, thürmten sich im Süden immer dichtere, undurchdringlichere Wolkenmassen empor. Was der Tag und die sengende Gluth seines Gestirns bis dahin niedergehalten, quoll jetzt in nicht mehr dämmbarer Gewalt höher und höher. Aber nicht rasch stürmte es herbei, wie die jähen Gewitter des Golfstroms, mit ihren daherjagenden Böen und Wirbelstößen, langsam kämpfte es seine Bahn herauf, gegen den heißen Nord, langsam aber sicher gewann es sich jeden Fuß breit Bahn, und die Wasser der Bai, als ob sie den nahen und fürchterlichen Kampf der Elemente ahneten, schmiegten sich leicht zitternd an das Ufer an, und hoben nur manchmal, in kleinen, ängstlichen Spritzwellen die Häupter, um zu sehen, ob der gefürchtete Gegner noch nicht nahe, und sie aufrüttele aus ihrer stillen, friedlichen Ruhe.
Delphin und Schwertfisch zogen sich in ihre dunkle Tiefe hinab, und das Albatroß selbst suchte, die schweren, mächtigen Fittiche hebend, den Schutz des festen Landes, während nur noch »Mutter Careys Küchelchen,« die flüchtige Sturmschwalbe der Meere, in leichten Kreisen über die Wogen strich, und mit den nach ihr aufspritzenden Wassern zu spielen schien.
Rasch, wie der Tag entstanden, sank er in Nacht zurück, graue Dämmerung, durch all' die schwarzen, empordrängenden Nebelschichten nur noch unheimlicher und düsterer gemacht, hüllte bald den stillen Wald in ihren grauen Schleier, und Meer und Luft verschmolzen zu einer ununterscheidbaren Masse.
Nur der leuchtende Schaum einzelner Wellen stach weiß und geisterhaft gegen seinen dunklen Hintergrund ab, und durch das leise, kochende Gähren und Brausen, aus all' der Nacht und Finsterniß hervor, strahlte das helle, einzelne Licht des fernen Schooners, während drei, rasch nach einander abgefeuerte Schüsse die fernen Freunde vor der nahen drohenden Gefahr warnten.
Da glitt aus der sicheren, schmalen Mündung des Ta-po-kaï, zwischen den weit überhängenden, schaukelnden Zweigen vor, eines der langen, scharfgebauten, neuseeländischen Canoes, deren Führung die Eingeborenen mit so meisterhafter Hand zu leiten wissen. Acht Männer saßen an den Rudern, doch mit den Gesichtern nach vorn, und die Ruder frei in den Händen, während Heki, seinen Stab noch immer in der Rechten, mit der Linken dagegen das hohe, mit Albatroßfedern gezierte Steuer regierend, aufrecht im Stern des Canoes stand und den Lauf des flüchtigen Bootes lenkte. Im Boden desselben, und dicht vor dem Häuptling, lagen drei dunkle gebundene Gestalten, aber kein Wort kam über ihre Lippen, schweigend starrten sie zu dem, drohend über ihn ausgespannten Firmament empor, und ebenso lautlos tauchten die Eingeborenen ihre Ruder in die nur leise zischenden Wogen, über die sie mit Pfeilesschnelle dahinschossen.
Es war Ebbe und die Strömung trug sie ihrem Ziel gerade entgegen, doch hielt der Steuernde nicht gerade auf das Licht zu, sondern ließ dasselbe eher zur rechten liegen, als ob er durch den engen Kanal in die offene See hinausfahren wollte. Tomson mußte auch wohl einen solchen Verdacht gefaßt haben, denn er hob mehre Male ängstlich den Kopf und starrte nach seinem Fahrzeug hinüber; endlich konnte er es aber nicht länger aushalten, und versuchte sich mit einem leise gemurmelten Fluch emporzurichten. Da wandte sich der, dicht vor ihm kauernde Insulaner rasch nach ihm um, und das drohend gehobene, schwere Ruder verrieth nur zu deutlich, was ihm bevorstehe, wenn er sich jetzt einer Macht nicht geduldig füge, der er doch keinen Widerstand zu leisten vermochte. Van Broon lag, halbtodt vor Angst und Entsetzen, neben ihm – wer aber konnte die dritte, regungslose Gestalt im Boote sein? Hatten die Wilden ihrer Rache wirklich entsagt, oder – großer Gott, war es gar die Leiche Dumfry's, die sie – nein, der Körper lebte und bewegte sich, doch weiter vermochte der Seemann Nichts zu erkennen. Seine Aufmerksamkeit wurde auch jetzt zu sehr auf den Schooner selbst gelenkt, denn der Bug ihres Canoes neigte sich plötzlich diesem zu, und hielt gerade darauf hin.
Jetzt schienen aber auch die Geister des Sturmes zum ersten Mal die Fesseln zu brechen, die sie bis dahin in Schranken gehalten; ein greller Blitz erleuchtete mit fast mehr als Tageshelle das südliche Firmament, die hochaufkochenden Wasser, und während noch der Donner in weiter Ferne nachrollte, kam der brausende Orkan jubelnd und jauchzend über das Meer daher, griff wie im Spiel die zurückschreckenden Wogen auf, und trug ihren glänzenden, funkelnden Schaum hoch mit sich in die wirbelnde Luft hinein.