Das Canoe arbeitete sich indessen mit rasender Schnelle durch und über den gährenden Schaum hin, der die ganze See bedeckte. Schon konnten sie die dunklen Umrisse des Kasuar selbst erkennen, und in dem nämlichen Augenblick, als ein zweiter blendender Strahl sein weißes Licht über das Meer goß, glitt es dicht an die Bulwarks des, noch vor seinem Anker reitenden Schooners hinan. Im Nu war es am Bug desselben befestigt, und die wachthabenden Matrosen fuhren entsetzt empor, als plötzlich, wie der stürmischen Tiefe entstiegen, dunkle, geisterhafte Gestalten an ihren Bord sprangen. Wohl griffen sie, kaum etwas anderes, als einen nächtlichen Ueberfall der Wilden ahnend, und zum Tod erschreckt, zu Allem, was ihnen nur als Wehr und Waffe unter die Hände kam. Ehe sie aber selbst im Stande waren, das recht zu begreifen, was um sie her vorging, erschütterte plötzlich ein heftiger Stoß den zitternden Schooner bis in seinen Kiel hinab. Zu gleicher Zeit, ja fast in demselben Moment, gellte ein wildes, dämonisches Jubelgeschrei in ihre Ohren, und der dunkle Schatten des schlanken Canoes schnellte plötzlich wieder von ihrem Fahrzeug zurück, in die weiße, zischende Fluth. Trotzig bäumten sich die in zürnendem Unmuth anwachsenden Wogen darum her, und griffen mit den zerrinnenden Armen danach, doch unberührt von dem Allen, und still und regungslos, wie sie gekommen, stand die hohe, dunkle Gestalt am Steuer, die Ruderer arbeiteten, und das Canoe schoß, wie von Geisterhand getragen, durch den aufgerüttelten Grimm des tobenden Elements.
»Hülfe!« ächzte in diesem Augenblick Van Broon, der durch das Steigen des Schooners von dem Platz wo er lag, gegen die Bulwarks angeworfen wurde und jetzt nichts anderes glaubte, als er läge schon über Bord – »Hülfe – Hülfe!«
Die Matrosen trauten kaum ihren Sinnen, als sie die bekannte Stimme hörten, der Ruf ihres Capitäns riß sie aber bald aus ihrem ersten stummen Staunen.
»Alle an Deck!« schrie er. »Alle an Deck, und hier – Bill, Ned – Bob – Donnerwetter ist keiner der Hallunken da – bindet uns los hier – verdamm Euere Augen, hört Ihr nicht?«
Rasch sprangen die ihm nächsten hinzu, und wenn sie auch nicht begreifen konnten, was hier vorgegangen, ja kaum, wie ihr Capitän eigentlich an Bord gekommen sei, so ließ ihnen die Gefahr des Augenblicks doch keine Zeit zu Fragen und Erstaunen – hier galt es nur zu handeln, und schnell banden sie die Stricke los, mit denen die drei Gefangenen umwunden waren. Da erhellte wiederum ein zuckender Strahl das Meer – Tomson's, wie fast aller Uebrigen Blicke fielen neugierig auf die dritte Gestalt, die noch immer laut- und regungslos zwischen ihnen stand, und das Erstaunen läßt sich denken, mit dem sie fast zu gleicher Zeit ausriefen – »Ned – der Sträfling!«
Obgleich nun Tomson allerdings nicht begriff, wie der Sträfling sowohl ans Ufer, als auch in ihr Boot gekommen sein könne, so wurde ihm doch jetzt auch plötzlich klar, daß es eben dieser Bube sein müsse, der sie verrathen und ihren Feinden überliefert hätte. Die Sorge um sein Fahrzeug ließ ihm aber für den Augenblick keine Zeit zu solchen Betrachtungen.
»Segel los« – schrie er – »Pest und Teufel, wir treiben – die heillosen Schufte haben unser Ankertau durchgehauen – steht bei dem Gaffelsegel, ihr Leute – die Brefock auf – steht bei, sag' ich – Schufte die Ihr seid« – und rasch, unter wild gegebenen Befehlen und Flüchen sprang der würdige Seemann selbst ans Steuerruder, während die Matrosen, in der eigenen Gefahr Alles übrige um sich her vergessend, nur den Schooner vor dem ihm drohenden Verderben zu bewahren suchten.
So rasch die Fluth nämlich, als sie an diesem Morgen in die Bucht eingelaufen, das enge Felsenthor landeinwärts durchströmte, so reißend schoß auch jetzt, noch von dem wirbelnden Wind getrieben, die Ebbe hinaus, und das kleine, schaukelnde Fahrzeug, das in der letzten Minute den Felsen näher und näher getrieben war, fühlte kaum den Druck des Segels, unter den es das schnell gerichtete Steuer brachte, als es sich auch im wilden Ansprung auf die nächste Woge schwang, und jetzt, von Strömung und Wind begünstigt, rasend schnell durch die Fluth dem gähnenden Thor entgegen brauste. Kaum noch hundert Schritt war es von diesem entfernt – deutlich konnten sie das wilde Anstürmen der Wogen erkennen, die sich wie feurige Strahlenkämme an seinen starren Häuptern brachen – jetzt schien es, als ob der zitternde Schooner, mit vollem, gewaltigen Anlauf, toll und wild gerade hinanstürmen wolle auf den Felsenkamm, der ihn zerschmettert der Tiefe zusenden mußte. Die Mannschaft stand unthätig am Bug – die nächste Secunde sollte ihr Schicksal entscheiden, und nur noch wenige Klaftern Seeraum trennte sie von ihrem Tod. Dicht vor ihnen ragte der Fels empor, und das Schiff – ha, es neigte sich ab – großer Gott, jener scharrende Laut, der das Herzblut der Männer stocken machte – es war die Seitenwand des Kasuar im vorbeischnellenden Druck an der Steinsäule des linken Thores. – Und der Schooner? – frei und frank schoß er von der nachdrängenden Fluth gehoben, in die offene See hinaus, dicht hinein in das enggereefte Segel legte sich der nachdrängende Sturm, und wie dem Element angehörig, tanzte das wackere, kleine Seeboot gerettet auf dem wogenden, zürnenden Meer.
Noch hatten sich die Matrosen nicht von der fürchterlichen Angst des Augenblicks erholt – noch standen die Leute still und regungslos an ihren Plätzen, und wagten es kaum zu glauben, daß die Gefahr jetzt wirklich vorüber sei, denn die offene See fürchtete keiner, da rief sie aufs Neue Tomson's Stimme zu den eben vorübergegangenen, aber in der Gefahr des Augenblicks schon fast vergessenen Scenen zurück.
»Bindet den Schuft – den Ned, und werft ihn in den Raum hinunter – Du Bob, nimm hier das Steuer, bis ich einen Anderen der Leute herschicke. Hallo – wo ist Van Broon – wo ist der Holländer, hat ihn die Angst getödtet?«