In Jüterbock hielt der Zug wegen der Aufnahme des Militärs länger an als gewöhnlich, und der Beamte unterhielt sich indessen aus dem Coupé heraus mit einigen davorstehenden Soldaten, die eben ihrem Lieutenant drei donnernde Hurrahs gebracht hatten. – »Morgen kommen wir auch nach Berlin!« riefen diese und die Wirkung starker Getränke war bei ihnen nicht zu verkennen. »Hussah, morgen kommen wir!« – »Das ist recht, Kinder,« sagte der freundliche Beamte und nickte ihnen lächelnd zu; »haltet nur nicht zu hoch!« – »Bewahre, altes Haus!« sagte einer der jungen Bursche, »eben die rechte Höhe und mitten hinein!« – »Bravo, meine Jungen!« nickte der Beamte und der plötzliche Ruck, den der Wagen that, setzte ihn einem hagern, hohläugigen Mann, der in einfach grober, aber sauberer Tuchkleidung dicht hinter ihm saß, auf den Schooß.

Der Hagere entschuldigte sich auf das ängstlichste, daß er dem Manne, von dem ihm wahrscheinlich sein Instinkt sagte, es sei Einer, der mit der Regierung in Verbindung stehe, im Wege gesessen habe, rückte, so weit es anging, von ihm zurück und benahm sich überhaupt so eigenthümlich, daß ich nicht umhin konnte ihn etwas genauer zu betrachten.

Er mochte etwa in den vierzigen sein, vielleicht war er auch jünger, denn die fahlen Züge sprachen von ertragenem Leid. Scheu und doch auch wieder neugierig blickten die hellgrauen Augen um sich, schienen auf nichts zu haften und begegneten nie einem andern Blick. Ich würde den Mann für einen Verbrecher gehalten haben, hätte mich nicht die unverkennbare Behaglichkeit, mit der er sich manchmal, besonders wenn er einen Augenblick vor sich niedergesehen hatte, die Hände rieb und leise vor sich hinschmunzelte, irre gemacht.

Das Licht wurde plötzlich draußen weggenommen, Dunkelheit umgab uns wieder, und weiter ging's in sausender Schnelle von Jüterbock fort; hinter uns drein tönte das Hurrah der Soldaten, und unter uns, um uns, vor und hinter uns klapperten, keuchten, knarrten und rasselten Räder, Schienen und Achsen. – Nicht lange, so war die nächste Station erreicht; hier sollten wir den Güterzug von Berlin erwarten; kurzer Aufenthalt wurde uns angekündigt und die meisten stiegen aus, um eine Tasse heißen Kaffee zu trinken; das Wetter rechtfertigte wenigstens ein solches Verlangen. In der Restauration sah ich zufällig meinen hagern Nachbar neben mir; er stand nicht weit vom Büffet und schaute nach der großmächtigen Kanne und den Tassen hinüber. – »Haben wir von hier aus noch weit nach Trebbin?« fragte ich ihn, mehr eigentlich, um ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen, als aus wirklichem Interesse für die Antwort. –

»Das weiß ich nicht,« sagte der Hagere schnell, schüttelte dabei das lächelnde Gesicht mit dem halbgeöffneten Mund und sah mich zum erstenmal mit den hellglänzenden Augen fest an. »Ich weiß gar nichts,« fuhr er gleich darauf fort, noch ehe ich mich von ihm abwenden konnte, »nicht das mindeste. – Sie wissen doch wohl, wo ich herkomme?«

Ich blickte erstaunt zu ihm hinüber. »Ich weiß gar nichts! – Sie wissen doch wohl wo ich herkomme?« – was sollte das heißen? –

»Sind Sie hier fremd?« frug ich ihn. –

»Fremd? ja, ich komme von Torgau,« lächelte der Mann und rieb sich immer eifriger und mit immer mehr aufgeheiterten Zügen die Hände. »Ich bin mit unter den Amnestirten; ich weiß gar nichts von der Welt – ich sitze seit 1831 auf der Festung.«

Allmächtiger Gott! mir zog es eiskalt durch Mark und Bein. Der Mann war siebzehn Jahre hinter Festungsmauern begraben gewesen, und jetzt, in diesem Augenblick, in diesen Zuständen, sprang er auf einmal, wie neugeboren, aber mit vollem staunenden Bewußtsein, mitten in's Leben hinein. – »Ja,« lächelte der Unglückliche und rieb sich noch immer stillvergnügt die Hände, »da können Sie sich wohl denken, daß ich gar nichts weiß. – Ach bitte, nicht wahr, das ist Kaffee dort, was der Mann ausschenkt?« – »Ja,« erwiderte ich und konnte den Blick nicht abwenden von der Leidensgestalt. – »Der wird wohl verkauft?« – In dem Moment wurde draußen hastig die Glocke gezogen; wir mußten schnell in unser Coupé zurück, denn der Güterzug kam eben mit rothglühendem Rachen und leuchtendem Athem auf dem schmalen, dunkeln Damm herangeschnaubt.

Dicht neben uns hielt der Zug und alle Fenster waren rasch besetzt, um Neuigkeiten von Berlin zu erfragen. »Wie steht's dort? kommen wir noch hinein? – ist schon geschossen worden?« – »Ganz gut – Alles ruhig – keine Gefahr!« tönte es hin und wieder. Ein junger Mann, der mit dem Güterzug gekommen war, sah die Soldaten in unserem Train. – »Euch wollen sie nach Berlin haben, daß ihr das Volk sollt unterdrücken helfen!« rief er ihnen zu, »und ihr seid doch unsere Brüder!«