Der Beamte mit dem bleichen Gesicht und der Dienstmütze, der die Worte gehört hatte, bog sich rasch zum andern Fenster nach der Restauration zu hinaus und flüsterte draußen Stehenden etwas zu. »Was? der Kerl will die Soldaten aufreizen?« riefen dort ein paar Männer und schauten zwischen den Wagen unseres zur Abfahrt bereiten Zuges nach den Wagen des Güterzugs hinüber. »Wart, Canaille, wenn hier der Zug fort ist, mit dir wollen wir sprechen!« – »Holt ihn ein Bischen heraus,« sagte der Beamte freundlich; »den müßt ihr euch einmal besehen.« – »Na wart nur!« riefen die Gereizten, »also die Weißmütze? – ich sehe sie schon in der Ecke!«
Ich bog mich rasch aus dem Wagen nach dem Güterzug hin und rief dem jungen, wirklich bedrohten Fremden zu, in ein anderes Coupé überzusteigen; dann aber und während jetzt unsere eigene Locomotive mit gellendem Jubelschrei aufbrach, wandte ich mich an den freundlichen Beamten und sagte ihm frei, was ich von ihm dachte. Er war geschmeidig wie ein Ohrwurm; er hatte es ja gar nicht so bös gemeint, »die Leute thäten nichts der Art, das wären Menschen wie die Kinder etc.« – Pfui über den Schuft, das sind die wahren Wühler, die heimlich, wie giftiges Geschmeiß, im Lande herumkrochen und in der Stille hetzten und geiferten dem offenen Wort gegenüber, und dabei süß, unschuldig drein schauten und fromm und liberal thaten.
Eine halbe Stunde später kamen wir nach Trebbin, und glücklicher Weise fand unsere Eskorte daselbst Contreordre. Der Lieutenant, den es selbst zu freuen schien, daß er uns den unangenehmen Aufenthalt ersparen konnte, verkündete uns, der Zug dürfe ungesäumt weiter gehen. Um neun Uhr liefen wir in den Berliner Bahnhof ein, und Massen dort aufgestellten Militärs verkündeten uns, wären wir nicht schon unterrichtet gewesen, den Belagerungszustand der Stadt. Es wurden uns weiter keine Schwierigkeiten in den Weg gelegt, nur Bewaffnete, deren wir jedoch keine bei uns hatten, sollten nicht eingelassen werden.
Ich durchwanderte die Friedrichsstadt noch am selben Abend nach allen Richtungen. Todtenstille in den Straßen; nur hie und da an den Ecken kleine Trupps vor einem von der Laterne beleuchteten Plakat. Dieses handelte von Zusammenrottungen auf den Straßen; am Tage durften nicht mehr als zwanzig, Abends nicht mehr als zehn Menschen beisammen stehen; gingen sie nicht auseinander auf die Aufforderung der Patrouille, so hatte das Militär von seinen Waffen Gebrauch zu machen. – Unter den Linden, besonders an den Ecken der Friedrichsstraße, standen Menschengruppen; Jungen verkauften ein Plakat des Referendars Wache, mit der Anempfehlung: »ohne Erlaubniß Wrangels.« Unter der einen Laterne erzählte Jemand irgend einen Vorfall; Neugierige traten hinzu und es bildete sich bald ein Haufen von wohl fünfzig bis sechszig Personen. Da tönte der schwere gleichmäßige Schritt einer Patrouille die Allee herab. –
»Meine Herrn, treten Sie in kleinere Trupps,« bat der Sprecher; »immer zehn und zehn, wenn ich bitten darf.« – Die Menge zertheilte sich schnell und ohne weitern Zuredens zu bedürfen. – »Hier können wir noch zwei brauchen,« sagte Einer; »so, jetzt haben wir gerade das Deputat!« ein Anderer. Hie und da lachte Einer, als die Soldaten ernst und schweigend vorbei schritten, die verschiedenen kleinen Trupps aber nicht weiter belästigten. »Ruhe! – nicht lachen!« riefen Andere und die Patrouille bog in die Friedrichsstraße ein.
Dieselbe Ruhe herrschte in andern Straßen, dieselbe Ordnung; wer nicht manchmal einer Patrouille begegnete; hätte nicht daran gedacht, daß er sich in einer belagerten Stadt befinde. – Am nämlichen Abend war eine Deputation von Stettin aus unterwegs, welche folgende Demonstration beabsichtigte. Die achthundert Mann trugen alle breite weiße Papierstreifen an den Hüten, auf denen mit großen Buchstaben gedruckt stand: Ehre der Nationalversammlung! Stettin. – So hatten sie am nächsten Morgen in feierlicher Procession die Stadt durchziehen wollen, aber der ganze Bahnzug war (wie man das auch bei uns, wo man wohl eine ähnliche Deputation vermuthet, anfangs beabsichtigt hatte) auf der letzten Station vor Berlin aufgehalten worden, und nur einzelne Mitglieder, ich glaube acht oder zehn, ließen sich auf einem Leiterwagen nach Berlin schaffen. Einige derselben sollen, wie man sagte, gerade wegen jener, als Plakate angesehenen Zettel verhaftet worden sein.
Am nächsten Morgen brachte ein frisches Plakat des Kommandirenden etwas regeres Leben in die Masse; die Patrouillen seien verspottet worden, hieß es, und haben jetzt strengen Befehl erhalten, bei der geringsten Widersetzlichkeit vollen Gebrauch von ihren Schießwaffen zu machen. Die Jungen rissen hie und da solche Zettel herunter und klebten dafür die von Wache an, worin Wrangel und seine Proklamation verhöhnt waren, und die ihrerseits wieder von den Soldaten entfernt wurden. So sah ich am Schloß einen Jungen am eisernen Gitter eines der untern Fenster hoch emporklettern und soweit darüber, als er reichen konnte – gewiß 18-20 Fuß vom Boden – eine Wache'sche Proklamation ankleben. Gleich darauf kam eine Patrouille, und einer der Soldaten mußte jetzt ebenfalls dort hinauf und mit dem Bajonett das mißliebige Papier unter dem Jubel der umstehenden Jugend herunterstoßen.
Wunderlich sahen die königlichen Gebäude aus. Das Schauspielhaus, das Museum, die Münze, des verstorbenen Königs Palais, das Schloß, die Bauakademie, das Zeughaus, alle Gebäude der Art wimmelten von Militär, Helm an Helm sah aus den Fenstern heraus und doppelte Schildwachen, alle marschfertig gerüstet, standen davor Wache.
Und was sagte das nämliche Volk, das sich am 18. März mit so kecker Todesverachtung, fast ganz unbewaffnet, auf den Barrikaden eben dieser Straßen geschlagen hatte – was sagte das Volk zu dem Herrscherton, wie ihn Wrangel annahm? – Eigenthümlich war die Stimmung der Stadt: überall Entrüstung über Wrangel, überall verhaltener Grimm, und doch fast ängstliche Besorgniß vor einem Zusammenstoß mit den Truppen.
An irgend einer Ecke, der Leipziger Straße glaub' ich, hatte das Militär mit einbrechender Dämmerung ein Haus besetzt, das von oben bis unten, wie man draußen sagte, nach einer Vitriolspritze durchsucht wurde; man fand jedoch nichts und die Patrouille zog wieder ab. Vor dem Gebäude hatte sich indeß eine ziemliche Schaar Neugieriger versammelt, doch nahmen die Soldaten keine Notiz davon und marschirten die Straße hinab. Gleich darauf kam eine Uhlanenpatrouille und der Offizier forderte die Menge auf, sich zu zerstreuen. Dieß geschah auch, und nur vor dem durchsuchten Haus blieben noch etwa zwanzig oder dreißig Personen zurück. Die Uhlanen ritten langsam daran vorbei, als Einer aus der Menge höhnisch hinter ihnen her lachte und ein Schimpfwort rief. Das wäre ihm aber beinahe übel bekommen; die Uhlanen achteten es allerdings nicht, aber die Umstehenden fielen unter dem Ruf: »verdammter Reaktionär!« über den Lacher her, und er konnte einer tüchtigen Tracht Schläge nur durch die heilige Versicherung entgehen, daß er keinen der Soldaten, sondern »einen Freund von sich« gemeint habe.