An diesem Tage war auch auf's Neue ein Plakat, die Einlieferung der Waffen betreffend, angeschlagen und die Stimmung, die sich darüber aussprach, schien eine allgemeine: man wollte die Waffen unter keiner Bedingung ausliefern. Der angesetzte Termin bis Abends fünf Uhr verlief deßhalb auch, ohne daß dem Befehl, mit einigen Ausnahmen allerdings, Folge geleistet worden wäre; ja man sprach sogar von einer großartigen Demonstration. Ein Theil der Bürgerwehr, wie mir gesagt wurde, 15,000 Mann, wollte vor dem Zeughaus aufmarschiren und dort dem Feldmarschall erklären, sie liefern die Waffen nicht ab, und wenn er Bürgerblut vergießen wolle, so möge er auf sie schießen. Das unterblieb aber, aus welchem Grunde weiß ich nicht, und man beschränkte sich einfach darauf, dem Befehl nicht nachzukommen.

Am nächsten Morgen, am vierzehnten, fing man an in der Behrenstraße und der benachbarten Gegend die Waffen einzusammeln. Eine Patrouille ging mit einem Rüstwagen herum, die Enden der Gasse wurden mit Militär besetzt, aber nicht abgesperrt, denn es konnte Jeder frei hin und wieder gehen, und ein Trommelwirbel verkündete den Bewohnern des Hauses, vor dem der Wagen hielt, daß sie die in ihrer Wohnung befindlichen Gewehre in die Hausflur herabbringen sollten; wo das nicht geschah, hatten die Soldaten Auftrag in die Zimmer zu gehen und nachzusehen, ob sich Waffen darin befanden.

Wie ein Lauffeuer schoß die Nachricht, daß man die Waffen abhole, in die entferntesten Theile der Stadt, und die Aufregung unter den Arbeitern, vorzüglich den Maschinenbauern, wurde bedenklich. In der Königsstadt, in Moabit und den äußern Stadttheilen schien man fest entschlossen die Waffen nicht gutwillig herzugeben, und daß gerade dort, wo man begonnen, das Einsammeln ziemlich günstigen Erfolg gehabt, konnte Jene nicht anders stimmen. – »Das ist das Geheimerathsviertel,« sagten die Arbeiter; »ob das die Waffen behalten hätte oder nicht, beim Kampf wär' das gleichviel gewesen.«

Straße um Straße durchzog das Militär; Wagen nach Wagen voll Gewehren wurden in das Zeughaus, stets unter starker Bedeckung abgeliefert, und in der ganzen Friedrichsstadt schien sich kein einziger Bürger dem Befehl ernstlich widersetzen zu wollen. Der »passive Widerstand,« den die Nationalversammlung behauptete, dehnte sich auch auf diese Maßregel der Militärgewalt aus. – »Abliefern thun wir die Gewehre nicht,« meinten die Bürger; »wenn sie unsere Flinten haben wollen, mögen sie sie holen.« – Sollten die Arbeiter allein vor die Bresche stehen? sollten sie, die im März die Barrikaden errichtet und vertheidigt, noch einmal zu diesem letzten Mittel greifen? – »Und für wen? – für die Bürger?« – »Hol' sie der Teufel!« sagten am 16. die Maschinenbauer in Moabit; »wenn die nicht selbst den Muth haben für ihre Freiheiten einzutreten, so sehen wir nicht ein, weßhalb wir wieder die Katzen sein sollen, mit deren Pfoten sie die Kartoffeln aus dem Feuer holen. Bis jetzt sind sie mit ihren blanken Pulverhörnern und bunten Quasten in einem fort durch die Straßen gerannt; nun auf einmal läßt sich keiner mehr sehen; wir wollen uns auch nicht todtschießen lassen.« Und das Resultat war, daß der »passive Widerstand« auch unter den Arbeitern seine Proselyten machte.

Am 15. Abends war die Nationalversammlung, die seit mehreren Tagen an verschiedenen Orten heimlich Sitzung gehalten hatte, unter den Linden im Hotel Milentz beisammen. Doch auch dieser Platz war verrathen worden, und als ich, etwas nach neun Uhr Abends, dort vorüber kam, stand ein starkes Piket Militär vor der Thür und hatte das Haus gesperrt. Mehrere hundert Menschen sammelten sich, aber Alles blieb ruhig; es wurde ihnen keine Aufforderung auseinanderzugehen, und sie selber schienen auch nur durch Neugierde an den Platz gefesselt. Da näherte sich eine Patrouille, und als der Offizier die Menschenmasse erblickte, rief er: »Tambour vor!« um zum Auseinandergehen aufzufordern. Aber der Führer der vor dem Hotel aufgestellten Truppen ging auf ihn zu, sprach ein paar Worte mit ihm und gleich darauf folgte das »kehrt, marsch!« der eben Gekommenen. Die Patrouille zog wieder ab und die Menschenmassen blieben unbelästigt stehen.

Noch hatte sich aber die Patrouille keine hundert Schritt entfernt, als aus dem Hotel heraus die Abgeordneten kamen; die Soldaten ließen sie ungehindert durch und von allen Seiten drängte man hinzu, das Resultat der Sitzung zu hören. Der Beschluß, die Steuern zu verweigern, war gefaßt worden und blitzschnell lief das Gerücht durch die Menge; auch die Einzelnheiten der Sitzung wurden rasch von den Mitgliedern der Versammlung selbst Fremden auf offener Straße mitgetheilt. Die Männer waren augenscheinlich in der gereiztesten Stimmung.

Die augenblickliche Wirkung dieses wichtigen Beschlusses schien mir keine so gewaltige, als man hätte vermuthen sollen; man schien die Sache vorhergesehen zu haben, und wenn auch hie und da aus einer kleinen Gruppe ein jubelndes Hurrah empor stieg, standen andere wieder schweigend und fast theilnahmlos daneben. Einige Männer, an denen ich vorüberging, fragten mich, was es da gebe; ich sagte ihnen, was ich eben aus dem Munde eines der Abgeordneten gehört: die Nationalversammlung habe in diesem Augenblick beschlossen, die Steuern zu verweigern. – »So?« erwiderte Einer, »hm – nun – wir zahlen sie doch!«

Auch am andern Tage ließ sich deßhalb keine größere Aufregung in der Stadt bemerken, und man erzählte sich den Beschluß in einem Tone, als ob es sich um eine ganz gleichgültige Sache handelte. Mir kam das anfangs räthselhaft vor, und doch stand es wieder mit dem ganzen eigenthümlichen Wesen dieses »passiven Widerstands« in genauer Verbindung. Die Berliner wußten, daß dieses das letzte Mittel der Versammlung sein sollte; sie hatten somit Alles gethan, was von ihnen verlangt worden war: sie hatten sich ruhig verhalten, und den Provinzen blieb es jetzt überlassen, durch ein Einhalten der Steuern ihr Vertrauensvotum für die Nationalversammlung zu geben, oder im entgegengesetzten Fall durch ein Zahlen derselben an den Tag zu legen, daß sie mit den Beschlüssen derselben nicht einverstanden seien.

Die Stadt war äußerlich ruhig, wie in ihrer ruhigsten Zeit; sobald sich das Wetter nur irgend freundlich zeigte, sah man Spaziergänger unter den Linden; selbst das Theater war, wenn auch schwach, doch besucht. Gespielt wurde im Opernhaus, das Schauspielhaus stand starr und kriegerisch da, »belagert in einer belagerten Stadt,« wie ein Soldat selber äußerte. Das Säulenportal über der großen Treppe war mit Schildwachen besetzt, eben so die Eingänge an allen Seiten; aus allen Fenstern schauten behelmte Gesichter, überall blinkten Bajonette und Helmspitzen. –

Tausend Mann lagen in diesem einzigen Gebäude, das sogar seinen eigenen Kommandanten hatte, und es war dieß dasselbe Regiment (Alexander), das in den Märztagen schon einmal seine Kraft mit den Bürgern gemessen und gewiß seine Tapferkeit bewährt, dennoch aber jetzt, wenn es wirklich wieder zum Kampfe kam, eine Scharte auszuwetzen hatte. Streitgerüstet lagen die Grenadiere in die Mauern des Schauspielhauses gebannt, des Rufs gewärtig zu Bürgerkrieg und Straßenkampf; bloß zu Patrouillen zogen dann und wann einzelne Trupps aus, und Urlaub bekamen nur zehn zugleich, und immer nur auf ganz kurze Zeit.