Schon am zweiten Tag hatte ich einen Versuch gemacht, in das Innere des Gebäudes, das mit solcher Bevölkerung abenteuerlich genug aussehen mußte, einzudringen, war jedoch kurz und entschieden von einem halben Dutzend Schildwachen abgewiesen worden. Ich erfuhr auch von einigen Mitgliedern des Theaterpersonals, daß Niemand, sie selber nicht ausgenommen, hinein dürfe, da das Militär für den Augenblick im alleinigen und unumschränkten Besitz des Musentempels sei. Und oben auf dem Giebel desselben stand scheu und unwirsch, mit schnaubenden Nüstern und vorgestrecktem Huf, Pegasus, das edle Musenroß, als ob es sich eben nach einem nur einigermaßen anständigen Hügel in der trostlosen Ebene umschaute, zu dem es aus dem entweihten Heiligthume entfliehen könnte.
Wie bekannt hatte die Nationalversammlung früher im Concertsaal des Schauspielhauses ihre Sitzungen gehalten; auch dort sollten jetzt Truppen liegen, und meine Neugierde wurde sehr gespannt, als ich hörte, die Soldaten spielten in demselben Raum, wo ihr Vertreter getagt, Abends Nationalversammlung. Wie aber hineinkommen? Schon verzweifelte ich an der Möglichkeit, als mir der Zufall günstiger war, als ich es je hätte erwarten können. Ich bekam Gelegenheit, sogar Abends einer sogenannten »Sitzung« beizuwohnen; das wie mag mir der Leser erlauben zu verschweigen.
Durch zehnfache Schildwachen, über einen Theil der Bühne hin, auf die ich aber kaum einen flüchtigen Blick werfen konnte, da der enge Gang meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, erreichte ich den Concertsaal und überschaute hier gleich ein so eigenthümliches als wunderliches Bild. Der prachtvoll eingerichtete Saal war in ein rohes, wüstes Soldatenlager verwandelt. Auf den rothgepolsterten Sesseln und Bänken lagen und saßen in allen nur möglichen Stellungen die Soldaten, manche lang ausgestreckt auf den Polstern, mit der Pfeife im Mund und die schmutzigen Stiefeln auf den geschnitzten Lehnen; hie und da eine kleine Gesellschaft um einen Tisch gedrängt, im eifrigen Kartenspiel; dort ein paar eingeschlafen in der Ecke, die Mützen in's Gesicht gezogen, das Kinn auf die Brust gedrückt, die Hände über dem Magen gefaltet, die meisten aber aufmerksam der »Abendunterhaltung« lauschend, die eben ihren Anfang genommen zu haben schien. – Ich war etwas verwundert, auch einen Offizier unter den Zuhörern zu erkennen.
Die Abendunterhaltung bestand aber in Folgendem. Auf dem, ich glaube der königlichen Loge gegenüber befindlichen Präsidentensitz hatte sich ein Musikchor eingenistet, das mit, wahrscheinlich im Orchester vorgefundenen Baßgeigen und Violinen und mit eigenen Flöten, Pfeifen und Trommeln Walzer und Märsche spielte; nur Blechinstrumente schienen, wohl des allzulauten Tones wegen, ausgeschlossen. Die einzelnen Musikstücke wurden jedesmal von den Zuhörern mit Bravoruf und Beifallklatschen belohnt, und beim Sturm- und Attaquemarsch, dem ein kurzer, nervenerregender Trommelwirbel folgte, fiel die ganze Schaar jedesmal in das übliche, aber gleichfalls etwas gedämpfte Hurrah ein. – Dann kam wieder irgend ein trauriger Walzer, dem die faule Baßgeige nur mit Widerstreben zu folgen schien, und der Violine fehlte es an Colophonium, das sich im Orchester wohl nicht mit vorgefunden hatte. Die Finger des Spielers mochten sich auch nicht eben gelenk oder taktfest der ungewohnten Beschäftigung fügen; denn man kann gewiß ein ausgezeichneter Trommelschläger und doch nur ein mittelmäßiger Violinist sein. Kurz, es waren außer den gewöhnlichen Märschen klägliche Weisen, die den gepeinigten Instrumenten abgemartert wurden. Und rings umher an den Wänden des durch wenige Oellampen nothdürftig erleuchteten Saals schauten wehmüthig die Büsten von Gluck, Händel, Mozart, Weber, Haydn, Bach, Beethoven und anderer alter Meister der Töne hernieder und schienen in den an ihnen vorbeistreichenden düstern Tabakswolken die Stirnen zu runzeln ob dem ohrzerreißenden Greuel.
Die Hauptperson des Ganzen stand auf der Rednerbühne unter dem frühern Sitz des Präsidenten, und zwar in Civil, in schwarzem etwas schäbigen Frack, Halsbinde und Vatermördern und weißen Beinkleidern, und diese Maske – ebenfalls ein Gardist desselben Regiments – sollte den Präsidenten der Nationalversammlung vorstellen. Es war ein noch junger Bursche mit nicht gerade auffallendem Berliner Dialekt, und er führte einen Taktstock, den er auf carrikirte Art handhabte, damit bald nach dem Orchester hinauf, bald nach den Zuhörern hin gestikulirte und dazwischen zum großen Ergötzen der leicht Befriedigten das Spielen der verschiedenen Instrumente nachahmte. Auf der Nase trug er eine Klemmbrille, die er übrigens später, weil sie ihn genirte, ablegte.
Endlich, nachdem die Spieler eine lange Weile musicirt hatten, eröffnete der Präsident die Sitzung. Mit affektirter Stimme begrüßte er die »Nationalversammlung« und sprach von der schwierigen Aufgabe, sechzehn Millionen zu vertreten, erklärte, daß sie hier zusammen gekommen seien, ihr eigenes Wohl zu berathen, und ließ dann wieder, unter den frühern Possen, ein Lied aufspielen. Hierauf ging er, und nicht ganz ohne Gewandtheit, auf seine wie seiner Kameraden Verhältnisse ein, in welch sonderbarer Lage sie sich eigentlich befänden, belagert in einer belagerten Stadt, und wie wenig man dabei auf ihre eigene Bequemlichkeit bedacht gewesen. Mehrere Tage lang hätten sie auf der bloßen Erde campiren müssen, jetzt, nachdem sie sich wund gelegen, bekämen sie Strohsäcke; der Kaffe sei, trotz einer jüngst eingegangenen Schenkung, ungenießbar, das Fleisch so, daß es sämmtliche vier Köche nicht gahr bekommen könnten, und der innere Zustand des Schauspielhauses, was die Reinlichkeit betreffe, dermaßen schaudererregend, daß eine genauere Beschreibung gar nicht zulässig erscheine.
Nach einer ziemlich weitläufigen, manchmal wirklich witzigen, nur zu oft aber auch sehr matten Auseinandersetzung der Gründe, die ihn eine Aenderung ihres Zustandes wünschen ließen, wandte er sich an die Versammlung, ihre Meinung darüber zu hören, und zwar zuerst an die »äußerste Linke,« die mit einem ziemlich allgemeinen vernehmlichen Ja antwortete. – »Und was sagt die äußerste Rechte zu meinem Vorschlag?« sprach er dann, sich nach der Seite wendend, welche die Rechte früher eingenommen hatte. – »Nein!« lautete hier die vom lachenden Beifallsruf der Zuhörer begrüßte Antwort, und mit einem ruhigen: »Ließ sich nicht anders erwarten,« rückte er sich die Brille wieder zurecht und gab, ohne weiter auf die Abstimmung einzugehen, dem Orchester das Zeichen zum Wiederbeginn eines seiner verzweifelten Stücke.
Sodann nahm er eine Partie Bittschriften, wie sie der Nationalversammlung wirklich eingegangen, und von denen er eine sogar als fingirtes Taschentuch benutzte, und las sie mit possenhaften, nicht selten zweideutigen Bemerkungen vor; eben so mißbrauchte er das preußische Landrecht, von dem ein Exemplar ebenfalls in einem unteren Gefach der Rednertribüne lag. Und die Soldaten amüsirten sich herrlich, aber der Offizier stand nach einer Weile auf und verließ den Saal.
Man müsse den Soldaten den unschuldigen Spaß lassen, um sie bei guter Laune zu erhalten; die armen Teufel haben viele Beschwerden zu ertragen, stehen vielleicht auf der Schwelle eines Bürgerkriegs; das Schauspielhaus dürften sie Abends nicht verlassen, die Langeweile hätte sie ja getödtet – solches und anderes wurde mir vorgestellt. Ich aber fragte mich, ob denn das alles, was mich hier im tollen Possenspiel umgab, Wirklichkeit sei? Mir kam das Ganze oft wie ein Traum vor. – Die Halle hier, in der die Vertreter des ganzen mächtigen Preußenvolkes das Wohl des Landes, das Wohl von Millionen berathen, von Bajonnetten geräumt, von Bajonnetten besetzt, auf der Tribüne ein in Civiltracht possenhaft verkleideter Soldat; die Bittschriften, die das Volk, seinen Vertretern eingesandt, gemißbraucht! – Das Andenken an das Edelste, was die Freiheit eines Volks gewährleisten kann, seine Vertretung durch Abgeordnete im eigenen Parlament, verhöhnt und lächerlich gemacht! Und hier die Männer, die lachend dem Spiele zuschauten oder träumend in der Ecke saßen, jede Minute bereit, beim ersten Trompetenstoß, beim ersten Trommelwirbel in die Höhe zu fahren und mit dem schon geladenen Gewehr, dem schon aufgesteckten Bajonett sich den, vielleicht durch nur irgend einen bösen Zufall aufgereizten Bürgern entgegen zu werfen! Ein eigenes, recht häßliches Gefühl war es, das mich durchzuckte, und ich verließ den entweihten Raum, verließ die armen in effigie gepeinigten Heroen der Musik unter den quitschenden Tönen der Geige, dem brummenden falschen Accompagnement des Basses und dem Beifallssturm der dankbaren Grenadiere.
Um die Mittelthür und die Haupttreppe auf dem nächsten Weg zu erreichen, mußte ich über die Bühne weg, und ich werde den Anblick im Leben nicht vergessen. – Im ungeheuern Raum hingen in der Mitte an Brettern drei Doppellampen, die aber ein düsteres mattes Licht gaben und das Ganze kaum nothdürftig erhellten. Auf der Bühne selbst befand sich die Wache und wenn auch hie und da zwischen den Coulissen Gruppen von Kartenspielern an kleinen Tischen saßen, so mußte doch die Bühne selbst von solchem Treiben frei bleiben. – Hier standen die Gewehre der Wache zusammengestellt, und ernste Posten wanderten schweigend daneben auf und ab. Ich ging zwischen ihnen durch und betrat die Bretterbrücke, die über die Banklehnen des Parterres hinweg dem Ausgang zuführt. – Hier aber blieb ich stehen und überschaute nun zurückblickend das ganze eigenthümliche Bild, das vor mir ausgebreitet lag.