Er hob sein Gewehr auf den Stamm, richtete die Mündung nach der Gegend zu, von der er den einzelnen Wolf erwartete, – denn das Rudel bleibt in solchem Fall gewöhnlich so lange auf dem einmal behaupteten Platz, bis der Vereinzelte dazu gestoßen ist – und harrte dann lange und geduldig – der Wolf wollte sich aber immer noch nicht sehen lassen.
Sollte die Bestie etwas gemerkt haben – aber der Wind war doch günstig. – Holik ließ seine Büchse auf dem Stamm liegen, hielt beide Hände trichterförmig an den Mund – und heulte kläglich. – Der Laut war täuschend ähnlich nachgeahmt, und schallte gar wehmüthig durch den düstern Wald.
Wenn aber auch keine Stimme von dort, wo der einzelne Wolf sein mußte, antwortete, so war Ben doch ein viel zu alter Jäger um nicht auf seiner Hut zu sein, oder sich durch Uebertreibung einen einmal gewonnenen Vortheil zu verderben. Leise griff er wieder nach der Büchse, blieb ruhig im Anschlag liegen, und erwartete das Resultat.
Das sollte auch nicht lange ausbleiben. – Der Wolf antwortete allerdings nicht mehr, aber nur weil er zu nahe war, und als Ben mit gespannter Aufmerksamkeit selbst dem leisesten, unbedeutendsten Geräusche lauschte, hörte er plötzlich im trocknen Laub der benachbarten Baumgruppe rasche, aber vorsichtige Schritte. – Trap, trap, trap, trap – und das Thier stand – noch einmal – es windete wieder. Hatte es vielleicht den Rauch in die Nase bekommen. Der Wolf betritt übrigens jedesmal vorsichtig einen freien Platz, weil er wahrscheinlich nicht allein Gefahr fürchtet, sondern auch vielleicht selber nach Beute ausschaut.
Ben konnte genau von wo er stand die Schritte hören, den Platz selbst aber noch nicht mit seinem Blick durchdringen, wagte deshalb auch nicht sich zu bewegen, weil er nicht wissen konnte ob des Raubthiers Augen nicht gerade in diesem Moment dorthin gerichtet waren, wo er lag. Heulen durfte er auch nicht wieder – die Entfernung mußte jedenfalls zu gering sein, als daß die scheue Bestie nicht den Betrug hätte merken und den falschen Rufer erkennen sollen. Es blieb ihm Nichts anderes übrig als jetzt ruhig und regungslos abzuwarten, bis das Thier in's Mondenlicht heraustreten würde.
Da wurde plötzlich hinter ihm – ein klein wenig nach rechts, das Rudel wieder laut und ein triumphirendes Lächeln zuckte über Ben's Antlitz – es machte aber auch eben so schnell einem Ausdruck peinlicher Spannung Platz, denn in dem nämlichen Moment schon trat der Wolf, der durch den letzten Lockton bestimmt schien, aus dem düstern Schatten vor, auf den freien, nur mit einzelnen Bäumen bewachsenen Raum.
Ben's Herz schlug fast hörbar, aber sein Arm lag fest wie Eisen – ruhig richtete er das todtbringende Rohr nach dem Feind und suchte mit dem scharfen Blick dessen dunkle Gestalt auf das Korn seiner Büchse zu bringen. Doch vergebens – in dem matten ungewissen Licht schmolz Korn und Ziel so ineinander daß er um's Leben nicht hätte genau bestimmen können wo die Kugel sitzen würde, und fehlen – nein das durfte er nicht.
Vorsichtig hob er den Lauf gegen den helleren Himmel, wo er das Korn deutlich gegen einen der funkelnden Sterne konnte abstechen sehen, legte sich dann fest in den Kolben, fuhr nieder, und so wie er die Gestalt des noch immer regungslos und jetzt seitwärts in's Thal schauenden Thieres voll im Korn hatte, berührte sein Finger den Drücker.
Der Schuß schmetterte dröhnend durch den Wald und Ben sprang blitzesschnell empor.
»Siehst Du, Kannaille, sagte er da, als er den dunkeln Körper regungslos im, vom Mondlicht hell beschienenen Laube liegen sah – siehst Du – ich habe Dir's prophezeiht. – Das ist doch wenigstens ein Trost, einem solchen herumschleichenden Schuft das Handwerk gelegt zu haben. Panther und Bären – ich wollte daß Gottes Strahl all das Lumpengesindel träfe, das so wie Du, Bestie, das Licht scheut, im Dunkeln herumschleicht und Unheil anrichtet, wohin es den Fuß gesetzt und seinen Athem gehaucht!«